Einflussnahme über Konsumverhalten

16 Gymnasiasten und vier Hauptschüler nennen als einzige bzw. als wichtigste Partizipationsmöglichkeit die Möglichkeit, als verantwortungsvoller Konsument auf die Prozesse der Globalisierung Einfluss zu nehmen. Die Dominanz der Perspektive, gesellschaftliche Gestaltung und Veränderung aus der Rolle der Konsumenten zu denken, entspricht der allgemeinen Orientierung, die den Markt als unumstößlichen Rahmen gesellschaftlichen Handelns setzt. So findet beispielsweise Fabian (Gym06), dass „das Problem ist, dass fast alle Klamotten aus solchen Textilfabriken kommen. Jetzt besonders bei solchen Marken wie H&M, C&A. Und ich denke daran kann man nicht so viel ändern.“ Auf die Frage, ob man zumindest ein bisschen was ändern könne, antwortet Fabian: „Ich denke ein bisschen was kann man schon ändern, wenn man ein bisschen darauf achtet. Oder wenn man sich ein Geschäft aussucht, wo man weiß, dass wird nicht in solchen, ähm, Firmen produziert, die dann eventuell solche Menschen ausbeuten.“ (170–178) Die Mehrheit der Schüler, die Einflussnahme primär über Konsumverhalten denkt, nimmt eine individuell-konsumtive Haltung ein. Dabei changieren die Positionen zwischen einer optimistischen Variante, die hier durchaus einen Ansatzpunkt zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse sieht, und einer pragmatischen Variante, in der das eigene Konsumverhalten gerechtfertigt wird. Diese Varianten werden im Abschnitt zu internationaler Arbeitsteilung detailliert diskutiert. An dieser Stelle ist der entscheidende Punkt, dass ein Großteil der Gymnasiasten ihre gesellschaftliche Einflussmöglichkeit als Teilnehmende am Marktgeschehen diskutiert.

Als einer von relativ wenigen geht Jannik (Gym01) über die Vorstellung einer individuell-konsumtiven Partizipation hinaus und eröffnet die Möglichkeit eines gemeinschaftlichen Boykotts als politisches Mittel: „Als Einzelner kann man wenig bewegen. Aber wenn man jetzt eine große Gruppe hat von, was weiß ich, zehn Millionen Menschen die dann sagen: ‚Ich boykottiere das und das Produkt. Oder das und das Land aus dem die Produkte kommen.' Dann wird das natürlich einen großen Einfluss haben […]. Weil dann die Geschäfte sagen: ‚Das lohnt sich nicht mehr. Die Nachfrage ist nicht mehr da.' Dementsprechend wird das Angebot nicht mehr gebracht. Und so würde sich was verändern. Aber ich als einzelne Person kann da wenig machen.“ (129–139) Gesellschaftliche Partizipation kann nach Jannik nur funktionieren, wenn sie innerhalb der Gesetze des Marktes – Angebot und Nachfrage – erfolgt. Abgesehen von der Rolle des Einzelnen als Teilnehmer des Marktes sieht Jannik nur die Unternehmen und die Politiker in der Position, etwas zu verändern, da sie Einfluss auf das internationale Marktgeschehen haben. Einzelne Personen würden „das ja relativ wenig bestimmen, weil die ja nur kaufen was da ist“. (166–172)

 
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