Einflussnahme über Proteste, Demonstrationen, Selbstorganisation

Insgesamt sprechen zehn Gymnasiasten und fünf Hauptschüler Proteste oder Demonstrationen als mögliche Mittel gesellschaftlicher Partizipation an. Kein Schüler gibt an, selbst an Protesten oder Demonstrationen beteiligt gewesen zu sein. Drei Gymnasiasten und drei Hauptschüler erklären aber explizit, sich selber an Protesten beteiligen zu wollen. Konkretes Wissen von gegenwärtigen oder vergangenen Protesten haben nur sieben Gymnasiasten und zwei Hauptschüler. Dabei benennt nur eine Gymnasiastin stattfindende Proteste in Deutschland. Die anderen sprechen mehrfach den arabischen Frühling oder die Gezi-Proteste in der Türkei, und jeweils einmal die Schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er Jahre oder die Armutsproteste in Bulgarien an. Beispielsweise hört Özgür (Gym15) direkt von seinen Cousins, die dort auch demonstrieren, von den GeziProtesten. Er kritisiert die Politik Erdogans, der als Diktator regieren wolle und es solle stattdessen „halt eine Demokratie herrschen“. (246–247) Michael (HS18) benennt ebenfalls die Gezi-Proteste, allerdings mit deutlich weniger Wissen darüber. Er kritisiert, dass die da mit Tränengas und „Schießerei […] abgeschlachtet“ werden würden. Seit dem Zweiten Weltkrieg sei Vergleichbares in Deutschland unvorstellbar. Dass die deutsche Regierung gegen die eigene Bevölkerung Tränengas einsetzen könnte, glaubt Michael nicht: „das gibt es hier nicht“. (647–665)

Im Folgenden soll – unabhängig vom Wissen über reale Bewegungen – der Struktur vorgestellter Proteste nachgegangen werden. Dominant ist hier die Vorstellung, dass Proteste die Politiker oder die Mächtigen zur Hilfe oder Einsicht bewegen. Vor dem Hintergrund eines weit gefassten Partizipationsbegriffs ist insgesamt auffällig, dass zwar einige Schüler kritisieren, nicht alle könnten gleichberechtigt mitentscheiden. Trotzdem schlägt aber kein Schüler eine grundlegende Veränderung von Entscheidungsstrukturen vor. In den Vorstellungen der Schüler zielt möglicher Protest auf die Einsicht der Mächtigen. Grundlegende Veränderungen von Strukturen repräsentativer Demokratie, gesellschaftlicher Entscheidungsfindungen oder der Machtund Besitzverhältnisse – beispielsweise zugunsten von Selbstverwaltung oder Basisdemokratie – werden nicht angesprochen. Es lässt sich aus dem Material nicht ableiten, dass die Mehrheit der Schüler mit den bestehenden Strukturen von Partizipation einverstanden ist. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Frage nach grundlegender, allgemeiner und gleichberechtigter Partizipation von den Schülern nicht gestellt wird.

Dabei lassen sich drei Varianten in der Gruppe von Schülern ausmachen, die Proteste und Demonstrationen als mögliche Mittel gesellschaftlicher Partizipation sehen. Diese drei Varianten werden im Folgenden anhand von Kurzporträts von Pascal (Gym12), Jan (Gym20) und Lara (Gym18) dargestellt. Sie kommen in ähnlichen Formen auch in den Vorstellungen der anderen Schüler vor. Pascal sieht in Protest die Möglichkeit, die Regierung auf andere Themen zu lenken. Jan denkt, dass es für einen von der Regierung anerkannten Protest eine starke Führungsperson brauche. Lara glaubt, die Mächtigen würden auf einen Zusammenschluss von vielen Leuten hören – zumindest, wenn konkret umsetzbare Alternativen vorgeschlagen werden. Um gesellschaftliche Veränderung zu erreichen, schlägt sie außerdem vor, dass intelligente Personen in hohe Positionen kommen sollten. Diese drei Wege, wie gesellschaftliche Veränderung gedacht wird, werden im Folgenden vorgestellt.

Pascal (Gym12) sieht in Demonstrationen die Möglichkeit, die Regierung auf andere Themen zu lenken, weil sie auf Wählerstimmen aus sind. Er denkt, dass die Regierung bisher kein Gesetz zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Kleidungsproduktion verabschiedet hat, weil die „zurzeit einfach andere Baustellen“ hätten, die „viel wichtiger sind als so ein Gesetz durchzubringen. Aber vielleicht aus Protest der Bevölkerung würden die das bestimmt machen irgendwann.“ Der Grund für das mögliche Einlenken „unserer Regierung“ liegt nach Pascal darin, dass die „ja eigentlich auch zum großen Teil auf die Wählerstimmen aus“ sei. Wenn die dann merken würden, dass „ein großer Teil des Volkes das wirklich will, dass so ein Gesetz auf den Weg gebracht wird, dann werden die das […] auch auf den Weg bringen […]. Aus eigenem Interesse schon, weil die an der Macht bleiben wollen.“ Er kennt allerdings keine Gruppen, die so etwas machen würden. (230–246)

Jan (Gym20) denkt, die Regierung könne nur mit einem Führer, der das Volk begeistert, umgestimmt werden. Die Vorstellung eines charismatischen Anführers taucht häufig in den Vorstellungen der Schüler auf, während sein Hitlerbezug als positives Beispiel einen Spezialfall darstellt. Zunächst führt er aus, dass es nichts bringe, wenn „eine Person von weiß ich nicht wie vielen, eine Million sagen wir mal so,“ ein Produkt, das aus Kinderarbeit stammt, nicht kaufen würde. Das müsste man „richtig angehen“ und „irgendwie so Promotion und so machen“. Auf die Frage, wie es zu einer solchen Veränderung kommen könnte, bringt er zwei personalisierte, historische Vergleiche ins Spiel – Martin Luther King und Adolf Hitler

– und beschreibt damit die vermeintliche Logik von Protesten. Wenn es „so einen Typ [Martin Luther King], der dann halt so Reden macht“, gäbe, dann entstünden „Verbindungen mit höheren Leuten“. Jan ist sich nicht sicher, „ob man dann direkt mit Obama […] oder halt mit Angela Merkel“ sprechen könne. Dennoch sieht er hier die Möglichkeiten die Situation „da so ein bisschen verändern“ zu können. Als Voraussetzung bräuchte es aber jemanden, der es schafft, dass „die Leute mitkommen“, so wie Hitler das geschafft habe. Dieser habe das „Volk gewonnen“ und eben „ein Talent gehabt die Menschen mitzureißen“. Wenn es jetzt so jemanden gäbe – „jetzt nicht, das was er gemacht hat, sondern halt […] die Fabriken zu stoppen oder halt Proteste davor zu machen“, dann würde Jan annehmen, dass es bald ganz viele Leute werden würden. So würden die Medien diese Themen aufgreifen und es würde „halt auch Diskussionen darüber geben“. (510–573)

Lara (Gym18) denkt, die Mächtigen hörten darauf, wenn beispielsweise ihre Schule geschlossen etwas fordern würde und konkrete Verbesserungen und Kompromisse vorschlagen würde. In Bezug auf die Arbeitsbedingungen in der Kakaoproduktion in der Elfenbeinküste schlägt sie vor, die Geschäftsführer dazu zu bringen, etwas zu verändern. Als Möglichkeit zu protestieren nennt sie zunächst Briefe schreiben. Sie schlägt vor, „denen ein bisschen klarzumachen wie schlimm es eigentlich ist. Und denen irgendwie, ähm, Besserungsmöglichkeiten oder irgendwas vorschlagen, damit sie, ähm, nicht denken, dass sie alles aufgeben müssen oder so.“ Auf die Frage, ob sie glaube, dass die auf sie hören würde, antwortet Lara, dass sie nicht glaube, dass „die auf eine Person, vor allem keine junge Person, hören“ würden. Es müssten sehr viele sein, zum Beispiel sollte „die ganze Schule was veranstalten“. Wir sollten „irgendeine Art von Projekt machen oder so und Vorschläge sammeln und denen das halt klarmachen. Oder halt Kompromisse uns überlegen. Und dann werden die vielleicht schon – also ich meine wir sind 900 Schüler“. (166–183)

Lara fügt ihrer Vorstellung gesellschaftlicher Veränderung einen weiteren Aspekt hinzu. Sie schlägt vor, dass man dafür sorgen müsse, dass intelligente Personen in hohe Positionen kommen, um etwas zu verändern. Wiederum geht es also nicht um die Veränderung von Strukturen, sondern um personelle Wechsel. Im Folgenden wird der Kontext dieses Arguments etwas ausführlicher vorgestellt, weil er viele interessante Aspekte beinhaltet. Lara stellt insofern einen Spezialfall dar, als sie die einzige ist, die Proteste innerhalb Deutschlands benennt. Als Lara allgemein auf das Thema Migration angesprochen wird, assoziiert sie sofort, dass es „irgendwelche Proteste […] von Menschen im Asyl“ in Hamburg gegeben habe, die gegen die „unmenschlichen“ Zustände in den Unterbringungsorten von Asylbewerbern in Deutschland protestieren würden. (379–386) Auf die Frage, wie es dazu kommen könnte, dass der Staat diesen Protest ernst nehmen würde, antwortet sie, dass das Problem sei, dass die Asylbewerber nicht „als deutsche Bürger“ angesehen würden. Es seien zwar auch „deutsche Staatsbürger“ beim Protest dabei gewesen, „aber die waren halt auch nicht gerade die Reichen der Gesellschaft und die Hohen. Und dadurch interessiert das dann den Staat sicherlich gar nicht, was die denken.“ Lara denkt, der Staat höre nicht auf Menschen, „die nicht grad die obere Schicht des Landes ausmachen. Weil die nicht wichtig sind im Prinzip. Die werden wahrscheinlich eher so als Last angesehen.“ Vor diesem Hintergrund argumentiert sie – unter Umständen als Appell für sich selbst –, dass es gelingen müsste, „irgendwas in der Schule zu erreichen und dann in eine hohe Position zu kommen“. Dann könne „man das vielleicht versuchen“, etwas an der Situation zu verändern. (700–712)

 
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