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5.3.3 Zusammenfassung der Motivstudien

Die Studien zu den Motiven freiwilliger Arbeit liefern, trotz unterschiedlicher Fragestellungen und Methodik, ähnliche Ergebnisse. Am häufigsten genannt werden die Motive Menschen helfen und Spaß haben. Daher werden diese beiden Nennungen als Grundvoraussetzungen für freiwillige Arbeit bezeichnet, ohne die sich Personen nicht engagieren würden. Abgesehen von diesen beiden Grundvoraussetzungen werden vornehmlich – wie von den meisten Autoren sogenannte – altruistische Motive genannt wie sich für das Gemeinwohl einsetzen, seine moralische Pflicht erfüllen oder sich für die politische Grundhaltung einsetzen wollen. Religiöse Begründungen werden häufig ebenfalls zu den altruistischen Motiven gezählt und spielen vornehmlich in religiösen Vereinen eine Rolle. Egoistische Motive werden seltener genannt, was vermutlich ein Effekt sozialer Erwünschtheit ist. Allerdings ist der Wunsch, soziale Kontakte zu knüpfen, mit Abstand das am häufigsten genannte egoistische Motiv, gefolgt von Qualifikationen, Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben wollen. Vor allem für jüngere Freiwillige stehen Lernen, persönliche oder auch berufliche Weiterentwicklung im Vordergrund. Für Ältere ist der sinn- und alltagsstiftende Aspekt des freiwilligen Engagements wichtig oder auch sich beweisen wollen, dass man (noch) zu etwas nutze ist. Der Wunsch nach sozialer Anerkennung oder kompensatorische Aspekte werden seltener, aber dann von älteren oder nicht berufstätigen Frauen genannt.

Unterschiede zeigen sich weiterhin bei den Motiven Freiwilliger verschiedener Vereine. So hat ein politischer Gestaltungswille in neutralen Vereinen weniger Relevanz als in anderen Vereinen, religiöse Motive werden häufiger in kirchlichen Einrichtungen genannt und Verantwortungsgefühl der eigenen Gruppe gegenüber häufiger in Fußballvereinen. Einige Studien zeigen außerdem, dass nicht nur Motive, sondern auch bestimmte Erwartungen an das freiwillige Engagement geknüpft sind. Als wichtig werden hier die Erstattung von Kosten, Wohnortnähe und Gestaltungspielraum genannt. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, kann das zur Unzufriedenheit mit der Tätigkeit führen.

Regionale Effekte scheint es nicht zu geben. Allerdings gibt es auch keine deutsche Studie, die sich explizit mit der regionalen Differenzierung von Motiven auseinandersetzt. Für Ost- und Westdeutschland sind jedenfalls nur marginale Unterschiede zu finden. Und auch in den deutschsprachigen Nachbarländern sind die vorgestellten Motive jene, die auch in Deutschland am häufigsten genannt werden. Im europäischen Vergleich jedoch zeigt sich, dass Deutsche häufiger persönliche Bedürfnisse wie die Strukturierung des Alltags und religiöse Gründe nennen als Freiwillige anderer Länder. Unzufriedener als andere Europä- er sind die Deutschen mit der fehlenden Anerkennung für ihr Engagement sowie mit der schlechten Organisation und empfinden darüber hinaus freiwillige Arbeit seltener als moralische Verpflichtung. Im Gegensatz zu den anderen europäischen Freiwilligen wird die Tätigkeit seltener als Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft gesehen.

Insgesamt konnten in den vorgestellten Studien acht Motivbündel in unterschiedlichen Kombinationen herausgearbeitet werden. Sie sind in Tabelle 11 abgetragen. Durch die Kreuze wird angezeigt, welche Motivbündel in welchen Studien gefunden wurden.

Beim ersten Motivbündel, das in der Tabelle 11 abgetragen ist, handelt es sich um sog. altruistische Motive, die dem Wunsch zu helfen oder auch Mitgefühl entsprechen. Gleich (2008) bezeichnet dieses Motivbündel als milieuorientiertes klassisches Ehrenamt und versteht es als Kombination aus altruistischen Motiven und der christlichen Nächstenliebe (Bierhoff et al. 2007; Hoof 2010; Kolland und Oberbauer 2006; Kühnlein und Böhle 2002; Schüll 2004; Wallraff 2010). Wie bereits erwähnt, sehen die meisten Autoren den Wunsch zu helfen allerdings als Grundvoraussetzung, um sich überhaupt zu engagieren. Ist dies der Fall, sollte jedoch eine deutliche Trennung von religiösen Motiven vollzogen werden, da hinsichtlich religiöser Motive deutlich heterogenere Einstellungen zu erwarten sind als zu dem Grundmotiv helfen zu wollen. Die Ergebnisse von Schüll (Schüll 2004) unterstützen diesen Vorschlag (Kapitel 5.3.2).

Das zweite Motivbündel besteht aus dem Wunsch, soziale Kontakte über die Freiwillige Tätigkeit zu generieren, beinhaltet aber auch, dass die Freiwilligen von Angehörigen gefragt wurden, ob sie sich engagieren möchten, oder dass die Tätigkeit als z.B. „Familientradition“ weitervererbt wurde (Bierhoff et al. 2007; Braun et al. 1987; Enquete-Kommission 'Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements' Deutscher Bundestag 2002a; Gleich 2008; Hoof 2010; Kolland und Oberbauer 2006; Schüll 2004; Stadelmann-Steffen 2010; Wallraff 2010). Das Gefühl, in einer Gruppe integriert zu sein, stellen Wallraff (2010) und Nadai (1999) als besonders wichtiges Motiv heraus, das ebenfalls in diese Kategorie fällt. Es wird in neun von elf Studien genannt.

Der Wunsch, sich weiterzuentwickeln, dazuzulernen und seine Persönlichkeit zu entfalten, wird in allen Studien bis auf der von Wallraff (2010) als Motivbündel herausgearbeitet. Es ist unter den Begriffen Selbsterfahrungs-, selbstdienliche, individualistische und entwicklungsbezogene Motive sowie dem Erreichen persönlich wichtiger Ziele, Neues Ehrenamt und Subjektive Orientierung zusammengefasst.

Dass freiwillige Tätigkeit als Kompensation eigener Probleme benutzt wird, finden Bierhoff (2007), Braun und Röhrig (1987), die Enquete-Kommission (2002a), Heinze und Keupp (1997), Hoof (2010), Kühnlein und Böhle (2002), Nadai (1999) und Schüll (2004).

Religiöse oder weltanschauliche Werte sowie humanitäre Einstellungen werden in den Studien von Bierhoff (2007) und Hoof (2010), Braun und Röhrig (1987), der Enquete-Kommission (2002a), Gleich (2008), Heinze und Keupp (1997), Nadai (1999), Stadelmann-Steffen (2010) und Wallraff (2010) als Motivbündel freiwilliger Arbeit gefunden. In diesen Studien werden religiöse Motive nicht mit Altruismus gleichgesetzt.

Der Bürgerpflichtgedanke, verknüpft mit einem sozialkritischen und auf die Gemeinschaft bezogenen Motiv, wird von Bierhoff (2007) und Hoof (2010), Braun und Röhrig (1987), Heinze und Keupp (1997), Kolland und Oberbauer (2006), Kühnlein und Böhle (2002), Schüll (2004) und Stadelmann-Steffen (2010) genannt. Gleichzeitig beinhalten diese Motivbündel den Wunsch, etwas zu verändern und die Gesellschaft durch ihre Arbeit mitzugestalten (ebd.).

Freiwillige Arbeit als Freizeitaktivität oder aufgrund monetärer Anreize wird nur in wenigen Studien genannt, was nicht zuletzt daran liegt, dass es bereits durch die Erläuterung, was mit dem Begriff gemeint ist, ausgeschlossen wird. Dennoch finden Kolland (2006) und die Enquete Kommission (2002a) Hinweise darauf, dass dieses Motiv eine Rolle spielt.

Das letzte Motivbündel ist Spaß und Lust auf Abenteuer und interessante Erlebnisse (Heinze und Keupp 1997; Kolland und Oberbauer 2006; Schüll 2004; Stadelmann-Steffen 2010; Wallraff 2010). Auch dieses Motiv wird in vielen Studien als Grundmotiv bezeichnet oder als Voraussetzung, überhaupt freiwillig aktiv zu werden. Spaß laufe quer zu den anderen Motiven, was so viel bedeutet, dass es nur äußerst gering zwischen den Freiwilligen variiert und daher aus manchen statistischen Analysen ausgenommen werden kann (Beck 1982; Kühnlein und Böhle 2002; Süßlin 2008). Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass die vorgestellten Motive und ihre Bündel und Dimensionen keineswegs einheitlich sind.

Die statistischen Klassifikationsverfahren der zitierten Studien zeigen nur mehr oder weniger eindeutige Dimensionen und Tabelle 11 macht deutlich, dass ähnliche Motive in verschiedenen Kombinationen genannt werden. Weiterhin zeigt sich, dass die komplexen Motive Freiwilliger sich nicht ausschließlich einer einzigen Dimension zuordnen lassen, zumal die Ergebnisse der Studien teils auch konkurrierende Ergebnisse liefern (Cnaan und Goldberg-Glen 1991, S. 275; Künemund 2006, S. 113). Vielmehr ist vorstellbar, dass zwar bestimmte Motive wahrscheinlicher mit verschiedenen sozialen, ethnischen Hintergründen oder bestimmten weltanschaulichen Einstellungen einhergehen, wie auch in verschiedenen Studien gezeigt werden konnte. Doch kann auch nach der Durchsicht der deutschsprachigen Literatur keineswegs eine abschließende Aussage darüber getroffen werden, wen welche Motive bewegen. Viele Motivstudien verharren in der Bündelung einzelner Items und versäumen eine differenzierte Analyse von Determinanten der Motive. Und eines der größten Probleme ist die Erfassung der Motive (Cnaan und Goldberg-Glen 1991, S. 275; Kühnlein und Böhle 2002, S. 285). Oftmals reicht diese nicht über eine geschlossene Itembatterie, teils gar imaginative und projektive Formulierungen hinaus, was zum einen den Befragten zu sozial erwünschten Antworten – vor allem in face-to-face Interviews – drängt und zum anderen versäumt, individuelle Beweggründe erschöpfend zu erheben (ebd.).

Weiterhin konnte die Darstellung des Forschungstandes aber auch zeigen, dass es kein allgemeingültiges Konzept gibt, das den Überlegungen zu Motiven freiwilliger Arbeit zugrunde liegt (Nebel 2010, S. 19). Vielmehr wird durch den Forschungsstand klar, dass es vielfältige und auch durchaus einleuchtende Herangehensweisen gibt, dem Problem der Motive Freiwilliger zu begegnen. Der folgende Abschnitt zeigt die Herangehensweise und die theoretischen Überlegungen der vorliegenden Arbeit, die aus der umfassenden Literaturrecherche zum Thema herausgearbeitet wurde.

Tabelle 11: Übersicht der Motivbündel in relevanten deutschsprachigen Studien nach Autoren

 
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