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8.7.1.3 Religionszugehörigkeit und Religiosität

Die Verteilung der Konfessionszugehörigkeit unterscheidet sich deutlich zwi-

schen den unterschiedlich motivierten Freiwilligen (X² = 45,5/ CV = 0,29***) (Tabelle 49). Wie zu erwarten war, ist der Anteil der Konfessionslosen in der

Gruppe der sozial-religiös motivierten Freiwilligen geringer als in allen anderen Gruppen (9,8 %). Dagegen ist der Anteil der Protestanten (51,0 %) geringfügig höher, vor allem aber ist der Anteil der Muslime (27,5 %) signifikant höher als in allen anderen Gruppen. Katholiken sind häufiger in der Gruppe der pseudoaltruistisch motivierten Freiwilligen (17,6 %) und der Gruppe des Selbstwert- und Kompensationsclusters (19,4 %) zu finden. Von den Letzteren bekennt sich nur ein Fünftel zu keiner Glaubensgemeinschaft. Die meisten Konfessionslosen sind im pseudo-altruistischen Cluster (29,0 %), gefolgt vom selbstzentrierthedonistischen Cluster (22,4 %), zu finden. Drei Viertel der Freiwilligen des selbstzentriert-hedonistischen Clusters gehören einer Glaubensgemeinschaft an, die meisten sind evangelisch.

Tabelle 49: Religionszugehörigkeit der Freiwilligen nach den Motivclustern

[1]

Konfession

Pseudoaltruistisch

Sozial-religiös

Selbstzentrierthedonistisch

Selbstwertu. Kompensation

N %

N %

N %

N %

Konfessionslos

61

29,0

10

9,8

34

26,2

22

22,4

Evangelisch

93

44,3

52

51,0

59

45,4

46

46,9

Katholisch

37

17,6

10

9,8

17

13,1

19

19,4

Islamisch

12

5,7

28

27,5

16

12,3

8

8,2

Andere

7

3,3

2

2,0

4

3,1

3

3,1

Gesamt

210

100,0

102

100,0

130

100,0

98

100,0

N = 540; X² = 45,5/ CV = 0,29***.

Die Fragen zu Religiosität, Beten, Besuchshäufigkeit der Kirche oder Moschee,

Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft und dem Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben wurden nur den Befragten gestellt, die angegeben haben, sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig zu fühlen. Daher konnten Freiwillige ohne Konfession nicht in die Analyse miteinbezogen werden. Demgemäß ist zu erwarten, dass die Varianz der Antworten auf die weiteren Fragen religiösen Kapitals kleiner ist, als wenn Konfessionslose ebenfalls Angaben gemacht hätten.

Abbildung 8 zeigt, dass die selbsteingeschätzte Religiosität sich in den vier Motivgruppen deutlich signifikant unterscheidet. Knapp 60,0 % der sozialreligiös motivierten Freiwilligen geben an, „ziemlich“ oder „sehr“ religiös zu sein. Bei den anderen drei Motivclustern können nur etwa 40,0 % zu den ziemlich und sehr religiösen Freiwilligen gezählt werden. Die Kategorien „gar nicht“ und „wenig“ religiös sind unter den pseudo-altruistisch und selbstzentrierthedonistisch Motivierten, wie den Freiwilligen mit Selbstwert- und Kompensationsmotiven, etwa gleichstark ausgeprägt und erreichen knapp 30,0 %.

Unterschiede gibt es auch in der Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft. Mehr als 70,0 % der sozial-religiös motivierten Freiwilligen fühlen sich stark und sehr stark mit ihrer Glaubensgemeinschaft verbunden (Abbildung 9). Die Freiwilligen der drei anderen Cluster sind weniger eng mit ihrer Glaubensgemeinschaft verbunden.

Die in den meisten Studien zur Religiosität und freiwilliger Arbeit berücksichtigte Kirchgangshäufigkeit ist in der vorliegenden Befragung für Christen und Muslime unterschiedlich abgefragt worden (Kapitel 7.2.1.4).

Abbildung 8: Selbsteingeschätzte Religiosität der Freiwilligen nach den Motivclustern, in

Nur Freiwillige mit Konfession. Pseudo-altruistisches Cluster N (max.) = 136, Sozial-religiöses Cluster N (max.) = 79, Selbstzentriert-hedonistisches Cluster, N (max.) = 89, Selbstwert- und Kom-pensationscluster N (max.) = 70; X² = 26,2/ CV = 0,15*.

Die Frage für christliche Befragte lautete „Wie häufig sind Sie in den letzten 12

Monaten in die Kirche gegangen?“ und konnte durch sieben Möglichkeiten beantwortet werden: „mehr als einmal in der Woche“, „einmal in der Woche“, „einbis dreimal im Monat“, „mehr als einmal in den letzten 12 Monaten“, „einmal in den letzten 12 Monaten“, „nie“ und „weiß nicht“. Muslime beantworteten die Frage „Wie häufig besuchen Sie die Moschee bzw. religiöse Veranstaltungen?“ und konnten ebenfalls zwischen sieben Antworten wählen: „täglich“, „mehrmals in der Woche“, „einmal in der Woche“, „ein paar Mal im Monat“, „höchstens einmal im Monat“, „ein paar Mal im Jahr“ und „nie“.

Für die alevitischen Befragten ist diese Frage, wie in Kapitel 7.2.1.4 und Tabelle A 9 erläutert, nicht gestellt worden, da es keine Tradition von regelmäßigen Gottesdiensten gibt oder nicht genügend Dedes (alevitische Geistliche) in Deutschland zur Verfügung stehen, um regelmäßige Cems (Gottesdienste) abzuhalten (Klöckner und Friedrichs 2010). Um die Freiwilligen mit christlichem und islamischem Hintergrund gemeinsam betrachten zu können und dabei die unterschiedlichen Praktiken und Gewohnheiten christlicher und islamischer Glaubensgemeinschaften zu berücksichtigen, wurden alle Werte unterhalb des religionsspezifischen Medians und alle Werte darüber in zwei Gruppen zusammengefasst (Kapitel 7.2.1.4). Abbildung 10 zeigt demnach die Kirchgangs- und Moscheebesuchs-häufigkeit christlicher und islamischer Freiwilliger, die unterschiedlichen Motivclustern angehören. Die Verteilung zwischen den Clustern ist zwar nicht signifikant, doch überwiegt einzig im sozial-religiösen Cluster mit 57,3 % der Anteil der Freiwilligen, die überdurchschnittlich oft in die Kirche oder Moschee gehen (X² = 4,0/ CV = 0,10 n.s.).

Abbildung 9: Verbundenheit mit der Glaubensgemeinschaft der Freiwilligen nach den

Motivclustern, in %

Nur Freiwillige mit Konfession. Pseudo-altruistisches Cluster N (max.) = 137, Sozial-religiöses Cluster N (max.) = 82, Selbstzentriert-hedonistisches Cluster, N (max.) = 91, Selbstwert- und Kompensationscluster N (max.) = 74; X² = 26,5/ CV = 0,15**.

Auch für das Merkmal Häufigkeit des Betens wurden die verschiedenen Fragen

anhand der Mediane zusammengefasst. Hier wurden auch die Aleviten mit der Frage danach, wie oft sie an Gott denken, in die Auswertung inkludiert. Die Antwortkategorien sind für alle Befragten dieselben: „mehrmals am Tag“ = 7,

einmal am Tag“ = 6, „mehr als einmal in der Woche“ = 5, „einmal in der Woche“ = 4, „einbis dreimal im Monat“ = 3, „mehrmals pro Jahr“ = 2, „seltener“ = 1 und „nie“ = 0 (Bertelsmann Stiftung 2008, S. 242). Die Bethäufigkeit zeigt statistisch relevante Unterschiede zwischen den unterschiedlich motivierten Freiwilligen (X² = 28,1/ CV = 0,27***). Während nur 49,3 % der Freiwilligen, die aufgrund von Selbstwert- und Kompensationsmotiven engagiert sind, 52,2 % der Freiwilligen mit selbstzentriert-hedonistischen Motiven und 60,1 % der Freiwilligen mit pseudo-altruistischen Motiven überdurchschnittlich häufig beten, sind es unter sozial-religiös motivierten Freiwilligen 84,9 %.

Abbildung 10: Kirchgangs- und Moscheebesuchshäufigkeit Freiwilliger nach den Motivclustern, in %

Nur Freiwillige, ohne Aleviten. Pseudo-altruistisches Cluster N = 139, Sozial-religiöses Cluster

N = 82, Selbstzentriert-hedonistisches Cluster, N = 92, Selbstwert- und Kompensationscluster

N = 72, (X² = 4,0/ CV = 0,10 n.s.).

Die folgenden Fragen nach dem Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben

wurden von den Befragten aller Konfessionen beantwortet. Zu verschiedenen Aussagen konnte „gar nicht“ (1) bis „völlig“ (5) zugestimmt werden (Tabelle 50) (Kecskes und Wolf 1996, S. 30). Zu allen Fragen stimmen die Freiwilligen des sozial-religiösen Clusters häufiger „völlig zu“ als die anderen Freiwilligen. Sig-nifikant unterscheiden sich vier Items (Tabelle 50). Der Aussage „Die Religion gibt mir eine bestimmte Sicherheit im Alltagsleben, die ich sonst nicht hätte“ stimmten 51,9 % der Freiwilligen mit sozial-religiösen Motiven völlig zu (X² = 25,5/ CV = 0,15*). Selbstzentriert-hedonistisch (25,3 %) und pseudo-

altruistisch Motivierte (26,0 %) sowie solche mit Selbstwert- und Kompensati-

onsmotiven (27,1 %) stimmen dieser Aussage deutlich seltener völlig zu. Bei der

Aussage „Durch den Glauben habe ich schon oft die Nähe Gottes /Allahs /Hak-

Mu/:ammad-'Alls erfahren“ verhält es sich ähnlich (X² = 24,5/ CV = 0,15*). Auch hier zeigen die sozial-religiös Motivierten am häufigsten die volle Zu-

stimmung mit 46,2 % und damit fast doppelt so häufig wie Freiwillige anderer Cluster.

Abbildung 11: Bethäufigkeit Freiwilliger nach den Motivclustern, in %

Nur Freiwillige. Pseudo-altruistisches Cluster N = 143, Sozial-religiöses Cluster N = 86, Selbst-

zentriert-hedonistisches Cluster, N = 92, Selbstwert- und Kompensationscluster N = 75, (X² = 28,1/ CV = 0,27***).

Auch der Aussage „Durch den Glauben bekomme ich ein Gefühl der Geborgenheit, das nicht mit dem Verstand erklärt werden kann“ stimmen sozial-religiös motivierte Freiwillige (64,1 %) signifikant häufiger völlig zu als andere. Die letzte sich statistisch relevant unterscheidende Aussage der Skala Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben ist das Merkmal „Der Glaube an Gott/ Allah/ Hak-Mu/:ammad-'All hilft mir, in schwierigen Situationen nicht zu verzweifeln“ (X² = 30,4/ CV = 0,17**). Fast 70,0 % der sozial-religiös motivierten Freiwilligen mit Konfessionszugehörigkeit stimmen diesem Item völlig zu. Durch eine Hauptkomponentenanalyse wurden die Variablen auf eine Dimension reduziert und anschließend eine Varianzanalyse nach den Motivclustern durchgeführt (Kapitel 7.2.1.4) (Kecskes und Wolf 1996, S. 30).

Die Mittelwerte der Items der Skala Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben unterscheiden sich hochsignifikant zwischen den Clustern (F-Test = 7,9***, q² = 0,06) (Tabelle 51). Auch hier zeigt sich dasselbe Bild. Freiwillige mit sozi-al-religiösen Motiven haben einen Mittelwert von x= 0,47, Freiwillige mit pseudo-altruistischen Motiven x= -0,15, solche mit selbstzentriert-hedonistischen Motiven x= -0,14 und jene mit Selbstwert- und Kompensationsmotiven zeigen einen Mittelwert von x= -0,10. Konfessionelle Freiwillige mit sozial-religiösen Motiven stimmen stärker zu, dass der Glaube Einfluss auf ihr Alltagsleben hat, als anders Motivierte.

Tabelle 50: Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben der Freiwilligen nach den Motivclustern, in %

Nur Freiwillige mit Konfession; nur Antworten „stimme völlig zu“ gezeigt.

Tabelle 51: Mittelwertvergleich der Skala Einfluss des Glaubens auf das Alltagsleben nach den Motivclustern

*Für die Skala wurden nur konfessionelle Freiwillige berücksichtigt.

  • [1] Für die folgenden Analysen wurde weiterhin der Datensatz, wie in Kapitel 8.6.4.1 beschrieben, ohne Ausreißer und fehlende Werte in den Motivvariablen verwendet
 
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