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5.3 Motive freiwilliger Arbeit

Wie der Forschungsstand des vorangegangenen Kapitels zeigt, beschäftigen sich viele Studien mit der Frage danach, wer sich freiwillig engagiert und was im Rahmen der freiwilligen Arbeit geleistet wird. Weniger Studien befassen sich damit, aus welchem Grund Personen freiwillig arbeiten (Bekkers 2007, S. 4). Diese Gründe werden in der Forschung zu freiwilliger Arbeit Motive genannt. Der Begriff Motiv stammt von dem lateinischen Wort motus für Bewegung oder auch Aufbruch, und die Motivation wird als „Sammelbezeichnung für vielerlei Prozesse und Effekte“ bezeichnet, „deren gemeinsamer Kern darin besteht, daß [sic!] ein Lebewesen sein Verhalten um der erwarteten Folgen willen auswählt und hinsichtlich Richtung und Energieaufwand steuert“ (Heckhausen 1989, S. 10; Hau und Fromm 2011, S. 567).

Dabei antizipiert die Person die möglichen Konsequenzen des eigenen Handelns und die Wahrscheinlichkeit, die gewünschten Ziele zu erreichen (Heckhausen 1989, S. 11). Es gibt unzählige einzelne und teils sehr komplexe Motive, die sich aus persönlichen Erfahrungen und Ressourcen, äußeren Umständen, Gelegenheitsstrukturen und vielen anderen Einflussfaktoren ergeben (ebd., S. 9). Motive sind auf sogenannte Handlungsziele zurückzuführen, die die Person im Laufe ihrer Entwicklung ausbildet (ebd., S. 10). Die Handlungsziele werden durch die Sozialisation und soziale Normen beeinflusst und sind daher von lebensnotwendigen Bedürfnissen, wie zum Beispiel Hunger oder Durst zu stillen, zu unterscheiden (ebd.). In der Literatur gibt es keine allgemeingültige Definition, wie viele und welche Inhaltsklassen von Handlungszielen zu unterscheiden sind, doch sind sich Forscher darin einig, dass die Handlungsziele möglichst grob zu fassen sind und vor allem Leistung, Hilfeleistung, Macht und Aggression zu den wichtigsten zählen (ebd., S. 2, 10). Auch die Erwartungen, die an Ziele gekoppelt sind, sind individuell verschieden, und Personen haben unterschiedliche Anspruchsniveaus hinsichtlich der Ergebnisse ihrer Handlungen (ebd., S. 10). Motive sind „hypothetische“ oder latente Konstrukte, die ausgedacht und nicht direkt beobachtbar sind. Durch das Aufdecken der Motive soll das unterschiedliche Handeln von Personen erklärt und vorhergesagt werden (ebd.).

Die für freiwillige Arbeit relevante Inhaltsklasse von Handlungszielen ist die Hilfeleistung (Wilson 2000, S. 216). Evolutionsbiologisch entwickelte sich das Helfen, um den Fortbestand der eigenen Art zu sichern[1] (Heckhausen 1989, S. 281; Hoof 2010, S. 41). Durch Helfen konnten die Lebensbedingungen der Mitglieder der eigenen Sippe oder Gruppe verbessert werden und ein „Überlebensvorteil“ gegenüber Konkurrenten entstehen (ebd.).

Die „sozialen Formen“, in der Hilfeleistungen heute ihren Ausdruck finden, sind Kirchen, soziale Einrichtungen, Wohlfahrtsverbände, Krankenhäuser und andere gemeinnützige Einrichtungen (Murray 1962, S. 185). Wie bei allen anderen Inhaltsklassen von Handlungszielen spielen bei den Motiven von Hilfeleistungen verinnerlichte Normen eine große Rolle, vor allem solche sozialer Verantwortlichkeit und Gegenseitigkeit (Heckhausen 1989, S. 286 f.). Verantwortlich fühlen sich Personen vor allem gegenüber Kindern und Personen, die aufgrund von Einschränkungen auf andere angewiesen sind (Murray 1962, S. 184). Je stärker die Hilfe benötigt wird und je hilfloser der Bedürftige ist und je weniger selbstverschuldet die Notlage ist, desto eher fühlen sich Personen dafür verantwortlich zu helfen (Berkowitz und Daniels 1964; Heckhausen 1989, S. 287, 291; Piliavin und Piliavin 1972; Piliavin et al. 1969). Weithin helfen Personen eher, wenn sie andere zuvor beim Helfen in einer ähnlichen Situation beobachten (Heckhausen 1989, S. 287). Freiwillige Arbeit fällt in die Kategorie des „beabsichtigten Helfens“, bei dem deutlich stärker persönliche Einstellungen und Eigenschaften zur Handlungsentscheidung führen als beim Helfen in Notsituationen (Clary und Snyder 1991, S. 121; Heckhausen 1989, S. 299; Wilson 2000, S. 216). Es wird regelmäßig ausgeübt und aus Alternativen ausgesucht, aber ist weniger spontan und weniger umfangreich als Hilfeleistungen innerhalb der Familie oder des Freundeskreises (Clary und Snyder 1991, S. 121; Wilson 2000, S. 215). Freiwillige Arbeit „calls for considerably more planning, sorting out of priorities, and matching of personal capabilities and interests with the type of intervention“ (Benson et al. 1980, S. 89). Die Motive sind daher vielfältiger und umfangreicher als bei der Hilfe für nahestehende Personen. Tabelle A 2 zeigt die für die vorliegende Arbeit bedeutsamen Studien seit 1978. Im Folgenden werden die Ergebnisse der relevanten neueren Studien dargestellt.

  • [1] Ausführlich in u.a. Campbell (1972) oder Heckhausen (1989)
 
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