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6.3.2 Die Motivstruktur Freiwilliger solidarischer und zweckorientierter Organisationen

Die Anreize solidarischer und zweckgerichteter Organisationen sollten sich also unterscheiden. Wenn sich Personen durch die Abwägung von Kosten und Nutzen für freiwilliges Engagement entscheiden, fließen auch die Anreize der Organisationen in die Überlegungen mit ein, weil sie die zu erwerbenden Güter darstellen. Zwar sind einzelne Motive individuell sehr verschieden und Personen mit unterschiedlichen Motiven können dieselbe Tätigkeit ausüben oder auch Personen, die verschiedene Tätigkeit ausüben, ähnliche Motive haben, doch findet der erwartete Nutzen Ausdruck in den Motiven der Freiwilligen. Wenn sich Organisationen danach unterscheiden lassen, ob sie Anreize solidarischer oder zweckgerichteter Natur bieten, ist zu vermuten, dass Personen, die sich eher von solidarischen Anreizen angesprochen fühlen, auch häufiger in solidarischen Einrichtungen engagiert sind und vice versa.

(…) wer aus politischen Gründen einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten will, wird dies wahrscheinlich in politiknahen Ehrenamtsfeldern tun; und wer bei einem freiwilligen Engagement nette Leute treffen und Spaß haben will, der wird dies dort tun, wo sich ihm entsprechende Gelegenheiten bieten“ (Schüll 2004, S. 109).

Es ist daher davon auszugehen, dass Personen mit ähnlichem erwartetem Nutzen

– oder besser – ähnlichen Motiven in denselben Organisationen arbeiten. Daher lautet die erste Hypothese wie folgt:

H1: Die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer und zweckorientierter Organisationen unterscheidet sich.

Solidarische Organisationen sind in der vorliegenden Arbeit die nicht-religiösen gemeinnützigen Vereine. Die Anreize, die solidarische Organisationen für freiwillige Arbeit bieten, sind Spaß an der Tätigkeit, die Möglichkeit, Anerkennung zu erlangen, dabei Fertigkeiten und Fähigkeiten, Erfahrungen und Kompetenzen zu erlernen, die sich auf andere Lebensbereiche übertragen lassen (Clark und Wilson 1961, S. 134; Nadai 1999, S. 71). Die Darstellung der Ziele und Grundsätze, der Tätigkeitsfelder und Engagementmöglichkeiten der Organisationen erhöhen nicht nur das Prestige und damit die soziale Anerkennung, die die Freiwilligen erhalten können. Die Freiwilligen arbeiten auch gemeinsam, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, widmen sich einem gemeinsamen Thema oder einer bestimmten Klientel. Das regelmäßige Helfen sorgt für ein Gemeinschaftsgefühl mit anderen, die sich dort engagieren. Deshalb erhöht sich auch die Chance der Freiwilligen, mit anderen zusammenzukommen, die die Grundsätze der Organisation teilen, ihnen also ähnlich sind (ebd.). Die Tätigkeit ermöglicht kameradschaftliche Kontakte, „good fellowships[1], zu Gleichgesinnten und integriert sie in eine Gemeinschaft (Clark und Wilson 1961, S. 134). Außerdem reagieren die solidarischen Organisationen flexibel auf die Wünsche ihrer Freiwilligen und bieten daher interessante und attraktive Tätigkeitsfelder. Dies sollte hedonistisch orientierte Freiwillige anziehen, die abenteuerlustig sind und Spaß an der Tätigkeit haben möchten. Die Konsequenz, die sich aus den vorangestellten Ausführungen ergibt, lautet, dass Freiwillige solidarischer Organisationen in größerem Ausmaß durch den Erwerb von Ressourcen, Erfahrungen und Kompetenzen sowie Anerkennung motiviert sind, aber vor allem auch durch den Spaß und die sozialen Kontakte, als Freiwillige anderer Organisationen. Die Hypothese lautet daher wie folgt:

H2: Die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer Organisationen besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, Ressourcen, Erfahrungen und Kompetenzen zu sammeln, Anerkennung zu erhalten, Spaß zu haben und etwas zu erleben, sich für ein bestimmtes Thema einzusetzen sowie soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, als für Freiwillige zweckorientierter Organisationen.

Die Anreize zweckorientierter Organisationen beinhalten religiöse Kompensatoren (Stark und Bainbridge 1987, S. 43). Dazu zählen die beschrieben symbolischen Belohnungen wie u.a. religiöse Lehre, die religiöse Erfahrung, Führung und Trost sowie Halt und Geborgenheit durch Gott. Hinzu kommen die ideologischen Grundsätze und Wertebasen sowie die Einhaltung der damit verbundenen Normen und Werte (ebd.). Folglich sind sich die Freiwilligen zweckorientierter Organisationen hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen ähnlicher als Freiwillige anderer Vereine. Die Gemeinschaft von Personen mit gleichen Normen und Werten bietet weiterhin einen Anreiz sowie das Gemeinschaftsgefühl und die Integration in die religiöse Gemeinde. Die Abgrenzung der Gemeinschaft von Mitgliedern anderer Organisationen erhöht die Exklusivität und damit das Prestige, in einer zweckorientierten Organisation zu arbeiten.

Weiterhin spielt die Veränderung der Gesellschaft eine große Rolle. Zweckorientierte christliche Organisationen haben das Ziel, ihre Normen und Werte zu vermitteln und somit die Gesellschaft hinsichtlich des christlichen Glaubens zu verbessern. Aufgrund des Bekenntnisses, dem die zweckorientierten Organisationen folgen, sind sie in ihrem Angebot weniger flexibel und können sich weniger nach den Wünschen ihrer Mitarbeiter richten, weshalb die Angebote weniger erlebnisorientiert sondern der Wertüberzeugung verpflichtet sind. Die Folge der Säkularisierung der modernen Gesellschaften ist der Übergang von der religiösen Motivation, die Pflichten zu erfüllen, hin zu einer bürgerlichen Motivation bzw. einem Bürgerpflichtgedanken (Winkler 1988, S. 59). Das soziale Handeln ist dabei aber gleich geblieben.

Da im Folgenden nicht zwischen den verschiedenen Ausrichtungen des Christentums unterschieden werden kann[2], sollten die Motive Freiwilliger, die in zweckorientierten Organisationen arbeiten, sich demzufolge aus den religiösen Motiven zusammensetzen, die in der Form beschriebener Kompensatoren Ausdruck finden, wie „Gemeinschaftsorientierung“ und „Barmherzigkeit“ etc., aber auch liberal-individualistischen Motiven, die ihren Ursprung in der protestantischen Ethik haben (Anheier und Toepler 2002; Bühlmann und Freitag 2007, S. 88 f.; Wilson und Musick 1997; Musick et al. 2000). Die Motivstruktur Freiwilliger zweckorientierter Organisationen lässt sich aufgrund der Anreize, die geboten werden, wie folgt darstellen:

H3: Die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen christlicher Ausrichtung besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, gottgefällig zu handeln im Sinne christlicher Nächstenliebe und durch ein Pflichtgefühl der Barmherzigkeit, aber auch soziale Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen und zu pflegen, Beiträge zum Gemeinwohl zu leisten aufgrund eines Bürgerpflichtgedankens, die Gesellschaft zu verbessern sowie einen eigenen Nutzen zu haben, als für Freiwillige solidarischer Organisationen.

Zu den zweckorientierten Organisationen gehören auch die gemeinnützigen Vereine mit türkisch-islamischem Hintergrund, da der Glaube und seine Auslegung in diesen Gemeinden von großer Bedeutung ist und auch Freiwillige, Mitarbeiter und Mitglieder und deren Verhalten beeinflusst (Clark und Wilson 1961, S. 142). Aber warum sollten sich Personen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit in monotheistischen Religionen hinsichtlich ihrer Motive unterscheiden, befürworten sie doch alle das Prinzip der Nächstenliebe? Dafür führt Berger (2006, S. 117) zwei Gründe an. Zum einen aufgrund der kulturellen Diversität der Religionen und ihrer Geschichte und kultureller Unterschiede, die Normen und religiöse Werte beeinflussen. Zum anderen z.B. aufgrund persönlicher Erfahrungen unterschiedlicher Medienperzeption und des sozialen Umfelds, das bestimmte Werte und verschiedenste andere Merkmale fördert. Dies können Eigenschaften wie fehlende Sprachkenntnisse oder niedrigere Bildungsabschlüsse als die Gesamt-bevölkerung sein. Die Unterschiede zwischen den religiösen Gemeinschaften beruhen weiterhin auf dem Ausmaß der Befürwortung oder Nachfrage nach freiwilliger Arbeit. Religiöse Gemeinden beeinflussen also die Einstellungen, Werte und die Normen ihrer Gruppe, aber auch die sozialen Barrieren, sich in Vereinen zu engagieren. Diese Faktoren wirken wiederum auf die Motive freiwillige Arbeit (ebd., S. 118).

Für türkisch-islamische Migranten spielen die religiösen Vereine eine besondere Rolle, weil sie für sie vielfältige Aufgaben übernehmen. Wie in Kapitel 4 erläutert, bieten diese Vereine häufig nicht nur die Möglichkeit, sich freiwillig zu engagieren, sondern auch, religiöse Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, Kontakte zu Personen aus demselben Herkunftsland und ähnlicher Migrationsgeschichte aufrechtzuerhalten, Traditionen, Kultur und Muttersprache zu pflegen und sich auch für die Rechte der eigenen Gruppe einzusetzen:

Immigrants tend to be drawn to ethnic congregations in a host country, not only to practice their religion, but also to maintain their ethnic identity“ (Carabain und Bekkers 2011, S. 3).

For many immigrants, religion lies at the center of their identity, and they gravitate to ethnic congregations to practice their religious faith and maintain their ethnic identity“ (Handy und Greenspan 2009, S. 957).

Daher ist davon auszugehen, dass sich religiöse türkisch-muslimische Freiwillige in Deutschland häufiger in ihren ethnischen Vereinen aufhalten als in solidarischen oder zweckorientiert christlichen Organisationen. Dort können sie vielfältige Angebote wahrnehmen, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Ist dies der Fall, dann treffen die theoretischen Überlegungen Wuthnows (1991) zur Überzeugung und Gemeinschaft religiöser Freiwilliger in noch stärkerem Maße auf türkisch-muslimische Freiwillige zu als auf andere (Wuthnows Theorie ausführlich in Kapitel 6.5). Sie sollten eher den religiösen Überzeugungen der Gemeinde zustimmen, da die Wahrscheinlichkeit für Personen, die einen – wenn auch nicht-religiösen – Dienst in Anspruch nehmen, zusätzlich auch mit Religion in Kontakt zu kommen, im Vergleich zu Personen mit anderer Konfession deut- lich höher ist. Daher werden sie innerhalb der ethnischen Gemeinden häufiger gefragt, ob sie sich engagieren wollen als andere.

Dadurch, dass den türkisch-islamischen Vereinen das beschriebene Monopol auf die adäquaten religiösen und sozialen Dienstleistungen und auch die Weitervermittlung der religiösen Traditionen, Normen und Werte durch z.B. KoranUnterricht noch in stärkerem Maße obliegt als es bei den kirchlichen Einrichtungen heute noch der Fall ist, sollte der religiöse Aspekt für Freiwillige türkischislamischer Vereine in stärkerem Maße zutreffen als für Freiwillige christlicher Vereine.

Vermutlich steigert diese Organisationsstruktur weiterhin die Bindung an den Verein. Bekkers und Schuyt (2008) argumentieren, dass der Community Aspekt Wuthnows (1991) sich aus der Selbstmordtheorie Durkheims (1987, S. 159) ableitet.

Durkheim explains differences in suicide rates between religious groups by hypothesizing that more cohesive religious groups are more effectively preventing their members from committing suicide by providing them a stronger attachment to the group“ (Bekkers und Schuyt 2008, S. 76; van Tubergen et al. 2005).

Sie wiesen nach, dass stärkere Bindung an religiöse Gemeinden mit einer höheren Normenkonformität einhergeht, vor allem in nicht-westlichen Religionen. Je stärker die Bindung an die Gemeinde sei, desto eher würde den Erwartungen dieser entsprochen (Bekkers und Schuyt 2008, S. 76 f.). Zu den Erwartungen gehört, sich für die Gemeinde einzusetzen, z.B. durch Spenden, aber auch durch freiwillige Arbeit. Aufgrund des starken integrativen Charakters der türkischislamischen Vereine in die ethnische, aber auch religiöse Gemeinde ist die Bindung der Freiwilligen an die Gemeinde insgesamt größer als bei Freiwilligen anderer Vereine. Außerdem ist denkbar, dass das Einhalten religiöser Verpflichtungen stärker kontrolliert und sanktioniert wird, weil die Mitglieder durch die Inanspruchnahme vielfältiger Dienstleistungen weniger anonym sind und sich häufiger in der Gemeinde aufhalten. Sie könnten daher häufiger gefragt werden, ob sie sich engagieren möchten.

Daher ist davon auszugehen, dass das Pflichtgefühl der Gemeindemitglieder, sich normen- und regelkonform zu verhalten, in stärkerem Maße ausgeprägt ist als bei den Freiwilligen anderer glaubensbasierter Organisationen. Die Gemeinschaftsorientierung ist ebenfalls noch stärker, und sie entsprechen eher der Erwartung, gottgefällig zu handeln.

Finke und Kollegen (2006, S. 624) formulieren die folgende Hypothese: Je umfassender, teurer und exklusiver der Glaube der religiösen Gemeinde ist, desto größer ist die Verpflichtung der Mitglieder, sich in der Gemeinde zu engagieren. Teuer bedeutet, dass, diese Gemeinden nur kleine Anbieter auf dem „religi-ösen Markt“ sind und nur wenige Personen ihrer Konfession angehören (ebd., S. 623). Umfassend meint das Ausmaß, in welchem die Religion auf das Leben der Gläubigen Einfluss nimmt und in welchem die Konfession als die einzig wahre religiöse Lehre wahrgenommen wird (ebd.). Exklusivität kann durch Strenge, Einschränkungen und Druck, den die Gemeinde auf ihre Mitglieder ausübt, gemessen werden. Sie entspricht den materiellen, sozialen und psychischen Kosten, die den Mitgliedern auferlegt werden (ebd.). Da es sich bei den betrachteten türkisch-islamischen Einrichtungen um im Vergleich zu den Wohlfahrtsverbänden kleinere Vereine handelt, werden die Freiwilligen ein höheres Pflichtgefühl empfinden und stärker sanktioniert werden, wenn sie sich nicht konform verhalten.

Ein weiterer Faktor, der die Mitglieder türkisch-islamischer Organisationen beeinflusst, ist, dass der islamische Glaube eine Verantwortlichkeit unter den Muslimen impliziert (Carabain und Bekkers 2011, S. 7). Während das Gleichnis des barmherzigen Samariters im Christentum eher impliziert, Fremden zu helfen (hier einem Juden), bezieht sich Zakat, die Almosensteuer, auf die Hilfe innerhalb der islamischen Gemeinde (Carabain und Bekkers 2011, S. 7; Wehr und Kropfitsch 1998, S. 704). Finke (2006, S. 624) formuliert, dass folglich Mitglieder von Gemeinden mit umfassender, teurer und exklusiver religiöser Überzeugung sich eher auf die Belange der eigenen Gemeinde beziehen.

When religious beliefs make an organization's membership distinct from the surrounding culture, this encourages increased involvement in the organization and reduced involvement in surrounding culture” (Finke et al. 2006, S. 624).

Dies gilt zum einen auch für das Engagement in den Gemeinden und könnte weiterhin als Hinweis für die Ausbildung von sog. „Parallelgesellschaften“ also von der Aufnahmegesellschaft separierten Gemeinden gewertet werden.

Daraus folgt zum einen, dass die Religion für Freiwillige türkisch-islamischer Vereine in noch größerem Ausmaß als von christlichen zweckorientierten Organisationen als Motiv für ihre Tätigkeit genannt wird, und zwar, weil sie damit zum einen ihrem Glauben Ausdruck verleihen, aber auch ihrer ethnischen Herkunft. Vermutlich werden die religiösen Motive also in Kombination mit kulturellen und sozialen Aspekten genannt werden. Als kulturelle Motive sind solche zu erwarten, die sich auf die Bewahrung der eigenen Kultur und Sprache sowie den Zusammenhalt der ethnischen Gemeinde beziehen. Zusätzlich kann Kontakt zu Personen gleicher Herkunft und Kultur aufgenommen werden. Darüber hinaus ist denkbar, dass auch Motive, die in Verbindung mit dem Ausgleich von Nachteilen der eigenen ethnischen oder religiösen Gruppe empfunden werden, viel häufiger genannt werden als von anderen zweckorientierten oder solidarischen Organisationen, da dies auch das erklärte Ziel vieler Migrantenvereine ist (Kapitel 4.2.2). Die dargestellten Anreize führen zu folgender Motivstruktur der Freiwilligen:

H4: Die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen türkisch-islamischer Ausrichtung besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, gottgefällig zu handeln, soziale Kontakte zu Gleichgesinnten derselben Herkunft und Kultur zu knüpfen und zu pflegen, die Muttersprache zu sprechen, Nachteile der eigenen Gruppe zu bekämpfen, die Gesellschaft zu verbessern, die eigene Kultur zu bewahren, als für Freiwillige zweckorientiert christlicher und solidarischer Organisationen.

  • [1] Je ähnlicher sich Personen sind, desto geringer sind die Kontaktbarrieren und desto eher sind sie befreundet (McPherson et al. 2001)
  • [2] Die Gruppen in der vorliegenden Analyse sind ungleichverteilt (Kapitel 8.2)
 
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