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7.2.1.4 Religion

Die Religionsfragen 32 bis 53 sind in vier Blöcke aufgeteilt, die sich jeweils an Befragte der christlichen, islamischen, alevitischen oder einer sonstigen Glaubensgemeinschaft richten. Er wird eingeleitet durch einen Erklärungstext, der den Fokus von den Freunden wieder auf die befragte Person selbst richtet und erläutert, warum die Beantwortung dieser Fragen besonders wichtig für die Auswertung des Fragebogens ist. Darauf folgen zwei Filterfragen, die die Befragten an die jeweils richtige Stelle im Fragebogen führen sollen.

Die selbst konzipierte Frage 35 fragt danach, ob die befragte Person einer Glaubensgemeinschaft angehört („ja“ = 1, „nein“ = 0). Wer keiner Glaubensgemeinschaft angehört, kann den Religionsteil überspringen, worauf ein Pfeil mit der Angabe „weiter mit Frage 54“ hinweist. Der Begriff „Glaubensgemeinschaft“ wurde gewählt, weil die islamischen Glaubensgemeinschaften zum einen nicht als Religionsgemeinschaft in Deutschland anerkannt sind und in ihren Ausprägungen vielfältig sind. In zwei Interviews zur Vorbereitung der Fragen zum alevitischen Glauben wurde weiterhin deutlich gemacht, dass Teile der Aleviten sich zum Islam zugehörig fühlen, andere Teile aber nicht. Der Begriff der Glaubensgemeinschaft wird hier als neutralerer Begriff für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe mit bestimmten religiösen Überzeugungen verwendet.

Personen, die mit „ja“ geantwortet haben, werden in Frage 36 nach der genauen Religionszugehörigkeit gefragt. Diese Frage, die aus dem BiBIntegrationssurvey (Mammey und Sattig 2002, S. 24, Split 3/S5a) adaptiert wurde, dient gleichzeitig als weitere Filterfrage. Neben dem Fragetext, der durch

oder Glaubensrichtung“ ergänzt wurde, wurde die Frage dahingehend verändert, dass sich nun drei Unterkategorien (Christlich, Islamisch, andere) ergeben. Der christlichen Unterkategorie wurde die Heilsarmee als Auswahlmöglichkeit hinzugefügt. Aus der islamischen Unterkategorie wurde sowohl die Antwort „Alevitisch“ entfernt und unter die Unterkategorie „andere“ gefasst als auch die Antwort „Schiitisch“ hinzugefügt. Die im Integrationssurvey vorhandenen Antwortmöglichkeiten „Keine Angabe“ und „Keiner Religionsgemeinschaft“ fallen durch die vorherige Filterfrage weg; die Antwort „sonstige Religionsgemeinschaften“ wurde zu „Andere Glaubensgemeinschaft, und zwar “ unter der Unterkategorie „andere“. Es ergeben sich insgesamt folgende Antwortmöglichkeiten: (Christlich: Filter zu Fragen 37-40) „Evangelische Kirche (lutherische/ reformiert)“ = 1, „Heilsarmee“ = 2, „Andere protestantische Kirchen (Freikirchen)“ = 3, „Römisch-Katholische Kirche“ = 4, „Andere christliche Religionsgemeinschaften, und welche?“ = 5; (Islamisch: Filter zu Fragen 41-46) „Sunnitisch“ = 6, „Schiitisch“ = 7, „Andere islamische Glaubensgemeinschaften, und zwar: “ = 8; (andere:) „Alevitisch“ = 9 (Filter zu Fragen 47-50), „Jüdisch“ = 10, „Andere Glaubensgemeinschaft, und zwar:_ “ = 11 (Filter ab Frage 51). Die jeweiligen Antwortmöglichkeiten „Andere“ wurden mit einem offenen Textfeld ergänzt, in dem die genaue Glaubensgemeinschaft spezifiziert werden soll. Für die weiteren Analysen wurden die Personen, die angaben, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, wie folgt untergliedert: Personen, die einer protestantischen Glaubensgemeinschaften angehören (= 1), jene, die dem katholischen Glauben angehören (= 2), solche, die sunnitisch, schiitisch, andere islamische Glaubensgemeinschaft oder alevitisch angaben, wurden zusammengefasst (= 3), und Personen, die andere Konfessionen angaben, wurden ebenfalls in eine Gruppe zusammengefasst (= 4). Personen, die bei der Frage 35 bereits angaben, keiner Glaubensgemeinschaft anzugehören, wurden unter „keine Religionsgemeinschaft“ (= 0) gefasst. Leider mussten aufgrund der geringen Fallzahlen alevitischer und muslimischer Befragter anschließend die alevitische Glaubensrichtung, schiitische und sunnitische sowie andere islamische Religionsgemeinschaften zusammengefasst werden. Dies ist sehr bedauerlich, da die vorliegende Analyse ursprünglich die Unterschiede dieser Gruppen darstellen sollte.

Die Fragen 37 bis 40 wurden nur von christlichen Befragten beantwortet, worauf mit einem Anweisungstext hingewiesen wird. Kecskes und Wolf (1996, S. 55 ff.) unterscheiden verschiedene Dimensionen von christlicher Religiosität: den Glauben, die Erfahrung, das Wissen, die Praxis und die Rituale. Sie greifen dabei auf den Ansatz von Glock (2005) zurück. Die folgenden Fragen zur christlichen Religiosität beruhen auf den Items von Kecskes und Wolf (1996, S. 55 ff.).

Frage 37 fragt nach der Kirchgangshäufigkeit und wurde wörtlich (bis auf das Wort „oft“, das durch „häufig“ ersetzt wurde) aus Kecskes und Wolfs (1996, Frage 29) Fragebogen übernommen. Das Item gehört zu der Dimension christlicher Praxis (ebd., S. 59). Die Antwortmöglichkeiten lauten „mehr als einmal in der Woche“ = 1 (im Original: „mehr als einmal die Woche“), „einmal in der Woche“ = 2, „einbis dreimal im Monat“ = 3, „mehr als einmal in den letzten 12 Monaten“ = 4, „einmal in den letzten 12 Monaten“ = 5, „nie“ = 0, „weiß nicht“ = 9998. Die im Original vorhandene Kategorie „k.A.“ entfällt hier.

Frage 38 nach der Teilnahme an Kommunion oder Abendmahl entstammt ebenfalls im Wortlaut dem Fragebogen von Kecskes und Wolf (1996, Frage 32). Auch diese Frage gehört zur Dimension christlicher Praxis. Sie ist gekürzt um die Nachfrage „War das nie, selten, gelegentlich, oft oder sehr oft?“, da die Antwortmöglichkeiten („nie“ = 0, „selten“ = 1, „gelegentlich“ = 3, „oft“ = 4 und

sehr oft“ = 5) in der schriftlichen Befragung direkt ersichtlich sind.

Frage 39 ermittelt die Zustimmung zu christlichen religiösen Aussagen (Kecskes und Wolf 1993, S. 64). An die schriftliche Befragungsform angepasst (statt „Im Folgenden werde ich Ihnen eine Reihe von Aussagen vorlesen“ nun

Im Folgenden finden Sie eine Reihe von Aussagen“ und statt „Bitte sagen Sie mir für jede der Aussagen“ nun „Bitte kreuzen Sie an“) entstammt sie samt der genannten Aussagen und Antwortmöglichkeiten wörtlich dem Fragebogen von Kecskes und Wolf (1996, Frage 28). Für jede Aussage haben die Befragten die Antwortmöglichkeiten „stimme gar nicht zu“ = 0, „stimme wenig zu“ = 1, „teils teils“ = 2, „stimme überwiegend zu“ = 3 und „stimme völlig zu“ = 4 zur Auswahl. Frage 40 nach der Bethäufigkeit wurde im Wortlaut aus dem Religionsmoni-

tor 2008 (Bertelsmann Stiftung 2008, S. 242, Frage 6) übernommen. Die Antwortkategorien lauten in umgekehrter Codierung zum Original: „mehrmals am Tag“ = 7, „einmal am Tag“ = 6, „mehr als einmal in der Woche“ = 5, „einmal in der Woche“ = 4, „einbis dreimal im Monat“ = 3, „mehrmals pro Jahr“ = 2,

seltener“ = 1 und „nie“ = 0. Die im Original vorhandene Kategorie „weiß nicht/ k.A.“ wurde nicht erfasst.

Die Fragen 41 bis 46 werden nur von Befragten islamischer Glaubensgemeinschaften beantwortet, worauf wiederum durch einen Anweisungstext hingewiesen wird.

Frage 41 nach der Häufigkeit des Betens des Pflichtgebets entspricht der nach der allgemeinen Bethäufigkeit, dementsprechend sind die Antwortkategorien und deren Codierungen zu Frage 40 identisch.

Frage 42 wurde aus der BMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ (Haug et al. 2009, S. 395, H057) übernommen. Dafür wurde hier das Wort „oft“ in „häufig“ geändert; zudem wurde das Wort „Gottesdienste“ durch „die Moschee“ ausgetauscht. Bei gleichen Kategorien wie im Original ist auch hier ist die Codierung umgekehrt: „täglich“ = 6, „mehrmals in der Woche“ = 5, „einmal in der Woche“ = 4, „ein paar Mal im Monat“ = 3, „höchstens einmal im Monat“ = 2, „ein paar Mal im Jahr“ = 1, „nie“ = 0.

Frage 43 ist aus der BMI-Studie „Muslime in Deutschland“ (Brettfeld und Wetzels 2007, S. 115, Tabelle 9) übernommen und zielt auf die Wichtigkeit von Religion im Alltagsleben ab. Der Wortlaut der Frage wurde beibehalten und auch die Kategorien stimmen mit denen des Originals überein: „völlig unwichtig“ = 0, „eher unwichtig“ = 1, „eher wichtig“ = 2 und „sehr wichtig“ = 3.

Die Aussagen, die den Befragten in Frage 44 vorgelegt wurden, setzen sich zusammen aus Items, die in der BMI-Studie „Muslime in Deutschland“ (Brettfeld und Wetzels 2007, S. 115-116, Tabelle 9 und 10) verwendet wurden, um die Zentralität von Religion im Lebensalltag sowie die Einstellungen zu religiösen Ge- und Verboten und Verheißungen zu erfassen. Die Aussagen wurden wörtlich übernommen, ebenso wie die Skala „stimme gar nicht zu“ = 0, „stimme wenig zu“ = 1, „stimme überwiegend zu“ = 2, „stimme völlig zu“ = 3.

Fragen 45 und 46 nach der Häufigkeit des Alkohol- und Schweinefleischkonsums stam-men ebenfalls aus der BMI-Studie „Muslime in Deutschland“ (Brettfeld und Wetzels 2007, S. 116, Tabelle 10). Sie wurden inklusive ihrer Originalskala („oft“ = 3, „gelegentlich“ = 2, „selten“ = 1, „nie“ = 0) identisch übernommen.

Fragen 47 bis 50 richten sich ausschließlich an alevitische Befragte, worauf ein vorangestellter Hinweistext die Befragten aufmerksam macht. Diese Fragen sind in der Version des Fragebogens für Mitarbeiter sunnitischer oder schiitischer Organisationen nicht enthalten. Weil es bisher keine Studien gibt, die Fragen zur alevitischen Religiosität entwickelt haben, wurden die Fragen aufgrund eines Experteninterviews mit Ismail Kaplan[1], dem Vorsitzenden des Bundesverbands der AABF in Deutschland, und auf der Basis seines Buches „Das Alevitentum“ (Kaplan 2004) sowie der Beschreibung alevitischer Rituale von Lan-ger (2008) und Karolewski (2005) formuliert. Die Ergebnisse des Interviews und der Literaturrecherche wurden weiterhin im Rahmen eines explorativen Interviews mit zwei alevitischen Studentinnen[2] der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln diskutiert und in Teilen angepasst (Klöckner und Friedrichs 07.04.10).

Frage 47 erörtert, wie häufig die befragte Person an Hak-Mul)ammad-'Ali [3] denkt. Sie wurde aufgrund der Aussagen der Gruppendiskussion entwickelt und soll äquivalent zur Bethäufigkeit bei Christen und Muslimen abgefragt werden.

Entsprechend sind die Antwortkategorien und deren Codierungen zu Frage 40 und 41 identisch.

Die religiöse Dichtung spielt, vertont und in Zeremonien gemeinsam gesungen, eine besondere Rolle, weil sie Glaubensinhalte, Legenden, Rituale und religiöse Praxis vermitteln sollen (Aguiçenoglu 2005, S. 133; Kehl-Bodrogi 1988, S. 113, Kapitel 4.2.2). Frage 48 greift die Bedeutung der Musik auf. Sie wird als Indikator für religiöses Wissen verwendet. Sie wird ebenfalls mit der Codierung „mehrmals am Tag“ = 7, „einmal am Tag“ = 6, „mehr als einmal in der Woche“ = 5, „einmal in der Woche“ = 4, „einbis dreimal im Monat“ = 3, „mehrmals pro Jahr“ = 2, „seltener“ = 1 und „nie“ = 0 erfasst.

Frage 49 erfragt die Wichtigkeit von 14 religiösen Einstellungen und Handlungen für die befragte Person. Für jedes der 14 Items gibt es die Auswahlmöglichkeiten „gar nicht wichtig“ = 0, „weniger wichtig“ = 1, „eher wichtig“ = 2 oder „sehr wichtig“ = 3. Die Aussagen fußen auf den in der Literatur angegeben Regeln und Geboten des alevitischen Glaubens (Kaplan 2004).

In Frage 50 geht es darum, ob die befragte Person im Rahmen der Muharrem-

Trauertage fastet. Sie kann darauf mit „ja“ = 1 oder „nein = 0 antworten.

Die Fragen 51 bis 53 richten sich wieder an die Angehörigen aller Glaubensgemeinschaften, worauf ein Anleitungstext an dieser Stelle hinweist.

Frage 51 ist angelehnt an die Frage E30 des Freiwilligensurveys 2004 (Gensicke et al. 2005, S. 437) und fragt nach dem Zugehörigkeitsgefühl der befragten Person zu ihrer Glaubensgemeinschaft. In der Umformulierung wurde

Wie sehr“ zu „Wie stark“ und „dieser Kirche oder Religionsgemeinschaft“ zu

„Ihrer Glaubensgemeinschaft“ aus den bereits unter Frage 35 benannten Gründen geändert. Die Antwortskala ähnelt der der entsprechenden Frage 34 von Kecskes und Wolf (1996); hier lauten sie: „gar nicht“ = 0, „wenig“ = 1, „mittel“ = 2,

stark“ = 3, „sehr stark“ = 4 und „weiß nicht, keine Angabe“ = 9998.

Frage 52 entspricht wörtlich der Frage 11 des Religionsmonitors 2008 nach der subjektiv eingeschätzten Religiosität (Bertelsmann Stiftung 2008, S. 245). Weggelassen wurde der zweite Teil der Formulierung, da die Kategorien in der schriftlichen Befragung unmittelbar sichtbar sind. Sie wurden meist jeweils leicht gekürzt um das Wort „religiös“ und lauten nun: „gar nicht“ = 0, „wenig“ = 1, „mittel religiös“ = 2, „ziemlich“ = 3, „sehr“ = 4 und „weiß nicht, keine Angabe“ = 9998.

In Frage 53 wird erneut nach der Zustimmung zu Aussagen gefragt, die den empfundenen Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben der befragten Person erfassen. Diese Frage entstammt dem Fragebogen von Kecskes und Wolf (1996,

S. 30, Frage 46) der religiösen Erfahrung und wurde wieder an die schriftliche Befragungsform angepasst (statt „vorlesen“ „finden Sie“ usw., siehe Frage 39). Die Skala basiert auf einer Itembatterie von Boos-Nünning (1972; Glock 1962) und erzielte eine sehr gute Reliabilität (a = 0.96) (Kecskes und Wolf 1996, S. 30). Die genannten Aussagen entsprechen wörtlich denen des Originals, allerdings wurden die Referenzen zu „Gott“ für jede Aussage erweitert auf „Gott/ Allah/ Hak-Mu/:ammad-'All“, um Angehörige aller befragten Religionsgemeinschaften gleichzeitig anzusprechen. Geringfügig geändert wurden auch die Antwortmöglichkeiten für jede Aussage. Im Original wurde gefragt, „ob diese […] zutrifft“; hier wurde nun nach der Zustimmung gefragt, so dass folgende Auswahlmöglichkeiten bestehen: „stimme gar nicht zu“ = 1, „stimme wenig zu“ = 2, „teils teils“ = 3, „stimme überwiegend zu“ = 4, „stimme völlig zu“ = 5.

Im Folgenden wurde eine Hauptkomponentenanalyse[4] durchgeführt, da die Gesamtvarianz der Items aufgeklärt und eine Reduktion der Variablen auf möglichst wenige Komponenten vorgenommen werden soll. Die Ergebnisse von Kecskes und Wolf (1996, S. 30) können bestätigt werden (Tabelle A 6, Tabelle A 7, Tabelle A 8). Trotz der Ergänzung der Items durch den jeweiligen Bezug auf „Gott/ Allah/ Hak-Mu/:ammad-'All“ und der Befragung von Personen unterschiedlicher Konfessionen findet sich eine einfaktorielle Lösung mit einem Cronbachs a = 0,94 und einer Inter-Item-Korrelation von r = 0,73, was für eine gute bis sehr gute Skala spricht. Tabelle 9 zeigt die Verteilung ausgewählter religiöser Merkmale unterteilt nach den Glaubensgemeinschaften, die in der vorliegenden Analyse näher betrachtet werden. Aufgrund der großen Unterschiede der Fallzahlen wird auf einen Vergleich der Ausprägungen mit Zusammenhangsmaßen zwischen den Konfessionen verzichtet.

Tabelle 13 zeigt die Zusammenhänge

[5] der konfessionsspezifischen und allgemeinen Fragen zur religiösen Praxis und Religiosität. Es zeigt sich, dass bei Protestanten, Katholiken und Muslimen signifikante Zusammenhänge zwischen der Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft und der selbsteingeschätzten Religiosität und dem Besuch der Moschee oder Kirche sowie der Häufigkeit zu beten bestehen. Darüber hinaus sind Zusammenhänge zwischen der Teilnahme an der Kommunion oder dem Abendmahl bei Christen und der Wichtigkeit der Religion im Alltag bei Muslimen zu verzeichnen. Daher ist davon auszugehen, dass die Skala des Einflusses des Glaubens auf das Alltagsleben von Kecskes und Wolf (1996, S. 30), selbstberichtete Religiosität und die Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft für diese drei Konfessionen vergleichbare Merkmale sind. Insgesamt weisen die religiösen Merkmale, vor allem aber die Bethäufigkeit und der Moscheebesuch für Muslime eine geringere Streuung als für Christen auf, womit sich der schwache Zusammenhang zur Religiosität und zur Skala des Einflusses des Glaubens auf das Alltagsleben erklären lässt.

Es sind keine signifikant positiven Zusammenhänge zwischen der Selbstauskunft der Religiosität und der Verbundenheit des Glaubens und anderen religiösen Merkmalen der Aleviten zu verzeichnen. Der signifikant negative Zusammenhang zwischen dem Muharrem-Fasten und der Verbundenheit zur Glaubensgemeinschaft ist ein Artefakt und nicht interpretierbar. Der Grund ist die niedrige Fallzahl von nur 17 alevitischen Befragten, die eine sinnvolle Differenzierung dieser Gruppe ausschließt (Tiede und Voß 2000, S. 30). Im Folgenden werden die alevitischen und islamischen Befragten, unter Rückgriff der in Kapitel 4.2.1 und 4.2.2 dargestellten Unterscheidungen der beiden Glaubensgemeinschaften, zusammen betrachtet. Dies bedeutet zwar eine deutliche Einschränkung des Erkenntnisinteresses der vorliegenden Arbeit, da im Rahmen des Expertengesprächs mit dem Vorsitzenden der AABF und der Gruppendiskussion mit alevitischen Studentinnen Unterschiede in der religiösen Praxis, wie Merkmale der Religiosität, deutlich wurden. Dennoch soll nicht auf die befragte Gruppe ver- zichtet werden. Im Folgenden werden und die konfessionsunspezifischen Merkmale Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft, die Skala des Einflusses des Glaubens auf das Alltagsleben und die selbstberichtete Religiosität der Aleviten betrachtet werden, wobei nur vermutet wird, dass diese beiden Merkmale in ähnlicher Weise aussagekräftig für Aleviten, wie für Christen und Muslime sind. Die Merkmale Besuch der Gotteshäuser und Beten werden wie im Folgenden dargestellt zusammengefasst. Insgesamt zeigt sich, dass die Frequenz des Moschee- und des Kirchenbesuchs bei Muslimen und Christen unterschiedlich ist. Um dennoch gemeinsame Analysen durchführen zu können, wurden die beiden Fragen zusammengefasst. Die Antworten zur Moscheebesuchs- und Kirchgangshäufigkeit sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während Christen auf der fünf-stufigen Skala einen Median von x= 2 „mehr als einmal in den letzten zwölf Monaten“ erreichen, weisen Muslime auf der sechsstufigen Skala einen Median von x= 5 „mehrmals in der Woche“ auf. Würden die Kategorien der beiden

Merkmale einfach zusammengefasst, würde dies dazu führen, dass überdurch-

schnittlich häufig in die Kirche gehende Christen im Vergleich zu den nur durch-

schnittlich oft in die Moschee gehenden Muslimen als weniger z.B. religiös ein-

geschätzt würden.Wenn unter Muslimen mehrmals in der Woche in die Moschee

zu gehen einer durchschnittlichen Häufigkeit entspricht, würde ihre Religiosität

entsprechend überschätzt. Hier erfolgte die Zusammenfassung der ersten Katego-

rie deshalb für Werte unterhalb des Medians, weil über 60 Prozent der Muslime

7 = „mehrmals am Tag“ angegeben haben und keine Differenzierung zwischen

weniger oft und häufiger Betenden hätte stattfinden können. Für Aleviten wurde,

wie beschrieben, das Merkmal Häufigkeit des Denkens an Hak-Mul)ammad-'Ali verwendet. Der Median ist hier die Ausprägung x= 2 „mehrmals pro Jahr“.

Daher wurden alle Antworten bis unterhalb des Medians zu der Kategorie

0 = „unterhalb des Medians“ und alle Ausprägungen darüber zur Ausprägung

1 = „Median und darüber“ gemeinsam mit den Antworten der Christen und

Muslime zusammengefasst. Die Ausprägungen des neuen Merkmals der Bethäu-

figkeit aller konfessionellen Befragten umfassen 304 Antworten (46,8 %) in der

ersten Kategorie 0 = „unterhalb Medians“ und 345 (53,2 %) Antworten in der

zweiten Kategorie 1 = „Median und darüber“.

Tabelle 13: Zusammenhang der konfessionsspezifischen und allgemeinen religiösen

Aleviten N (max.) = 17, Muslime N (max.) = 60, Protestanten N (max.) = 384, Katholiken N (max.) = 150, *** = p :S 0,001, ** = p :S 0,01, * = p :S 0,05, n.s. = nicht signifikant.

  • [1] Das Interview konnte nicht auf ein Tonband aufgezeichnet werden, weshalb sich hier nur auf die Notizen des Gesprächs und auf Kaplans (2004) Veröffentlichung berufen wird
  • [2] Ebru Balaban (Studentin der Sozialwissenschaften) und Ilkay Yilmaz (Studentin der Politikwissenschaften sowie Vorsitzende des deutsch-türkischen Menschenrechtsvereins TÜDAY e.V.)
  • [3] Äquivalent zur christlichen Dreifaltigkeit Gott Vater, Jesu und Heiliger Geist wird im Alevitentum eine Trinität aus Hak-Mul)ammad-'Ali, also Gott, der Prophet und sein Nachfolger verehrt (Kehl-Bodrogi 1988, S. 135; Öznur 2007, S. 48)
  • [4] zij = aj1s1i + aj2s2i +• + ajp sjpi mit zij = der Score von Fall i in der manifesten Variable j. ajk = Ladung der manifesten Variablen j auf dem latenten Faktor k (k = 1,…,p); ski = Score von Fall i auf dem der Komponente k (Widaman 2007, S. 182-185)
  • [5] Spearman's p = 16 .Li=1(r(xi)-r (yi))2

    n(nZ-1)

    mit r(xi) bzw. r(yi) = Rangplatz der Werte von = Rangplatz der Werte von x bzw. y in der geordne-

    ten Reihe der entsprechenden Werte (Wirtz und Ulrich 2010, S. 293)

 
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