Einflussnahme über NROs

Zivilgesellschaftliche Möglichkeiten, auf den Prozess der Globalisierung Einfluss zu nehmen, werden deutlich stärker von Gymnasiasten vertreten. So nennen beispielsweise acht Gymnasiasten und eine Hauptschülerin bestimmte Nichtregierungsorganisationen (NROs). Neben Greenpeace, das von vier Gymnasiasten genannt wird, tauchen Brot für die Welt, SOS Kinderdörfer, UNICEF, Amnesty International und die Grünen auf. Letztere werden von Anna (HS16) nicht als politische Partei, sondern als Umweltorganisation gesehen. Die große Mehrheit der Schüler, die zivilgesellschaftliche Einflussnahme über NROs nennt, denkt Gestaltungsmöglichkeit auf den Prozess der Globalisierung als Hilfe für die anderen. Machtverhältnisse werden in diesem Zusammenhang ebenso wenig angesprochen wie verbürgte Rechte. Gesellschaftliche Gestaltung wird von den hier dargestellten Positionen vielmehr als von der Gunst privater Initiativen abhängig betrachtet.

Vanessa (Gym10) findet es beispielsweise ungerecht, dass nicht „jeder eine Mahlzeit oder sauberes Wasser hat“. Auf die Frage, wie man dafür sorgen könne, antwortet sie, dass sie es gut finde, „dass einige Organisationen jetzt zum Beispiel für arme Kinder aus Afrika oder China so Schulen bauen“. Wenn sie zur Schule gehen könnten und die Schulbücher bezahlt würden, dann hätten sie „so eine richtige Zukunft“. Laut Vanessa sollten solche Projekte stärker unterstützt werden, indem „mehr Leute irgendwie Geld spenden oder auch selber mithelfen“. Auf Nachfrage gibt sie zu erkennen, dass sie sich auch selber vorstellen könne, sich entsprechend zu engagieren. Sie könnte sich zum Beispiel vorstellen, selber als Entwicklungshelferin im Rahmen von SOS Kinderdörfer „eine Schule zu bauen“. (145–168)

Auch Luka (Gym02) denkt Veränderungen im zivilgesellschaftlichen Rahmen als Wohltätigkeit. Nach langen Ausführungen über die schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie schlägt er vor, dass „man Spenden sammelt, das könnte ja auch helfen“. So sei ja Brot für die Welt gegen Hunger. Für die Sweatshops in Afrika sollte eine Organisation gegründet werden, „wo man Spenden für die sammelt und die dann da hingeht und dann denen […] Klimaanlagen“ einbaut. (269–274) So könnte „jeder […] eigentlich was daran verändern […]. Wir bilden so eine Organisation. Jeder könnte da spenden. Und wir könnten dann da denen helfen“. (316–318) Ähnlich argumentiert auch Firas. Nachdem er ausführlich die schlechten Bedingungen in der Textilindustrie in Bangladesch und die dortige Kleidungsproduktion für den hiesigen Markt thematisiert hat, führt er als Beispiel für mögliche Hilfe an, dass es die Kleidersammlung gäbe. Das sei „gerade für Leute zum Beispiel in Bangladesch, die nicht viel Geld haben. Dass die sich halt auch was leisten können.“ (164–169) Er thematisiert nicht, dass es die von ihm als Produzenten der Textilien genannten Menschen wären, die dann die von ihnen hergestellten Produkte als „Hilfe“ zurückbekommen würden.

Neben dieser von Gymnasiasten mehrheitlich vertretenen Vorstellung der Einflussnahme über Spenden bzw. Wohltätigkeit gibt es eine kleine Gruppe von Schülern, die die Arbeit der NROs im Konflikt mit Unternehmen sehen, wo der Staat einen Ausgleich schaffen müsse. Beispielsweise Özgür denkt, dass Greenpeace gegen Unternehmen protestieren oder diese boykottieren könne, wenn die zum Beispiel Holz verkaufen wollen. Sowohl das Unternehmen als auch Greenpeace „fühlen sich ja […] gestört. Weil Greenpeace ist dagegen, dass sie es machen. Und halt der Besitzer, sag' ich mal, ist halt dagegen, dass die protestieren.“ In dieser Situation sei es dann Aufgabe des Staates bzw. der Regierung, ein Gesetz zu erlassen, „was das halt so beides so einschränkt und [den Konflikt] halt so lindert.“ Özgür begrüßt den Protest der NRO und sieht im Staat einen neutralen Mittler zwischen den Interessen – in diesem Fall Umweltschutz und Profit. Özgür könnte sich vorstellen, „dagegen zu protestieren natürlich“. Dazu fehle ihm aber die Organisation. Greenpeace zum Beispiel sei laut Özgür „nicht hier vertreten“. (76–121)

 
< Zurück   INHALT   Weiter >