Migration

Annähernd alle Hauptschüler und Gymnasiasten haben sich zu migrationspolitischen Aspekten geäußert. Im ersten Abschnitt werden diejenigen Argumentationen porträtiert, die eine Abschottungspolitik befürworten. Weit verbreitet ist hier eine ambivalente Argumentationsstruktur, die einerseits Empathie mit Migranten und Geflüchteten zeigt und andererseits die Grenzen der Humanität dort zieht, wo vermeintlich eigene, nationale Interessen berührt werden. Oft basiert dies auf der Annahme, dass es faktisch oder potenziell zu viele Migranten und Geflüchtete in Deutschland oder der EU gebe. Bei knapp der Hälfte der Gymnasiasten und einem Fünftel der Hauptschüler ist die Logik des ‚zu viele' zentral für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Migration. Während die Gymnasiasten diese Vorstellung eher vom Standpunkt einer Legitimation der bestehenden Migrationsregulation der deutschen Regierung und/oder der EU diskutieren, nehmen die Hauptschüler tendenziell eine andere Perspektive ein. Sie wähnen sich in Opposition zur gegenwärtigen Migrationspolitik und kritisieren eine vermeintlich bestehende Politik der Offenheit, die ihrer Meinung nach zu viel Einwanderung führe.

Im zweiten Abschnitt wird eine weitere Argumentationsstruktur vorgestellt. Wissen über die schwierige Situation von Geflüchteten ist sehr verbreitet. Diesem verbreiteten Wissen, das von Empathie begleitet wird, steht eine Dethematisierung von Macht und eigenen Privilegien gegenüber. Beispielsweise werden migrationspolitische Ursachen für die gefährlicher werdenden Fluchtwege von der großen Mehrheit der Schüler beider Schultypen nicht genannt. Auch die Benennung eigener Privilegien im Verhältnis zu der Situation von Geflüchteten findet selten statt. Im dritten Abschnitt werden einige aus der kleinen Gruppe derjenigen Schüler porträtiert, die Aspekte des EU-Migrationsregimes kritisieren oder die Dimension der Macht im Bereich Migration einbeziehen.

Die meisten finden die Motive von Geflüchteten, nach Deutschland kommen zu wollen, prinzipiell nachvollziehbar und sprechen hier Flucht vor Krieg oder Armut, den Wunsch nach besserer Infrastruktur, Leben in einer Demokratie, (besser bezahlter) Arbeit oder das Streben nach einem besseren Leben im Allgemeinen an.

Sechs Hauptschüler und 14 Gymnasiasten benennen konkrete, mit Detailwissen gespickte Aspekte, wie sie sich ein Leben als Geflüchteter bzw. den Fluchtweg vorstellen. Auf die Frage, ob er es gut fände, dass Geflüchtete hierherkämen, antwortete Dennis (HS03) beispielsweise folgendes: „Ja! Ja, ich finde es gut. Denn ich würde auch nicht so leben wollen ohne Geld und dann verhungern müssen. Oder die ganze Zeit die gleichen Klamotten anhaben, die dann auch noch kaputt sind und wahrscheinlich zu klein.“ (308–310) Er führt als Beispiele Menschen aus Kriegsgebieten und „ärmeren Ländern, aus Afrika“ an. Diese würden sich hier einen „Job erhoffen“ und falls sie diesen kriegen würden, hätten sie dann „hier ja ein besseres Leben“ (302–304). Eine ganze Reihe von Schülern verweist in diesem Zusammenhang auch auf die eigene Migrationsgeschichte bzw. die ihrer Familie. So erzählt beispielsweise Mark die Geschichte von seiner Mutter, die aus Vietnam migriert ist. Mark (Gym09) erzählt, dass sie das tun musste, weil es aufgrund von Kriegen dort zu gefährlich geworden sei und ihre Eltern dort große Probleme gehabt hätten und sie nicht mehr versorgen konnten. (609–620)

 
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