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29.2 Akzeptanz

Wenn die Rede von Akzeptanz ist, wird darunter ganz allgemein „annehmen, hinnehmen, billigen; anerkennen; mit jemandem oder etwas einverstanden sein“ verstanden ([4],

S. 136). In diesen Formulierungen ist als Sinngehalt die „Bereitschaft zu etwas“ enthalten, was der Akzeptanz eine aktive Komponente gibt. Damit unterscheidet sie sich auch von der bloßen Duldung, dem Ausbleiben von Widerstand, aber auch von der Toleranz. Akzeptanz vollzieht sich im Rahmen von sozialen und technischen Konstruktionsprozessen – d. h., sie ist abhängig von Personen, deren Einstellungen, Erwartungen und Handlungen, ihrer Umwelt, ihrer Werte- und Normrahmung etc., aber auch von Veränderungen im Lauf der Zeit (vgl. [4], [5]). Der prozesshafte und wandelbare Charakter von Akzeptanz macht sie insgesamt zu einem „instabile(n) Konstrukt“ ([6], S. 25) – abhängig von Akzeptanzsubjekt, -objekt, -kontext, verschiedenen Ausprägungen und Typen; außerdem kann sie in ihrem zeitlichen Verlauf stark variieren [7].

Für die Akzeptanz einer konkreten Technologie wie dem autonomen Fahren bedeutet dies z. B., dass sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene neben technischen Optionen verschiedene Nutzungsoptionen oder auch Risikobefürchtungen gegeneinander abgewogen werden. Eine Technologie kann ihre „ursprüngliche Bestimmung“ auf diese Weise im Verlauf verändern, bevor sie schließlich stärker gefestigt oder sogar institutionalisiert wird – speziell der Verkehrsbereich ist voller Beispiele hierfür, angefangen bei der ursprünglichen Erfindung der Eisenbahn ausschließlich für Gütertransporte bis hin zur Nutzung von Kabinenseilbahnen als öffentliches Verkehrsmittel in dicht bebauten innerstädtischen Gebieten. Dieses Prozesshafte von Technikgenese und Technikaneignung stellt die Forschung zur Akzeptanz vor besondere Herausforderungen: In unterschiedlichen Phasen der Technologieentwicklung, -implementation und -aneignung sind jeweils verschiedene Akteure bzw. Akteursgruppen akzeptanzrelevant. Wenn man Akzeptanz im Rahmen eines solchen sozio-technischen Transformationsprozesses (vgl. [8]) betrachtet, müssen die verschiedenen Phasen des Prozesses unterschieden werden, denn sie entfalten je unterschiedliche Relevanz in Bezug auf die Akzeptanz.

29.2.1 (Technik-)Akzeptanz: Konzepte, Forschung und Ausprägungen

Das Thema Technikakzeptanz ist ein recht inhomogenes Feld; verschiedene Wissenschaftsdisziplinen (z. B. Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften etc.) nehmen wechselseitig aufeinander Bezug und bedienen sich gegenseitiger Anleihen. Insgesamt ist Akzeptanzforschung noch ein relativ junges Forschungsfeld: Erst in den 1970er Jahren kam mit einer breiteren öffentlichen Kritik an der Atomenergietechnik und einer daraus abgeleiteten und, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, eher unzulässig postulierten allgemeinen Technikfeindlichkeit der Deutschen (s. hierzu auch Kap. 30 zum Thema Risiko) vermehrt die Frage nach Akzeptanz auf ([9], [10], S. 45 ff.).

Die Ziele von Akzeptanzforschung bestehen einerseits darin, das jeweilige Akzeptanzphänomen besser verstehen zu können (sozialwissenschaftlich-empirische Analysen); andererseits soll es möglich werden, spezifische Akzeptanzobjekte, z. B. eine bestimmte Technologie, derart zu entwickeln und zu gestalten, dass Akzeptanz eintritt (normativethische Ansätze). Auf wissenschaftlicher sowie politischer Ebene haben sich aus diesen Bedarfen heraus neben unterschiedlichen Forschungsansätzen mittlerweile auch mehrere Institutionen herausgebildet, die die Entwicklung von (neuen) Technologien und die dazugehörigen Debatten begleiten ([10], S. 47 ff.). Allen diesen Institutionen liegt im Kern die Annahme zugrunde, dass Technik nicht ohne ihre Einbettung in gesellschaftliche und wirtschaftliche, aber auch nutzenbezogene Bereiche betrachtet werden kann, letztendlich also ihre Einbettung in das sozio-technische System mitberücksichtigt werden muss (vgl. z. B. [10], [11]).

29.2.1.1 Akzeptanzsubjekt, -objekt und -kontext

Akzeptanz entfaltet sich immer in einem Spannungsfeld von Subjekt, Objekt und Kontext (vgl. [12], S. 88 ff.): „Anzugeben ist nicht nur, was, sondern was von wem innerhalb welcher Gesellschaft, in welcher Situation und zu welchem Zeitpunkt sowie aus welchen Gründen akzeptiert (oder eben abgelehnt) wird“ ([12], S. 90). Abbildung 29.1 zeigt die Beziehung zwischen Subjekt, Objekt und Kontext der Akzeptanz.

Akzeptanzsubjekt

Ein Akzeptanzsubjekt verfügt über Einstellungen oder entwickelt Einstellungen in Bezug auf den Gegenstand der Akzeptanz und verbindet sie gegebenenfalls auch mit entsprechenden Handlungen (vgl.[11], [12]). Der Begriff „Subjekt“ bezeichnet in diesem Zusammen-

Abb. 29.1 Akzeptanzsubjekt, -objekt und -kontext (angelehnt an [12], S. 89)

hang allerdings nicht nur Individuen, sondern kann sich auch auf Gruppen, Institutionen oder die Gesellschaft als Ganzes beziehen.

Eine Annäherung an die Akzeptanzsubjekte von autonomem Fahren kann derzeit z. B. über Nutzerinnen und Nutzer des Verkehrssystems hergestellt werden, die künftig entweder aktiv oder passiv mit autonomem Fahren zu tun haben. Infrage kommen also demnach alle, die in irgendeiner Form, sei es als Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger, am aktuellen Straßenverkehrssystem teilhaben. Weitere relevante Akzeptanzsubjekte sind darüber hinaus etwa Entwickler und Ingenieure, Politiker und Unternehmer oder auch öffentliche Forschungsinstitutionen.

Akzeptanzobjekt

Das Akzeptanzobjekt beschreibt nicht unbedingt ein Objekt im eigentlichen Sinn, sondern bezieht sich auf die Aneignung von „Angebotenem, Vorhandenem oder Vorgeschlagenem“ ([12], S. 89). Dies kann Technik bzw. Technologie sein, es können aber auch Artefakte aller Art oder Personen, Einstellungen, Meinungen, Argumente, Handlungen oder gar die dahinterstehenden Werte und Normen sein. Ein solches Objekt erfährt seine Bedeutung wiederum erst durch individuell oder gesellschaftlich vorgenommene Zuschreibungen – es gibt also gar nicht das autonome Fahren an sich; die Frage ist vielmehr, welche spezifischen Funktionen autonomes Fahren erfüllen kann und welche individuelle und gesellschaftliche Bedeutung die Technologie darüber erfährt. Dahinter steht die Annahme, dass Technik und Technologien keine Bedeutung per se haben, sondern diese erst im Zusammenhang mit der Erfüllung sozialer Funktionen, menschlichem Handeln und der Einbettung in gesellschaftliche Strukturen erlangen (vgl. [8]).

Akzeptanzkontext

Der Akzeptanzkontext beschreibt das Umfeld, in dem sich ein Akzeptanzsubjekt auf ein Akzeptanzobjekt bezieht – und kann somit nur in Abhängigkeit von diesen beiden betrachtet werden. Der Kontext von autonomem Fahren beispielsweise ist u. a. bestimmt durch die derzeitige individuelle oder soziale Bedeutung der Autonutzung: Warum nutzen Menschen das Auto? Welche Einstellungen, Werte, Erwartungen etc. liegen der (auto)mobilen Praxis zugrunde? Fügt sich das autonome Fahren hier nahtlos ein – oder wird es die Bedeutung der (Auto)Mobilität und deren Normensystem verändern?

29.2.1.2 Dimensionen von Akzeptanz

In der vielfältigen Literatur zu Akzeptanz und zur Akzeptanzforschung wurden unterschiedliche Dimensionen bzw. Ebenen identifiziert, auf denen Akzeptanz sichtbar und vor allem erfassbar wird. Im Folgenden wird insbesondere auf die Einstellungs-, Handlungs- und Wertdimension von Akzeptanz eingegangen.

Einstellungsdimension

Auf der Ebene der Einstellungen werden Haltungen, Wertungen, Einschätzungen usw. von Akzeptanz erhoben – Einstellungen können dabei sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene abgefragt und interpretiert werden. Fragen zur Genese von Technik, ihre spezifischen Nutzungsformen oder die damit verbundenen Herausforderungen und Rahmenbedingungen im jeweils spezifischen Kontext können mit solchen Einstellungsmessungen gleichwohl nicht erfasst werden ([10], S. 46). Einstellungen haben aber für die Akzeptanzforschung deshalb Bedeutung, weil angenommen wird, dass diese als Absichten und Bereitschaften zu konkreten Handlungen gelesen werden können ([12], S. 82 f.).

Das typische Messinstrument der Einstellungsdimension von Akzeptanz ist die Meinungsumfrage – auch wenn solche Erhebungen „ … schnell zu einem vereinfachten Bild eines Meinungsbildungsprozesses auf der Basis wahrgenommener Eigenschaften von Technik …“ führen ([13], S. 35), denn sie implizieren, dass Technik Signale aussendet, die wiederum bei der Bevölkerung bzw. Individuen bestimmte Reaktionen auslösen. Die eindimensionale Erfassung von Einstellungen wurde allerdings im Laufe der letzten Jahre mit erweiterten Erkenntnissen zur Technikakzeptanz abgelöst und um Analysen erweitert, die insbesondere den Kontext solcher Einstellungen mit einbeziehen. Auf diese Weise wurde der Fokus von Akzeptanzforschung von der „deskriptive(n) Bestandsaufnahme von Einstellungen und Haltungen“ ([13], S. 36) hin zu einer eher analytisch ausgerichteten Sichtweise verschoben. Damit wird der Komplexität von Wahrnehmung und Bewertung durch Individuen, der Subjektivität auch von Expertinnen und Experten sowie der Bedeutung von Kontextabhängigkeit stärker Rechnung getragen [13].

Handlungsdimension

Die Handlungsdimension von Akzeptanz beschreibt das beobachtbare Verhalten, wobei sich Handeln in diesem Sinn sowohl auf Tun als auch auf Unterlassen beziehen kann. (Handlungs-)Aktivitäten können sich vielfältig äußern, so z. B. im Kauf, in der Nutzung, in der Propagierung (oder dem Gegenteil davon: etwa dem Initiieren von Protesten) oder in der Unterstützung von (Entscheidungs- und Planungs-)Aktivitäten.

Häufig wird die Handlungsdimension als eigentliche oder tatsächliche Ebene der Akzeptanz betrachtet, so z. B. bei Lucke (vgl. [12], S. 82). Andere Autorinnen und Autoren sehen dagegen eine konkrete Handlungsabsicht bzw. eine Handlung als nicht zwingend für Akzeptanz ([14], S. 19; [15], S. 11). Die wechselseitige Bezugnahme auf Handlungs- und Einstellungsdimension haben Schweizer-Ries et al. ([15], S. 11) in einem zweidimensionalen Modell abgebildet (s. Abb. 29.2).

Abb. 29.2 Zwei Dimensionen des Akzeptanzbegriffs ([15], S. 11)

Wertdimension

Die Wertdimension wird in vielen Ansätzen nicht als eigenständige Ebene von Akzeptanz betrachtet, sondern mit der Einstellungsdimension zusammengefasst. Werte und Normen, so die Argumentation, sind auch Basis von Einstellungen und daher nur schwer von diesen zu trennen. Relevanz entfaltet die Wertdimension aber z. B. dann, wenn Akzeptanz auf der Handlungsebene beobachtet werden kann (etwa in der Nutzung eines spezifischen Produkts), obwohl sie möglicherweise gar nicht oder nur bedingt mit subjektiv-individuellen Werten übereinstimmt – eine Person kann ein Auto nutzen und besitzen, aber gleichzeitig an einem stark ökologischen Leitbild orientiert sein, das sich wiederum in anderen Handlungsbereichen deutlicher zeigen kann (beispielsweise darin, generell nur im Bio-Supermarkt einkaufen zu gehen). Als durchaus herausfordernd werden im Zusammenhang mit autonomem Fahren auf einer gesellschaftlichen Ebene ethische Kriterien bzw. Maßstäbe betrachtet, die der Bewertung zum autonomen Fahren zugrunde liegen (müssen) (s. Kap. 4 und Kap. 5). Generell wird ein Akzeptanzobjekt immer auch in Abhängigkeit von einem vorhandenen Normen- und Wertesystem bewertet (vgl. [13]).

29.2.1.3 Forschung zu Akzeptanz

Akzeptanz vollzieht sich nicht nur auf verschiedenen Ebenen (s. o.), sondern ist auch das Ergebnis eines komplexen individuellen und kollektiven Bewertungs- und Aushandlungsprozesses und manchmal sogar von relativ unspezifischen „Befindlichkeiten“ ([7], S. 55). Damit geht auch die Frage einher, wie ein solcher Prozess messbar und damit empirisch zugänglich gemacht werden kann. Für eine relativ neue Technologie wie das autonome Fahren gilt es zudem zu bestimmen, auf welche Weise einzelne Akteure (z. B. Nutzerinnen und Nutzer), soziale Gruppen, Organisationen und Institutionen den Herausforderungen des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts begegnen. Damit verbunden ist auch das Ziel, „… Gestaltungspotenziale für gesellschaftliche Herausforderungen zu identifizieren und technologische Optionen im Hinblick auf ihren Problemlösungsbeitrag zu prüfen …“ ([11], S. C).

Für die Akzeptanzforschung kann zusammenfassend festgehalten werden, dass Akzeptanz „… ein komplexes, vielschichtiges Konstrukt ist, das nicht direkt und unmittelbar messbar ist, und für das auch keine ,geeichten' Messinstrumente zur Verfügung stehen …“ ([11], S. 21). In Abhängigkeit von dem zu untersuchenden Akzeptanzobjekt, aber auch abhängig von den relevanten Dimensionen können nur jeweils spezifische Indikatoren operationalisiert und messbar gemacht werden – damit werden andere wiederum zwangsläufig ausgeschlossen. Dies gilt es, im Forschungsprozess mit zu reflektieren.

 
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