Das fahrerlose Automobil im Film

Ende der 1960er -Jahre ist eine Verschiebung im Bereich der Bildgeschichte selbstfahrender Autos zu beobachten. Hatten die populärwissenschaftlichen Zeitschriften bisher die Rolle eines Leitmediums inne, das mit utopischen Bildkonzeptionen für Aufsehen sorgte, so übernahm nun das Kino diese Rolle. Damit wurde das fahrerlose Automobil endgültig ein wichtiges Element der Unterhaltungsindustrie, wie James Wetmore bestätigt ([42], S. 26).

Die kinematografischen Repräsentationen des autonomen Fahrens überschreiten in der Intensität ihrer Bildsprache deutlich den Horizont der Druckmedien. Ihre Bildwelten sind nicht nur Indikatoren gesellschaftlicher Hoffnungen, sondern vor allem bestimmter Ängste. Das aus der Literatur bekannte Muster aus Wunderbarem und Unheimlichem wird weiterentwickelt. Damit ermöglicht der Film Einblicke in einen Teil des kollektiven Imaginären, in unbewusste Faktoren, die entscheidend zur Akzeptanz oder zur Ablehnung neuer Technologien beitragen. Außerdem zeigt sich in ihnen der Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung selbstfahrender Automobile. Besonders interessant ist die Bewertung verschiedener Mensch-Maschine-Schnittstellen.

Vom freundlichen Helfer zur Killermaschine

Das selbstfahrende Automobil tritt erstmals Ende der 1960er-Jahre im Spielfilm auf: Als freundlicher, wenn auch eigensinniger Helfer begeistert Herbie, The Love Bug (1968) von Robert Stevenson in Disneys Komödie das Publikum. Der kleine anthropomorphe Rennkäfer hat ein Eigenleben: Er bewegt sich von selbst, verliebt sich in ein anderes Auto, will aus Eifersucht Selbstmord begehen, torkelt betrunken, zittert vor Wut, fiept wie ein Hund, hat Fieber. Da Herbie nicht sprechen kann, werden seine Gefühle über die Kommentare seines Mechanikers veranschaulicht, der ihn zu verstehen scheint. Das selbstfahrende Auto wird als verlebendigtes, maschinales Ebenbild des Menschen gezeigt und dient als Metapher für die merkwürdige, intensive, intime Beziehung des Menschen zum Automobil.

Herbie fällt in die Kategorie des „rein Fantastischen“, wie sie Tzvetan Todorov definiert hat [39], denn der Film liefert nie eine mechanische Erklärung für das Verhalten des Wagens. Noch ist das fahrerlose Automobil wie in Illings Roman von 1930 ganz dem Wunderbaren zuzurechnen und hat nichts Unheimliches an sich.

Bald darauf ändert sich das grundlegend: Zwei Jahre vor der Energiekrise 1973 jagt ein riesiger Tanklastwagen in Steven Spielbergs erstem Spielfilm Duell einen unscheinbaren Handelsvertreter durch die Berge der kalifornischen Wüste. Infernalisch dröhnt die Trucker-Fanfare dem Opfer im Nacken, grollend verschluckt der Motorenlärm das Dudeln des Radios. Der Mensch ist hier hilflos der Maschine ausgeliefert. Jeder Fluchtversuch scheitert. Zwar wird der Lastwagen von einem Menschen gesteuert, wir bekommen den Fahrer aber nie zu Gesicht. So wird die Maschine mit ihren starren Scheinwerferaugen zum eigentlichen Jäger.

Mit Herbie und Duell sind die zwei Archetypen fahrerloser Automobile geschaffen, die in den 1970er-Jahren dann ausgeschmückt werden. Herbie bekommt bis 1980 drei Fortsetzungen. Die deutsch-schweizerische B-Film-Serie Dudu (1971–1978) inszeniert in Ein Käfer auf Extratour (1973) ein Fahrzeug mit künstlicher Intelligenz, das angeblich US-Produzent Glen A. Larson zu der Serie Knight Rider inspiriert haben soll, auf die wir später noch zu sprechen kommen.

Parallel dazu beutet der Horrorfilm das Bedrohungspotenzial des fahrerlosen Autos aus. The Car (1977) treibt Spielbergs Duell weiter. Eine diabolische schwarze Limousine terrorisiert die Einwohner einer Kleinstadt. Mit verdunkelten Scheiben, eng stehenden, stechenden Scheinwerfern, verchromten Stoßstangen in der Form eines Rammbocks und dem Motorengebrüll eines Raubtieres wird das fahrerlose Auto zu einer Personifizierung des Bösen.

Mit Christine (1983) erreicht das sich selbst steuernde Auto dann den Anti-Herbie-Zenit des Horrorfilms: John Carpenters Verfilmung von Stephen Kings Roman beschreibt, wie

das lebendig gewordene Auto sich seines Fahrers entledigt: Das sich von selbst einschaltende Radio weist von Anfang an darauf hin, dass dieser Plymouth seinen eigenen Willen hat. Das Radio ist nicht nur Empfänger, sondern vor allem subtiler Sender, es ist Stimme und Seele des fahrerlosen Autos. Im Gegensatz zu The Car hat Christine jedoch einen Besitzer, den pubertierenden Arnie, der sich durch sie verwandelt, bald geradezu sexuell von ihr besessen ist. Tagsüber steuert er das Auto, nachts geht Christine auf Jagd, um zu töten. Dann verdunkeln sich ihre Scheiben wie bei dem Lincoln in The Car. Christine ist unverletzlich wie ein Zombie, denn sie kann sich auch nach dem schlimmsten Unfall selbst heilen. Der besondere Reiz des Filmes besteht darin, dass es bis zum Schluss unklar bleibt, ob es nicht doch Arnie ist, der Christine steuert.

Die genannten Filme zeigen eine Verselbstständigung des Automobils, die ihr Pendant in der Realität fand. Die negativen Folgen der Massenmotorisierung – eine hohe Anzahl von Verkehrstoten, immer längere Staus und erhebliche Smogbelastungen – wurden in den 1970er-Jahren voll sichtbar. So führte die Ölkrise 1973 zu strengeren Emissionsbestimmungen und die Ära der Musclecars gehörte bald der Vergangenheit an. Sowohl in den USA als auch in Europa symbolisiert diese Dekade das Ende des Goldenen Zeitalters des Automobils.

Fahrerlose Autos boten sich dem Kino geradezu an, um diese Entwicklung allegorisch ins Bild zu setzen.

 
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