Jenseits der Marktlogik

Im Folgenden werden zwei Vorstellungen anhand von jeweils zwei Beispielen porträtiert, die dem affirmativen Verständnis von Marktwirtschaft und der gegenwärtigen Form von Staatlichkeit eine (macht-)kritische Perspektive entgegensetzen. Während Lara und Özgür der Logik der Marktwirtschaft ethische Prinzipien entgegenstellen, stellen Lennart und Alexander dieser sonst unhinterfragten Logik ein Verständnis entgegen, dem ein gesellschaftlicher Antagonismus zugrunde liegt. Beide Ansätze sind marginal in der untersuchten Population vertreten.

Lara (Gym18) und Özgür (Gym15) konfrontieren die Dominanz der marktwirtschaftlichen Logik mit einer ethischen Logik. Implizit kommt diese ethische Kritik an den Folgen kapitalistischer Verhältnisse relativ häufig vor, wird jedoch fast ausnahmslos zugunsten der Marktwirtschaft eingeschränkt. Nur zwei Schüler stellen sich im Spannungsfeld zwischen Ethik und ökonomischer Logik eindeutig auf die Seite der Ethik. Lara kritisiert zunächst, dass einige Länder „immer noch nicht sehr weit entwickelt sind“ und wünscht sich bessere Arbeitsund Lebensbedingungen für die Menschen im Globalen Süden. Als Bedingung dafür, dass sich die Situation verändert, führt sie an, dass „man irgendwie ein bisschen mehr von der Wirtschaft wegkommt. Also jetzt nicht [kurze Pause] Also man sollte vielleicht nicht Geld so viel Gewichtung geben.“ Als Beispiel führt sie den Waffenhandel an. Sie findet es „ja eigentlich richtig, […] denn dafür gibt es Wohlstand und so“. Dieses Argument schränkt sie aber im Folgenden ein: „Und deshalb finde ich ohne Wirtschaft, oder wenn man nicht zu viel Wert darauf legen würde, sondern mehr auf die einzelnen Menschen, auf Bildung vor allem und so, würde man vielleicht ein besseres Leben auf der ganzen Welt machen können.“ (264–272)

Auch Özgür (Gym15) stellt der Logik der Marktwirtschaft ethische Prinzipien gegenüber. In Bezug auf die Gründe für Flucht und Migration nennt er folgenden Ausspruch: „Geld regiert die Welt.“ Auf Nachfrage führt er aus, dass er halt gelernt habe, „so nach der Zeit, dass ohne Geld ein Mensch ein Nichts“ sei. Das findet Özgür nicht gut. Er findet, „ein Mensch ist durchaus was ohne Geld“ und kritisiert, dass ein Mensch ohne Geld nicht „als Mensch anerkannt“ würde. (570–583)

Nur ein Hauptschüler und ein Gymnasiast benennen einen gesellschaftlichen Antagonismus und wollen diesen zugunsten der Armen auflösen. Lennart (HS02) hat Angst, aufgrund der Globalisierung später keinen guten Ausbildungsplatz zu finden. Auf die Frage, wen er als Gewinner bzw. Verlierer der Globalisierung sieht, antwortet er „hier die gesamte Arbeitergesellschaft. Alle Leute die hier halt eine bodenständige Arbeit machen. Ja, Normalverdiener sage ich mal. Und die Gewinner wären ein kleiner Teil von, sagen wir mal, fünf Prozent oder so. Irgendwelche Manager, Firmenbesitzer.“ Er befürchtet, dass schlimmstenfalls Deutschland zum „Billiglohnland“ werden könnte. (91–96)

Auch Alexander (Gym05) sieht grundsätzlich unterschiedliche Interessen von Armen und Reichen, die einer Veränderung sozialer Missstände im Weg stünden. Er denkt, dass die „Supermächte“ etwas an der Ausbeutung im Globalen Süden verändern könnten, es aber nicht täten, „weil die halt möglichst viel Profit machen“ wollten. Er denkt, dass die ärmeren Länder gar keine Chance haben, „da überhaupt rauszukommen und sich zu befreien überhaupt. Und ich denke die Reichen, die interessiert das alles nicht so wirklich. Weil ihnen geht es gut.“ Vor dem Hintergrund verschiedener Interessen vermutet Alexander, es sei extrem schwierig, eine Veränderung zu bewirken: „Die Reichen wollen es nicht, die Armen wollen es. Und die Armen haben keine Chance gegen die Reichen. Ich denke es wird erst mal nichts passieren.“ Auf die Anmerkung, dass wir ja auch in einem reichen Land seien und wer denn dann etwas verändern könnte, antwortet Alexander, dass es prinzipiell die „Regierung oder überhaupt reiche Leute […] oder ziemlich, ziemlich, ziemlich reiche Leute“ seien, die „mitreden“ könnten. Er führt aber an, dass „Frau Merkel oder so“ bzw. „überhaupt die oberen Schichten“ die Armut anderer Menschen nicht interessieren würde. (184–239) Diese Annahme von den grundsätzlich unterschiedlichen Interessen von Armen und Reichen stellt nicht nur das Bild einer prinzipiell richtigen Weltordnung, deren Entwicklung im Sinne aller durch die Politik nur auf dem richtigen Kurs gehalten werden muss, grundsätzlich infrage. Hier wird auch die marktwirtschaftliche Logik und die dazugehörige soziale Ungleichheit nicht als letztlich alternativlos bzw. richtig vorgestellt. Auch wenn keine konkreten Alternativen formuliert werden, stellt die hier beschriebene kritische Haltung eine Voraussetzung zum Denken einer solchen dar. Vergleichbare Ansätze sind jedoch in der untersuchten Population nur marginal vertreten.

 
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