Elemente des gesellschaftlichen Risikomanagements

Die vorgelegte Diagnose zu der Risikokonstellation zum autonomen Fahren in gesellschaftlicher Perspektive legt folgende Maßnahmen zum Risikomanagement nahe bzw. erfordert sie:

• Zulassungskriterien für autonome Fahrzeuge sind von den zuständigen Behörden zu entwickeln; bei Sicherheitsstandards sind hier auch zugrunde liegende ethische Fragen (wie sicher ist sicher genug?) und politische Aspekte (z. B. Gerechtigkeitsfragen, Datenschutz) zu berücksichtigen und gegebenenfalls in ordnungspolitische Maßnahmen zu überführen.

• Zentral sind rechtliche Regelungen zum Umgang mit den möglichen und vor allem kleinräumigen Unfällen beim autonomen Fahren, vor allem zur Schadensregulierung. Hier ist insbesondere die Produkthaftung gefragt (s. Kap. 25 und Kap. 26).

• In diesem Zusammenhang ist über eine Anpassung oder Erweiterung der Straßenverkehrsordnung nachzudenken.

• Konsequenzen für Fahrschulen entstehen hinsichtlich der erforderlichen Kompetenzen von Nutzerinnen und Nutzern autonomer Fahrzeuge, vor allem für den Wechsel des Modus von „manuell“ zu „autonom“ oder umgekehrt.

• Wichtig für das Risikomanagement sind Sicherheitsvorkehrungen, sowohl damit autonom geführte Fahrzeuge in kritischen Situationen sicher zum Halten kommen, als auch für den passiven Schutz der Insassen, wenn dies nicht gelingt.

• Ein Verzicht auf passive Sicherheitsmaßnahmen wie das Anschnallen oder Airbags wäre in dieser Perspektive erst verantwortbar, sobald genügend positive Erfahrungen mit dem autonomen Fahren vorliegen. Daher sollte diese Perspektive nicht zu früh in Aussicht gestellt werden.

• Die zu erwartende allmähliche Einführung von Technologien des autonomen Fahrens eröffnet vielfältige Möglichkeiten des Monitoring und des „Verbesserns im Betrieb“. Ihre Nutzung durch neue Sensor- und Auswertungstechnologien sollte ein wichtiges Element im gesellschaftlichen Risikomanagement sein (s. Kap. 17, Kap. 21 und

Kap. 28).

• Risiken zum Arbeitsmarkt sind sorgfältig zu beobachten; im Falle des absehbaren Rückgangs von bisherigen Arbeitsplätzen sollten frühzeitig Maßnahmen zur Weiterbildung und Umschulung angesetzt werden.

• Erhebliche Probleme mit Datenschutz und Privatheit sind zu erwarten, falls das autonome Fahren in vernetzten Systemen stattfindet (wobei jedoch das autonome Fahren keine spezifischen Probleme aufwirft, verglichen mit anderen Handlungsfeldern). Technische und rechtliche Maßnahmen (s. Kap. 24) sind hier vor dem Hintergrund einer übergreifenden gesellschaftlichen Debatte (Stichworte NSA, Datenkraken) zu treffen.

• In Innovations- und Standortpolitik sind nationale Politiken gefragt, mit den jeweiligen Automobilherstellern über eine adäquate Verteilung derjenigen betrieblichen Risiken zu sprechen, die im Schadensfalle erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen hätten, z. B. durch Reputationsverlust aufgrund einer medienwirksamen Panne oder eines Unfalls.

• Im Risikomanagement sind in Bezug auf öffentliche Kommunikation und die Informationspolitik die oben erwähnten Lehren aus Kernenergie- und Nanotechnologiedebatten einschlägig, die auf die Notwendigkeit der Ressource „Vertrauen“ aufmerksam machen.

• Die Einbeziehung von Stakeholdern ist selbstverständlich wichtig und entscheidend für eine gesellschaftliche Einführung bzw. „Aneignung“ des autonomen Fahrens. Hier sind vor allem die in Deutschland sehr einflussreichen Verbände der Autofahrerinnen und Autofahrer zu nennen. Für die gesamtgesellschaftliche Meinungsbildung sind

die Massenmedien entscheidend. Weiterhin ist natürlich an den Verbraucherschutz zu denken.

• Es ist für eine erfolgreiche moderne Technikentwicklung zentral, dass sie nicht in einer mehr oder weniger geschlossenen Welt der Ingenieure, Naturwissenschaftler und Manager erfolgt, welche sich dann quasi hinterher um Akzeptanz für ihre eigenen Entwicklungen sorgen muss. Stattdessen sollte der Entwicklungsprozess (jedenfalls in den Teilen, die keinen direkten Wettbewerbsinteressen der Firmen unterliegen) in einer gewissen Offenheit erfolgen. Besagte Stakeholder sollten nicht erst in der Phase der Markteinführung, sondern bereits in der Entwicklung einbezogen werden. Ethische Fragen im Umgang mit Risiken und rechtliche Fragen der Verteilung von Verantwortung sollten parallel zur technischen Entwicklung erforscht und gesellschaftlich diskutiert werden.

Viele der hier angesprochenen Herausforderungen sind von einem komplexen systemischen Typ. Von daher kommt der Systemforschung auf verschiedenen Ebenen besondere Bedeutung zu. Das autonome Fahren sollte nicht simpel als Ersatz heutiger Fahrzeuge durch autonom fahrende thematisiert werden, sondern als Ausdruck neuer Mobilitätskonzepte in einer veränderten Gesellschaft.

 
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