Einflussnahme über Gewerkschaften

Alle Schüler wurden nach ihrem Wissen über und ihrer Meinung zu Gewerkschaften befragt. Obwohl der Gesprächsfluss dies nahelegte, wurde das Thema Gewerkschaften oder gewerkschaftliche Partizipation in den seltensten Fällen von den Schülern selbst angesprochen. In den meisten Fällen mussten sie hingegen durch den Interviewer auf dieses Themenfeld gelenkt werden. Acht Hauptschüler und drei Gymnasiasten besitzen keinerlei Kenntnisse über Gewerkschaften. Acht Hauptschüler und zehn Gymnasiasten haben geringe bzw. unsichere Kenntnisse. Vier Hauptschüler und neun Gymnasiasten haben gute Kenntnisse. Anzumerken ist hier, dass einigen Schülern beider Schultypen die Namen von Einzelgewerkschaften geläufiger sind als der Oberbegriff Gewerkschaften. Viermal wird ver.di genannt (HS: 2, Gym: 2), zweimal IG Metall (Gym: 2) und einmal IG BAU (HS: 1). Der DGB wird keinmal erwähnt. Oft wird bei dem Begriff der Gewerkschaft auch zunächst eine unternehmerische Gruppe assoziiert, so etwa Metin (HS09):

Gewerkschaften? […] Also so ein Händler?“ Wobei er nach der Aufklärung des Missverständnisses sowohl Wissen als auch potenzielle Partizipationsbereitschaft zeigt: „Wenn es schlechter wird, muss man ja streiken“. (271–289)

Die Bewertungen bei denjenigen, die über Wissen verfügen, gehen nicht weit auseinander. In der Regel sind die Schüler Gewerkschaften gegenüber positiv eingestellt. Entsprechend der Wissensverteilung auf die Schultypen lassen sich bei vier Hauptschülern und zwölf Gymnasiasten positive Einstellungen feststellen. Während viele keine Bewertung abgeben, steht eine sehr kleine Gruppe Gewerkschaften skeptisch gegenüber. Beispielsweise Mark (Gym09) versteht unter Gewerkschaften „Gesellschaften, wo Arbeiter so zusammenhalten“. Er kritisiert jedoch die Praxis des Streikens. So würde zum Beispiel „nichts bei der Bauindustrie laufen“, wenn die „Bauarbeiter […] jetzt streiken“ würden. Oder zum Beispiel „am Flughafen, wenn man da streiken würde, dann würde gar nichts mehr laufen, weil die ganzen Passagiere gar nicht mehr ankommen würden“. Außerdem hätte „man […] bei den ganzen Streiks […] auch einen Verlust von Geld. Und das bringt die Ordnung durcheinander.“ Er sieht es eher kritisch, wenn gestreikt wird, den „wenn ein bestimmter Bereich nicht funktioniert, dann funktionieren vielleicht auch andere Bereiche nicht mehr. Und dann entsteht Chaos.“ (678–702) Diese Position stellt jedoch eine Ausnahme dar. Die meisten derjenigen, die eine Bewertung vornehmen, begrüßen die Praxis der Gewerkschaften. Die folgenden fünf Beispiele sollen die Vorstellungen, die dieser Bewertung zugrunde liegen, illustrieren.

Viele finden es einfach gut, wenn sich die Gewerkschaften für die Interessen der Arbeiter einsetzen. Beispielsweise Niklas (HS17) versteht unter Gewerkschaften „zum Beispiel irgendwelche Arbeiter, die sich dann zusammenschließen. Und die dann teilweise auch streiken gehen, um halt sich für ihre Rechte einzusetzen.“ Er bringt das Beispiel, dass die bei der Bahn streiken würden, „weil die zu wenig Geld kriegen“. Auf die Frage, was er dazu denke, ob er das „eher gut oder schlecht“ fände, antwortet er nach langer Überlegung: „Na, natürlich gut, dass sie sich dafür einsetzen. Aber schlecht, dass sie nicht immer unbedingt damit durchkommen.“ Niklas weiß „noch nicht“, ob er später mal in eine Gewerkschaft eintreten will. (151–175)

Auch Lennart (HS02) steht den Gewerkschaften aufgeschlossen gegenüber und möchte später auch eintreten. Er versteht unter Gewerkschaften „Arbeitervereine“. Er findet die ziemlich gut. Er fügt ein „aber in der heutigen Zeit“ an und scheint damit zu meinen, dass sie früher kämpferischer waren. „Na ja, die streiken ja eigentlich schon noch. Die halten halt die Interessen der Arbeiter hoch.“ Durch die Gewerkschaften könnte „man ja ein bisschen Druck machen bei den Arbeitgebern, dass halt nicht wieder Zustände [wie] in der Industrialisierung“ kommen. Lennart möchte später in eine Gewerkschaft, weiß aber noch nicht genau welche, wahrscheinlich „IG BAU oder so“. (168–183)

Andere Gewerkschaftsbefürworter betonen die Rolle, die die Gewerkschaften für die angesprochene notwendige sozialpartnerschaftliche Balance zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern innehätten. Tung (Gym17) muss erstmal überlegen („das Wort kenne ich“) und assoziiert nach einer kurzen Erklärung „ver.di oder so“. Die Gewerkschaften würden nach Tung „mehr im Sinne von den […] kleineren Arbeitern“ handeln. Sie würden dafür sorgen, dass „die Arbeitgeber und Arbeitnehmer sozusagen, ähm, im Gleichgewicht sind. Dass halt sozusagen nicht die Arbeitgeber machen könnten was sie wollen.“ Er habe die Gewerkschaften so erlebt, dass „ver.di oder so […] halt immer demonstrieren“. Auf die Frage, was er davon halte, antwortet er, dass es ganz darauf ankomme, „ob ich jetzt Arbeitnehmer oder Arbeitgeber bin“. (263–299)

Auch Merle (Gym21) verfolgt eine sozialpartnerschaftliche Argumentation. Sie assoziiert zunächst bei Gewerkschaften „für Arbeiter oder so“. Danach führt sie ihr Verständnis weiter aus, wobei unklar bleibt, ob sie über Gewerkschaften oder Tarifrunden spricht: „Ich glaube so für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. So dass die halt sich dafür einsetzen, dass beide Seiten irgendwie einen Kompromiss finden. Und ich denk' mal schon, dass das gut ist. Weil halt von beiden Seiten da jemand drin sitzt und die sich halt austauschen können darüber, wie es denen und wie es den anderen geht. Und dann halt dazwischen einen Kompromiss finden, so dass beide zufrieden sind halt.“ (377–389) Wie Tung argumentiert Merle sozialpartnerschaftlich, bringt jedoch ein noch stärker konsensuales Bild, das kaum Raum für Vorstellungen von Macht lässt.

David (Gym14) denkt, dass es Gewerkschaften fast nur im Globalen Norden gäbe und diese auf den nationalen Rahmen beschränkt seien. Als einer von wenigen führt er außerdem an, dass die Gewerkschaften die Globalisierung für ihre Arbeit berücksichtigen müssten. Gewerkschaften seien laut David „hier in Deutschland […] ständig nur am Streiken“. „In der Dritten Welt“ bzw. „Afrika“ oder „Asien“ gäbe es „nicht so viel, von so was“. Dies führt er darauf zurück, dass Gewerkschaften in den „alten kommunistischen System, Sowjetunion“ verboten gewesen seien. Außerdem habe David noch „nie gehört, auch aus den Nachrichten oder so, dass in China irgendeine Gewerkschaft da sich mit wem angelegt“ habe. Ein weiterer Grund für die vermeintliche Nicht-Existenz von Gewerkschaften besteht für ihn darin, dass dort „die Leute auch einfach, wenn die so viel arbeiten, viel zu müde [seien], um über so was nachzudenken. Die essen, schlafen, arbeiten. Und das ist ihr Tagesablauf. Die haben gar keine Zeit.“ (417–429) Er denkt aber, dass die Gewerkschaften hier im Prozess der Globalisierung durchaus mitreden könnten. Die Gewerkschaften hätten ja inzwischen „großes Mitspracherecht in den Konzernen“. Beispielsweise die IG Metall sei aufgrund ihrer Mitgliederstärke sehr einflussreich. Er stellt aber die Frage, inwiefern dieser Einfluss international sei. Schließlich würden die Gewerkschaften ja „erstmal für IHRE Angestellten“ kämpfen. „Und wenn wir in Deutschland irgendwann mal das Optimum erreicht haben, dass alle zufrieden sind, dann können die vielleicht auch schauen: ‚Wie helfen wir anderen?' Aber dafür sind noch zu viele Deutsche anscheinend unzufrieden.“ David fügt hinzu, dass die Gewerkschaft eben „auf nationaler Ebene“ agiere. Hervorzuheben ist hier die Eindeutigkeit, mit der David den gewerkschaftlichen Handlungsrahmen auf eine nationale Ebene beschränkt.

 
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