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6 Theoretische Überlegungen zu den Motiven freiwilliger Arbeit

Die Fülle der vorgestellten Studien zeigt nahezu ein Überangebot an Begründungen für freiwillige Arbeit (Wuthnow 1991, S. 59). Beinahe jedes denkbare Motiv ist in den Studien zu finden. Es stellt sich nicht die Frage, ob es Motive für freiwillige Arbeit gibt, sondern wie die verschiedenen Motive miteinander kombiniert sind und wer welche Motive hat:

Our problem is not finding one suitable account but deciding among multiple accounts – deciding which one is the most plausible or, more likely, deciding which combination to put together and how best to combine them“ (ebd., S. 59).

Dies ist die Fragestellung der vorliegenden Analyse: In welchen Kombinationen treten die Motive bei unterschiedlichen Gruppen Freiwilliger auf? Wie in Kapitel

5.3 bereits erwähnt, impliziert der Begriff „Motiv“, dass Personen ihr Verhalten danach ausrichten, ob sie es für erfolgversprechend halten und sich der vermutete erforderliche Einsatz für das gewünschte Ziel lohnt (Hau und Fromm 2011, S. 567; Heckhausen 1989, S. 10 f.). So haben die vorgestellten Motivstudien – wenn auch teils implizit – gemein, dass freiwilliges Arbeiten auch für die Person, die sie ausübt, einen Nutzen hat. Zudem wurde in keiner Studie ausschließlich altruistisches Verhalten nachgewiesen (Andreoni 1989, S. 1449; Heinze und Keupp 1997; Kolland und Oberbauer 2006; Nadai 1999; Schüll 2004; Wallraff 2010; Wilson 2000, S. 215). Zwar konnten Cnaan und Kollegen (1996, S. 371) in ihrer Befragung zeigen, dass Tätigkeiten in geringerem Ausmaß als freiwillige Arbeit bezeichnet werden, je größer der Eigennutz der ausübenden Person dabei ist, doch schließen sich gemeinwohlorientierte Tätigkeiten und zumindest ein

warm glow“, ein gutes Gefühl, geholfen zu haben, nicht aus (Kapitel 5.3) (Andreoni 1989, S. 1449).

Anders als spontanes Helfen, das als reaktive Handlung bezeichnet wird, ist freiwillige Arbeit „proaktiv“, also wohl überlegt und die Vor- und Nachteile sind gegeneinander abgewogen (Wilson 2000, S. 216). Das impliziert, dass die Motive für freiwillige Arbeit zum einen leichter zu messen sind als für spontanes Helfen, weil Freiwillige vermutlich eher bewusst über die Tätigkeit nachdenken, und zum anderen, dass die Abwägung von Vor- und Nachteilen der freiwilligen Arbeit von größerer Bedeutung ist als für spontanes Helfen. Den Grundgedanken, dass Handeln aufgrund von rationalen Entscheidungen erfolgt, erörtert Becker (1982) in seiner ökonomischen Theorie zur Erklärung menschlichen Handelns. Diese Theorie wird in Kapitel 6.2 dargestellt und auf freiwillige Arbeit und ihre Motive angewendet, nachdem die relevanten mikroökonomischen Grundbegriffe Markt, Anbieter, Nachfrager, Preis (Kosten) und Nutzen, die zum Verständnis Beckers (1982) Theorie notwendig sind, kurz erläutert wurden (Kapitel 6.1).

Die gemeinnützigen Organisationen können als Anbieter auf dem Markt freiwilliger Arbeit betrachtet werden, die Strukturen und Arbeit in verschiedenen Tätigkeitsfeldern anbieten. Die gemeinnützigen Organisationen werden in Kapitel 6.3 anhand der anreiztheoretischen Überlegungen Clarks und Wilsons (1961) unterschieden und ihnen entsprechend potentielle Motive Freiwilliger, die für sie arbeiten, zugeordnet. Auf Grundlage dieser beiden theoretischen Ansätze werden in Kapitel 6.3.2 die ersten Hypothesen der vorliegenden Arbeit dargestellt.

Doch soll nicht nur der Einfluss von Organisationen auf die Motive betrachtet werden, sondern auch, welche Individualmerkmale dazu führen, gewisse Motive zu haben. Dazu wird im Kapitel 6.4 das Erklärungsmodell freiwilliger Arbeit von Wilson und Musick (1997) dargestellt. Wilson und Musick (1997) greifen auf die Kapitaltheorie Bourdieus (1983) zurück, die zum Verständnis in Kapitel 6.4.1 kurz dargestellt wird. In Kapitel 6.4.3 wird das vorgestellte Modell auf die Motive Freiwilliger übertragen, einzelne theoretische Aspekte an die Bedingungen der vorliegenden Analyse und relevanten Organisationen angepasst und ein Erklärungsmodell der Motive entwickelt.

Kapitel 6.5 behandelt das Thema Religion, Religiosität und freiwillige Arbeit. In den deutschsprachigen Studien fehlt eine ausreichende Auseinandersetzung mit den Einflüssen von Religion und Religiosität auf freiwillige Arbeit. Daher wird im Folgenden versucht, den Einfluss der religiösen Merkmale auf freiwillige Arbeit und dessen Motive zu erklären. Dazu wird die „Conviction and Community Theory“ von Wuthnow (1991, S. 121 ff.) herangezogen, der die Einflüsse der religiösen Überzeugung und der religiösen Gemeinde auf ihre Mitglieder kontrastiert.

 
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