Zum Verhältnis von Risikokonstellation und Einführungsszenario

Die geschilderten Risikokonstellationen beruhen auf qualitativen und explorativen Gedanken aus der heutigen Mobilitätswelt. Damit haben sie eine gewisse Plausibilität, jedoch ebenfalls spekulative Anteile. Sie dürfen nicht als Prognosen verstanden werden, sondern sind eher Merkposten, die auf dem Weg hin zur Erforschung, Entwicklung und Einführung des autonomen Fahrens berücksichtigt werden sollen. Prognostisch können sie bereits deshalb nicht sein, weil das zukünftige Eintreten bestimmter Risikokonstellationen vom Einführungsszenario des autonomen Fahrens und seiner spezifischen Ausprägung abhängig sein wird – und beide Elemente sind heute nicht bekannt. Ob beispielsweise ein bordautonomes Fahren realisiert werden wird oder ob autonome Fahrzeuge ständig mit dem Internet und Leitzentralen vernetzt sein müssen, wird stark die Ausprägung der Risikokonstellation „Privatheit“ beeinflussen.

Die gesellschaftliche Risikowahrnehmung wird insbesondere stark davon abhängen, wie das autonome Fahren eingeführt wird. Wenn dies auf dem Wege einer allmählichen Automatisierung des Fahrens erfolgt, besteht durch die Möglichkeit eines allmählichen Lernens aus den jeweils bisher gemachten Erfahrungen ein nur geringes Risiko einer

„Skandalisierung“ des autonomen Fahrens als Hochrisikotechnologie für Insassen oder externe Betroffene. Schritte auf dem Weg zur weiteren Automatisierung wie Traffic Jam Assist, automatisiertes Valet-Parken oder Automated Highway Cruising (s. Kap. 2), deren Einführung in den nächsten Jahren erwartbar erscheint (s. Kap. 10), würden vermutlich kaum eine erhöhte Risikobeobachtung erzeugen, weil sie auf dem inkrementellen Weg des technischen Fortschritts als quasi natürliche Weiterentwicklungen erscheinen.

Anders z. B. als beim Einschalten eines Kernreaktors verläuft der Prozess der zunehmenden Fahrerassistenz in Richtung auf mehr Automatisierung des Fahrens bislang allmählich. Das Automatikgetriebe ist bereits einige Jahrzehnte alt, mit ASB, ESP und Einparkhilfen sind wir vertraut, und weitere Schritte auf dem Weg zu einem immer stärker assistierten Fahren sind in der Entwicklung. Eine inkrementelle Einführung erlaubt ein Maximalmaß des Lernens und würde auch die allmähliche Adaptation etwa des Arbeitsmarktes oder der Anforderungen an Privatheit (s. Abschn. 30.3.6) erlauben.

In eher revolutionären Einführungsszenarien (s. Kap. 10) würden sich andere und wohl auch größere Herausforderungen an die prospektive Analyse und die Wahrnehmung von Risiken stellen. Die öffentliche Wahrnehmung würde dann besonders sensibel auf Unfälle oder kritische Situationen reagieren, die Gefahr einer „Skandalisierung“ wäre größer, und die Risikokonstellation „Investitionen“ (s.Abschn. 30.3.3) könnte sich für einzelne Zulieferer oder Marken zu einem realen Problem entwickeln.

 
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