< Zurück   INHALT   Weiter >

7 Befragung Ehrensache: Stichprobe, Fragebögen, Operationalisierung und methodisches Vorgehen

Für die Befragung der vorliegenden Arbeit wurden zunächst fünf der sechs Bundesverbände der Freien Wohlfahrtspflege und vier türkisch-islamische Migrantenvereine über die geplante Befragung und darüber, dass das Forschungsinstitut für Soziologie[1] der Universität zu Köln in den nächsten Wochen Kontakt mit den Ortsvereinen in Köln und Hamburg aufnehmen würde, informiert. In dem Schreiben wurde auf das EU-Forschungsprojekt FACIT – Faith-Based Organisations and Social Exclusion in European Cities verwiesen, an dem alle Organisationen bereits teilgenommen und während der Interviews Interesse an einer weiteren Befragung bekundet hatten. Im Rahmen des EU-Projekts wurde Ende 2008 bereits von der Autorin[2] der vorliegenden Arbeit und dem Projektleiter Jürgen Friedrichs Kontakt zu den Organisationen aufgenommen. Für dieses Projekt wurde eine Vollerhebung der Verbände der freien Wohlfahrtspflege sowie der türkisch-islamischen Vereine, die die im Folgenden aufgeführten Kriterien erfüllten, angestrebt.

Die angefragten türkisch-islamischen Vereine und Bundesverbände der freien Wohlfahrtspflege – außer der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ZWST[3] – willigten erneut in eine Befragung, diesmal der hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeiter, ein. Der Bundesverband des Deutschen Roten Kreuz zeigte sich bereits in dem Interview des EU-Projekts skeptisch gegenüber den vorgestellten Überlegungen des geplanten Forschungsprojekts „Ehrensache!“. Dieser Wohlfahrtsverband wurde aufgrund der dadurch seitens der Projektlei-tung als gering eingeschätzten Erfolgsaussichten bereits vorab aus der Untersuchung ausgeschlossen. Es wurde sich dafür entschieden, den Arbeiter-SamariterBund stattdessen in die Befragung aufzunehmen, weil jener ähnlich wie das DRK hauptsächlich im Bereich der Krankentransporte und anderen Gesundheitsdienstleistungen tätig ist, die durchaus mit den Aufgaben des DRK zu vergleichen sind (siehe Kapitel 3.3.5 und 3.3.7). Darüber hinaus entspricht er in seiner föderalistischen Organisationsstruktur vollständig der der Wohlfahrtsverbände und war einer Befragung seiner Mitarbeiter gegenüber aufgeschlossen.

Einen Sonderfall bot die Heilsarmee. Als einziger der befragten Vereine des EU-Projekts FACIT ist diese gleichzeitig Glaubensgemeinschaft und Mitglied des Wohlfahrtsverbands Diakonie. Vor allem nordamerikanische Studien zeigten, dass die verschiedenen protestantischen Strömungen durchaus unterschiedliche Ergebnisse hinsichtlich der Motive freiwilliger Arbeit und auch der Verbindung zwischen freiwilliger Arbeit und der Religiosität Freiwilliger aufwiesen (Berger 2006, S. 125; Bowen 1999, S. 17,43; Hoge und Yang 1994, S. 124; Lam

2002, S. 406; Park und Smith 2000, S. 276): Konservative Protestanten in den USA arbeiten häufiger freiwillig als andere, und sie sind religiös motiviert (ebd.). Die Heilsarmee wurde im Folgenden als Vertreterin konservativer protestantischer Freikirchen und Wohlfahrtsverein gesehen und in die Analyse aufgenommen.

Die Auswahl der türkisch-islamischen Vereine orientierte sich daran, ob die Vereine[4], ähnlich den Wohlfahrtsverbänden, soziale Dienstleistungen und nicht z.B. nur rein politische Aufgaben übernehmen oder ausschließlich eine Glaubensgemeinschaft darstellen (Lemmen 2000, 2002; Zentrums für Türkeistudien 2002, S. 106). Weiterhin sollten sie auch der föderalistischen Struktur der Wohlfahrtsverbände ähneln. Durch diese Kriterien fielen politische Vereine, die überwiegend repräsentative Aufgaben übernehmen und keine sozialen Dienstleistungen anbieten, wie der Zentralrat der Muslime und der Islamrat, aus der Auswahl heraus[5]. Weiterhin wurden reine Glaubensgemeinschaften wie AhmadiyyaMuslim Jama'at und die Sufi-Gemeinschaften oder die Nurculuk Union[6] aus der Analyse ausgeschlossen (Jama'at-un Nur) (Lemmen 2000, 2002; Sahinöz 2009). Die türkisch-islamischen Vereine, zu denen Kontakt aufgenommen wurde, haben deutschlandweit mindestens 20.000 Mitglieder und sind in Bundesbzw. Dachverbände, Ortsvereine und deren Einrichtungen gegliedert, wobei sich die Mitgliederzahlen entweder auf die eigenen Angaben der Vereine stützen oder auf andere als verlässlich eingeschätzte Quellen (Kapitel 4.3). Die Süleyman Bewegung VIKZ[7] (Verband der Islamischen Kulturzentren) wurde aus der Analyse ausgeschlossen, da der Versuch der Kontaktaufnahme bereits im Rahmen des EU-Projekts FACIT scheiterte. Zu der DiTiB, der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş, der ATIB und dem alevitischen Verein AABF wurde in derselben Form wie zu den Wohlfahrtsverbänden Kontakt aufgenommen.

Nach der Kontaktaufnahme mit den Bundesverbänden wurde ein Anschreiben an die Leitungspersonen der Ortsvereine verschickt, in denen das Vorgehen der Befragung erläutert wurde sowie eine Projektbeschreibung enthalten war. Auch in diesem Falle wurden die Personen angeschrieben, mit denen im Rahmen des EU-Projekts bereits Interviews geführt wurden. Für die türkisch-islamischen Vereine wurden alle Schreiben ins Türkische übersetzt und sowohl die deutsche als auch die türkische Version an die Vereine verschickt.

Nach dieser schriftlichen Bitte um Kooperation wurde mit den Kontaktpersonen der Ortsvereine telefonisch Kontakt aufgenommen, sofern sich diese nicht selbst meldeten. Telefonisch wurden Rückfragen zum Projekt beantwortet und geklärt, wie viele Fragebögen für die hauptamtlichen und freiwilligen Mitarbeiter benötigt werden. Zu Ortsvereinen der ATIB und DiTiB sowie des ASB in Hamburg konnte kein Kontakt hergestellt werden. 17 Ortsvereine waren mit der Befragung einverstanden (Tabelle 12). Anschließend wurden Termine mit den Kontaktpersonen der Ortsvereine vereinbart, an denen ihnen die Fragebögen ausgehändigt und noch einmal die Durchführung der Befragung erläutert wurde. Die Fragebögen wurden, jeder in einem frankierten Rückumschlag und an das Forschungsinstitut für Soziologie adressiert, übergeben. Diese wurden dann von den Ortsvereinen an ihre Einrichtungen und dort tätige freiwillige und hauptamtliche Mitarbeiter verteilt. Die Mitarbeiter waren so in der Lage, den Fragebogen anonym auszufüllen und unentgeltlich direkt in dem frankierten und adressierten Rückumschlag an das Forschungsinstitut zurückzusenden. Die vollständige Anonymität der Teilnehmer der Befragung war somit gewährleistet: Die Kontaktpersonen der Vereine konnten nicht überprüfen, wer die Fragebögen beant- wortet, und die Projektverantwortlichen hatten keinerlei Informationen über die Identität der Teilnehmer der Befragung.

Um die Fragestellungen der Untersuchung beantworten zu können, ist die Information, in welchem Verein die Person tätig ist, unerlässlich. Um diese Information in jedem Falle zu erhalten und Verweigerungen dieser Angabe vorzubeugen, wurde jeder Fragebogen mit einem für jeden Verein eindeutigen Barcode versehen. Dies ermöglichte es zu identifizieren, aus welcher Stadt und von welchem Ortsverein (z.B. Diakonie Köln oder Caritas Hamburg) der Fragebogen an die Mitarbeiter weitergegeben wurde. In welcher dem Ortsverein unterstehenden Einrichtung der Mitarbeiter tätig war, wurde nicht erhoben.

Es zeigte sich, dass diese Vorgehensweise begründet war, da 25 Personen die auf den Fragebögen angegebenen Kontaktmöglichkeiten nutzten, um sich über die Möglichkeiten der Rückverfolgung der Fragebögen zu den Teilnehmern zu informieren. Da der Fragebogen sowohl die Einstellung der Mitarbeiter zu ihrer Arbeit, zu der Einrichtung und zu den Motiven für ihre Tätigkeit als auch persönliche Daten abfragte, ist nachzuvollziehen, dass einige der Mitarbeiter sich vergewisserten, dass diese Daten nicht für andere als wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Fragen zu intimen oder heiklen Themen können nicht nur zu Verweigerung, sondern auch zu nicht beabsichtigten Nebeneffekten führen, da die Befragten „Angst“ vor Sanktionen haben könnten (Blasius und Reuband 1996, S. 311; Blasius und Thiessen 2012; Holm 1975, S. 82, 119; Porst und Porst. 2009, S. 124 f.). Personen neigen dazu, möglichst viel Anerkennung erhalten zu wollen, weshalb die sozialwissenschaftliche Forschung dem Problem ausgesetzt ist, dass die Befragten nicht über „die tatsächliche Ausprägung des subjektiven Merkmals berichte[n], sondern die Antwort so gestalte[n], daß [sic!] mit ihr soziale Anerkennung erzielt oder zumindest soziale Ablehnung vermieden wird“ (Strack 1994, S. 14). Fragen, die bereits eine moralische Haltung intendieren (suggestiver Nebeneffekt), können den Effekt, die Antworten danach auszurichten, was als „richtig“, moralisch vertretbar eingeschätzt oder vermeintlich erwartet wird, noch erhöhen. Um die Angst vor Sanktionen oder die soziale Erwünschtheit gering zu halten, wurde in einem Anschreiben, der jedem Fragebogen beigelegt war, darauf hingewiesen, dass die Fragebögen völlig anonym bleiben und vertraulich behandelt werden.

Es wurden vier verschiedene Individualfragebögen konstruiert. Zum einen wurde ein Fragebogen auf deutsch für Mitarbeiter christlicher und alevitischer Einrichtungen konstruiert. Derselbe wurde für die Mitarbeiter alevitischer Vereine zusätzlich ins Türkische übersetzt, damit sich die Mitarbeiter aussuchen konnten, ob sie die deutsche oder türkische Version ausfüllen wollten. So wurde versucht, Verweigerungen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse im Vorhinein auszuschließen. Zum anderen wurden zwei Fragebögen für die Mitarbeiter sunnitischer/ schiitischer Einrichtungen konstruiert, ebenfalls auf Deutsch und Türkisch. Aufgrund der teilweise bestehenden Vorbehalte der sunnitischen/ schiitischen Muslime gegenüber der alevitischen Minderheit in der Türkei wurde aus diesen Fragebögen der speziell für die Aleviten entwickelte Teil zu alevitischer Religiosität aus dem Fragebogen gestrichen, um ggf. Verweigerung zu vermeiden.

Zusätzlich zu den Mitarbeiterfragebögen wurden auch Fragebögen an die Einrichtungen der Ortsvereine gegeben. Diese sollten von den Leitern und Leiterinnen der Einrichtungen ausgefüllt und mit demselben Vorgehen an das Forschungsinstitut für Soziologie zurückgesandt werden. Bei den Einrichtungsbögen wurde allerdings auf Barcodes verzichtet, weil davon ausgegangen werden konnte, dass die Verweigerung der Frage nach dem Dachverband der Einrichtung gering sein würde, da keine Personendaten der ausfüllenden Person erhoben wurden. Der Organisationsfragebogen wurde ins Türkische übersetzt und an die Ortsvereine türkisch-islamischer Prägung in der deutschen und türkischen, an die anderen Vereine in der deutschen Version gegeben. Im Folgenden wird nur eine kurze deskriptive Darstellung der wichtigsten Organisationsmerkmale in Kapitel

8.1 dargestellt.

  • [1] Seit 2013 Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS)
  • [2] Die Autorin der vorliegenden Arbeit war als Mitarbeiterin zwischen 2008 und 2010 in dem EUProjekt FACIT tätig
  • [3] Die ZWST gab an, sich zurzeit in einer „Umbruchphase“ zu befinden, in der die Ortsvereine sich zunächst neu orientieren müssten und deshalb nicht in der Lage wären, eine solche Befragung durchzuführen. Die Aufspaltung der jüdischen Gemeinden in liberale und orthodoxe Gemeinden und die Zuwanderung jüdischer Personen aus der ehemaligen Sowjetunion ist eine große Herausforderung, der die Autorin der vorliegenden Arbeit und die Projektleitung des Projekts „Ehrensache!“ großen Respekt und Verständnis entgegenbringen (Klöckner 2013)
  • [4] Vereinen, denen in der Literatur und Verfassungsschutzberichten fundamentalistische Aktivitäten vorgeworfen wurden, wurden von der Analyse ausgeschlossen (Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 2010; Bundesministerium des Innern 2010)
  • [5] Diese Vereine verweigerten allerdings bereits im Vorfeld die Mitarbeit in den sog. CrossEvaluations des Projekts FACIT
  • [6] Es handelt sich um eine Bewegung, die keine Moscheen, aber Studienkreise unterhält, um die Lehre des Gründers der Bewegung Said Nursi zu verbreiten (Sahinöz 2009)
  • [7] Auf Anschreiben, die im Rahmen des EU-Projekts FACIT an den Verein gerichtet wurden, wurde seitens des Vereins nicht reagiert. Die Versuche der telefonischen Kontaktaufnahme eines türkischsprachigen Mitarbeiters waren ebenfalls nicht erfolgreich. Für die Analyse des Projekts Ehrensache! wurde daher keine erneute Kontaktaufnahme unternommen
 
< Zurück   INHALT   Weiter >