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8.6.5 Soziodemographie der Freiwilligen in den Motivclustern

Tabelle 35 zeigt die Soziodemographie der Freiwilligen aufgeteilt in die beschriebenen Motivcluster. Um zu prüfen, welche der Cluster sich voneinander unterscheiden, wurde weiterhin ein Post-hoc-Test mit Scheffé-Prozedur berechnet, dessen Ergebnisse in Tabelle A 36 abgetragen sind. Die Freiwilligen der vier Cluster unterscheiden sich in allen betrachteten Merkmalen außer in der Verteilung des Geschlechts und des Migrationshintergrunds. In allen vier Gruppen sind etwa zwei Drittel weiblich und ein Drittel männlich.

Die Freiwilligen des Selbstwert- und Kompensationsclusters und des pseudoaltruistischen Clusters sind, wie anhand der Motive zu vermuten war, significant älter als die anderen Freiwilligen (X² = 49,2/ CV = 0,30***). Etwa die Hälfte der Befragten dieser beiden Gruppen sind 56 Jahre und älter.

Die Freiwilligen des Selbstwert- und Kompensationsclusters leben am häufigsten

mit ihrem Ehe-/ Partner zusammen (51,0 %) (X² = 22,5/ CV = 0,20**). Personen des sozial-religiösen Clusters haben häufiger Kinder, die mit ihnen und ihrem

Partner gemeinsam im Haushalt leben (30,1 %). Der Anteil der Ledigen ohne Partner im Haushalt ist unter den selbstzentriert-hedonistisch Motivierten am höchsten (43,2 %). Der Post-hoc-Test zeigt jedoch keine signifikanten Unterschiede.

Hinsichtlich des Anteils der Personen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich die Freiwilligen nicht. Doch sind für das sozial-religiöse Cluster deutlich mehr Personen zu verzeichnen, die als Herkunftsland die Türkei

angegeben haben (22,7 %), als für die anderen Cluster (X² = 22,9/ CV = 0,22**).

Insgesamt ist in diesem Cluster der kleinste Anteil an Personen mit dem Her-

kunftsland Deutschland (67,0 %) zu verzeichnen. Der Unterschied liegt vor allem zwischen dem pseudo-altruistischen und sozial-religiösen Cluster (Tabelle A 36).

Wie bereits aufgrund des höheren Alters vermutet, befinden sich mehr Rentner bzw. Pensionäre unter den Freiwilligen des Selbstwert- und Kompensations-

clusters (57,8 %) (X² = 47,1/ CV = 0,29***), wenn auch der Post-hoc-Test nur

einen Unterschied mit einer 10 %-igen Irrtumswahrscheinlichkeit zum pseudo-

altruistischen Cluster zeigt. Die pseudo-altruistisch (40,0 %) und sozial-religiös (40,8 %) Motivierten sind häufiger erwerbstätig als die anderen Freiwilligen. Etwas mehr Schüler, Studenten und Auszubildende sind im sozial-religiösen (13,6 %) und selbstzentriert-hedonistischen (15,5 %) Cluster zu verzeichnen. Die Soziodemographie lässt sich für die vier Gruppen wie folgt zusammenfassen: Pseudo-Altruisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie etwas älter sind als die anderen und tendenziell weniger verdienen.

Tabelle 42: Soziodemographie Freiwilliger in den vier Motivclustern

a in einem Haushalt lebend; b Geburtsland des Befragten oder der Eltern, falls 2. Migrantengeneration. Pseudo-altruistisches Cluster N (max.) = 213, Sozial-religiöses Cluster N (max.) = 105, Selbstzentriert-hedonistisches Cluster, N (max.) = 134, Selbstwert- und Kompensationscluster N (max.) = 105.

Die meisten von ihnen sind verheiratet, leben mit ihren Partnern oder mit ihren Partnern und Kindern zusammen. Die meisten sind deutscher Herkunft und erwerbstätig oder bereits in Rente. Die Freiwilligen, die sozial-religiös motiviert sind, sind etwas jünger als die anderen, verfügen über ein geringes Haushaltseinkommen, obwohl unter ihnen die meisten Personen Abitur haben. Mehr als die Hälfte lebt mit ihren Partnern zusammen, davon ein Drittel auch mit Kindern im Haushalt. Sie sind die Gruppe mit den meisten Personen mit türkischem Migrationshintergrund. Sie integrieren weniger Rentner und mehr Studenten, Schüler und Auszubildende in ihr Cluster als andere.

Die Freiwilligen des selbstzentriert-hedonistischen Clusters zählen ebenfalls zu den jüngeren Freiwilligen. Die wenigsten von ihnen haben bereits Kinder, mit denen sie zusammenleben. Mehr Freiwillige als in den anderen Gruppen befinden sich noch in Ausbildung, sind Schüler oder studieren noch, und nur knapp ein Drittel ist erwerbstätig. Die Freiwilligen des Selbstwert- und Kompensationsclusters sind die ältesten Freiwilligen. Sie integrieren die wenigsten Ledigen und sind die Gruppe, die am häufigsten mit Partnern und Kindern zusammenleben. Ein Viertel von ihnen ist nicht deutscher Herkunft und wurde in der Türkei, einem anderen europäischen oder außereuropäischen Land geboren.

Die Kernfrage, die sich in den ersten vier Hypothesen des Kapitels 6.3 widerspiegelt, ist, ob und in welcher Weise sich die Motive der Freiwilligen verschiedener Organisationen unterscheiden. Die erste Hypothese lautete:

H1: Die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer und zweckorientierter Organisationen unterscheidet sich.

Tabelle A 37 zeigt, dass sich die Freiwilligen zweckorientierter und solidarischer Organisationen unterschiedlich auf die vier Motivcluster verteilen (X² = 17,5/ CV = 0,18***). Am häufigsten gehören Freiwillige der solidarischen Einrichtung dem pseudo-altruistischen Motivcluster (43,7 %) an. Etwa zu glei- chen Anteilen finden sich Freiwillige solidarischer Einrichtungen im selbstzentriert-hedonistischen (23,4 %) und Selbstwert- und Kompensations-cluster (24,0 %). Wie zu erwarten war, ist nur ein geringer Anteil von 9,0 % in dem Cluster sozial-religiöser Motive zu finden. In zweckorientierten Organisationen dagegen gehören die Freiwilligen signifikant häufiger dem Cluster sozialreligiöser Motive (23,1 %) an. Dem selbstzentriert-hedonistischen Cluster gehören Freiwillige zweckorientierter Einrichtungen etwa gleich häufig an (24,4 %), seltener dem Selbstwert- und Kompensationscluster (16,7 %). Wird die Gruppe der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen in türkisch-islamische und christliche Vereine unterteilt, sind weiterhin signifikante Unterschiede auszumachen (Abbildung 7).

Freiwillige zweckorientiert christlicher Organisationen sind häufiger im sozi- al-religiösen Cluster (18,3 %) zu finden und etwas seltener im Selbstwert- und Kompensationscluster (17,7 %) als Freiwillige solidarischer Organisationen. Die Freiwilligen der zweckorientiert türkisch-islamischen Einrichtungen sind mit fast der Hälfte dieser Gruppe, am häufigsten im sozial-religiösen Cluster (45,6 %) vertreten. Dagegen sind nur knapp 20,0 % pseudo-altruistisch motiviert. Auch dem Selbstwert- und Kompensationscluster (11,8 %) gehören sie seltener als die anderen beiden Gruppen an.

Abbildung 7: Verteilung der Motivcluster nach Organisationsformen, in %

N = 557; X² = 43,0/ CV = 0,21***.

Die zweite Hypothese lautete:

H2: Die Motivstruktur der Freiwilligen solidarischer Organisationen besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, Ressourcen, Erfahrungen und Kompetenzen zu sammeln, Anerkennung zu erhalten, Spaß zu haben und etwas zu erleben, sich für ein bestimmtes Thema einzusetzen sowie soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, als für Freiwillige zweckorientierter Organisationen.

In Anbetracht der Zusammensetzung der Motivcluster sollten die Freiwilligen der solidarischen Einrichtung vor allem dem selbstzentriert-hedonistischen Cluster angehören, das soziale Kontakte, Spaß, Interesse an der Arbeit, Lebenserfahrung, Freude, Dankbarkeit und Glück integriert. Auch das Selbstwert- und Kompensationscluster sollte häufiger vertreten sein, da es Kompetenzen nutzen und weitergeben, Selbstbestätigung, Interesse an der Arbeit, Lob und Anerkennung sowie den Tag und die Zeit strukturieren integriert. Etwa die Hälfte der Freiwilligen solidarischer Einrichtungen gehört diesen beiden Clustern an, doch ist nur der Anteil der Freiwilligen im Selbstwert- und Kompensationscluster höher als in den anderen beiden Organisationsformen. Dagegen ist der Anteil im pseudoaltruistischen Cluster unerwartet hoch. Die dritte Hypothese stellte die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientiert christlicher Einrichtungen wie folgt dar:

H3: Die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen christlicher Ausrichtung besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, gottgefällig zu handeln im Sinne christlicher Nächstenliebe und durch ein Pflichtgefühl der Barmherzigkeit, aber auch soziale Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen und zu pflegen, Beiträge zum Gemeinwohl zu leisten aufgrund eines Bürgerpflichtgedankens, die Gesellschaft zu verbessern sowie einen eigenen Nutzen zu haben, als für Freiwillige solidarischer Organisationen.

Folglich sollten diese Freiwilligen häufiger dem sozial-religiösen Cluster sowie dem pseudo-altruistischen Cluster angehören mit dem Fokus auf Hilfeleistungen und Verbesserung der Gesellschaft, der Identifikation mit der Zielgruppe und/ oder der Organisation, aber auch Zufriedenheit und einem guten Gefühl sowie dem Einsetzen für die eigene Sache. Dem pseudo-altruistischen Cluster gehören sie jedoch nicht häufiger an als die Freiwilligen solidarischer Einrichtungen. Wie erwartet, ist jedoch der Anteil der Freiwilligen mit sozial-religiösen Motiven deutlich höher. Selbstzentriert-hedonistische Motive sind genauso häufig vertreten wie unter solidarischen Freiwilligen.

Wie die Hypothese H4 beschreibt, sollten die sozial-religiösen Motive bei den Freiwilligen der türkisch-islamisch zweckorientierten Einrichtungen noch stärker ausgeprägt sein, als bei den Freiwilligen christlich zweckorientierter Organisationen.

H4: Die Motivstruktur der Freiwilligen zweckorientierter Organisationen türkisch-islamischer Ausrichtung besteht mit größerer Wahrscheinlichkeit aus dem Wunsch, gottgefällig zu handeln, soziale Kontakte zu Gleichgesinnten derselben Herkunft und Kultur zu knüpfen und zu pflegen, die Muttersprache zu sprechen, Nachteile der eigenen Gruppe zu bekämpfen, die Gesellschaft zu verbessern, die eigene Kultur zu bewahren, als für Freiwillige zweckorientiert christlicher und solidarischer Organisationen.

Die deskriptiven Analysen weisen bereits darauf hin, dass alle anderen Cluster seltener besetzt sind als das der sozial-religiösen Motive. Besonders wenige Freiwillige türkisch-islamischer Einrichtungen zeigen pseudo-altruistische Motive, was z.B. von einer besonderen Verbundenheit zu der Zielgruppe oder der Organisation zeugen würde. Wie in Kapitel 8.6.2 beschrieben, sind Motive, die sich insbesondere auf die Erhaltung von Traditionen und Religion der Herkunftskultur berufen, nicht in die Clusterung eingegangen, weshalb dieser Teil der Hypothese zunächst nicht bestätigt werden kann. Doch ist aufgrund der gro-ßen Zahl an Freiwilligen desselben Herkunftslands und Religionszugehörigkeit unter den zweckorientiert türkisch-islamischen Organisationen davon auszugehen, dass der kulturelle Aspekt der Hypothese in dem Motiv „soziale Kontakte knüpfen“ repräsentiert ist.

Die vorgestellten deskriptiven Ergebnisse konnten zeigen, dass sich Freiwillige unterschiedlicher Einrichtungen hinsichtlich ihrer Soziodemographie und ihrer Motive freiwilliger Arbeit unterscheiden. Im Folgenden soll überprüft werden, ob diese Unterschiede auch einer multivariaten Prüfung standhalten. Eine zentrale Frage der vorliegenden Analyse ist, ob sich die Zugehörigkeit zu einer Organisation durch die Motive vorhersagen lässt. Daher werden im folgenden Kapitel 8.6.6 multivariate Berechnungen für die Freiwilligen der unterschiedlichen Organisationen hinsichtlich ihrer Clusterzugehörigkeit dargestellt.

 
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