Dethematisierung von Macht und Privilegien

Viele Schüler verfügen nicht über Wissen über das Grenzregime der EU. Beispielsweise denken sieben Gymnasiasten und vier Hauptschüler, dass ein Pass oder Geld für ein Ticket für alle Menschen ausreichend sei, um in die EU einzureisen. Viele Schüler assoziieren mit der EU zunächst offene Grenzen. Einige – zwei Hauptschüler und drei Gymnasiasten – stellen die vermeintlich offenen Grenzen der EU sogar den Ländern gegenüber, die diese eben nicht hätten. So stellt zum Beispiel Jannik (Gym01) fest, dass, „wenn man in die Europäische Union kommt, mit den Reisepässen und so weiter und so fort sich ausweisen […] und halt die Reisebestimmungen erfüllen“ können müsse. Im Gegensatz zu den vermeintlich offenen Grenzen der EU sieht Jannik Länder wie Nordkorea, Zimbabwe, Kuba und ein paar Länder in Afrika. „Also es gibt halt ein paar Länder, die sich jetzt noch komplett abschotten. Aber für Europa ist das ziemlich einfach.“ (257–268) Andere führen im Gegensatz zu Europa die „Türkei“ (HS04, 596–601), „China“ (HS17, 519–520), die „DDR“, „Nordkorea“, „Afrika“ (Gym03, 469–485) oder „streng religiöse Länder“ (Gym08, 412–417) an. Die vermeintlich offenen Grenzen werden als ein Charakteristikum der fortschrittlichen und demokratischen Verfasstheit der EU vorgestellt. Dass die Grenzen nur für Menschen mit einem entsprechendem Pass oder großen finanziellen Ressourcen offen sind, ist einem großen Teil der Schüler beider Schultypen nicht bekannt. Die eigenen Privilegien durch den Besitz eines deutschen Passes und die damit verbundene globale Bewegungsfreiheit werden hier unhinterfragt verallgemeinert, indem davon ausgegangen wird, dass diese Privilegien für alle Menschen Realität wären. Auffällig ist insbesondere bei den Gymnasiasten, die über ihre stattgefundenen und geplanten Auslandsaufenthalte berichten, dass in ihrer Darstellung der Probleme der Geflüchteten kein Kontrast zu ihrer eigenen Lebenssituation benannt wird.

Andere Schüler – wie bereits im letzten Abschnitt deutlich wurde – führen konkrete Schwierigkeiten an, die Geflüchtete auf dem Weg in die EU haben. Dominierend ist hier das Bild von den Boatpeople im Mittelmeer. Von der Mehrheit derjenigen, denen diese Schwierigkeiten bekannt sind, wird nicht auf migrationspolitische Instrumentarien der Flüchtlingsabwehr und Grenzregulation verwiesen. Oft erscheinen die zum Teil als tödlich benannten Realitäten der Fluchtwege als einfach so da und nicht als Folgen der Grenzregulation. Alexander (Gym05) beispielsweise findet, dass es insgesamt jetzt einfacher geworden sei zu reisen. Dies gelte allerdings nicht für alle. „Aber so ärmere Leute, die sich kein Flugzeug leisten können, die dann mit den Schiffen fahren müssen, für die ist es echt ein Problem. Überhaupt irgendwo anders hinzukommen.“ Auf die Frage, welche Schwierigkeiten er denn sehe, antwortet er: „Ja, es gibt Piraterie, es gibt Krankheiten. Oft sitzen die ja irgendwie in so einem kleinen Boot und stecken sich gegenseitig an, die Leute auf dem Boot. Es ist ziemlich teuer überhaupt so eine Bootsfahrt zu organisieren, also so mit dem Boot zu fahren. Das kenne ich auch einem Film, dass die Leute da echt alles hingelegt haben, nur um aus diesem Land rausgekommen. Dass eine Frau irgendwie vierhundert Euro gezahlt hat und musste dann noch ihre goldene Armbanduhr von ihrer Oma verkaufen. Das hat sie dem Mann da gegeben auf dem Boot.“ (363–376) Diese sehr konkreten und empathischen Vorstellungen gehen einher – sowohl bei den Hauptschülern als auch Gymnasiasten – mit einem Nicht-Wissen über die migrationspolitischen Ursachen.

 
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