Wahrnehmung und Bewertung des autonomen Fahrzeugs in Abhängigkeit von spezifischen Anwendungsfällen

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Die vier Use-Cases, die im Rahmen des Projektes entwickelt wurden (s. Kap. 2), lassen auch im Hinblick auf ihre akzeptanzrelevanten Aspekte je unterschiedliche Wahrnehmungen und Bewertungen des autonomen Fahrens erwarten, denn sie sind nicht nur mit unterschiedlichen technischen Merkmalen versehen, sondern auch mit spezifischen Implikationen, Anwendungsbereichen und Zuschreibungen assoziiert (s. hierzu auch Kap. 6, Kap. 11, Kap. 12 und Kap. 32). In einer quasi-repräsentativen Fragebogenerhebung wurden daher mithilfe der Use-Cases differenzierte Einstellungen zum autonomen Fahren erfasst. Befragt wurden dabei 1000 Personen, die hinsichtlich Geschlecht, Alter, Einkommen und Bildungsabschluss der Struktur der Gesamtbevölkerung in Deutschland entsprechen. Eine ausführliche Beschreibung der Erhebung – die in Kooperation mit mehreren Autorinnen und Autoren in diesem Buch entwickelt und durchgeführt wurde – und der Stichprobe kann in Kap. 6 nachgelesen werden. Insgesamt haben 57 Prozent der Befragten ein generelles Interesse gegenüber dem Thema autonomes Fahren deklariert. 44 Prozent geben in einer ergänzenden Frage allerdings an, über keine Kenntnisse zum Thema zu verfügen und nur 4 Prozent bezeichnen sich selbst als gut informiert, fachkundig oder gar als Expertin bzw. Experte. Informationen zum autonomen Fahren beziehen 78 Prozent aus den Massenmedien, 64 Prozent wenden sich direkt an Experten, 56 Prozent besprechen sich mit Freunden oder Kollegen, und 40 Prozent tauschen sich in sozialen Medien aus.

Nach einem allgemeinen Teil mit Fragen zu Soziodemografie, Verkehrsverhalten, Mobilitätsbedürfnissen etc. wurden die Befragten zufällig je einem von insgesamt vier

Szenarien – basierend auf den vier Use-Cases – zugewiesen. Die Szenarien wurden ihnen dabei in Form einer Kurzbeschreibung vorgelegt:

Szenario Autobahnpilot: Auf Autobahnen oder autobahnähnlichen Schnellstraßen kann das Fahren an das Fahrzeug übertragen werden. Die Fahrerin/der Fahrer muss in dieser Zeit nicht auf den Verkehr bzw. die Fahraufgabe achten und kann anderen Tätigkeiten nachgehen.

Szenario Autonomes Valet-Parken: Nach dem Aussteigen aller Passagiere kann das Fahrzeug allein zu einem vorher festgelegten Parkplatz fahren und von dort auch wieder zurück zu einer Abholadresse.

Szenario Vollautomatisiertes Fahrzeug: Auf Wunsch oder bei Bedarf kann das Fahren an das Fahrzeug übertragen werden. Die Fahrerin/der Fahrer muss in dieser Zeit nicht auf den Verkehr oder die Fahraufgabe achten und kann anderen Tätigkeiten nachgehen.

Szenario Vehicle-on-Demand: Ein Vehicle-on-Demand ist ein Fahrzeug, das seine Passagiere ohne Fahrerin oder Fahrer fährt. Menschen können in einem solchen Fahrzeug nicht mehr selbst fahren – im Innenraum des Fahrzeugs gibt es daher auch kein Lenkrad und keine Pedalerie mehr.

Eine an die Vorstellung des jeweiligen Use-Case angeschlossene Frage thematisierte die grundsätzliche Bereitschaft der Probanden, ihr bisher bevorzugtes Verkehrsmittel durch ein autonomes Fahrzeug zu ersetzen. Diese Frage war in der gleichen Form auch schon im ersten, allgemeinen Teil der Erhebung gestellt worden, dort allerdings relativ unspezifisch

„ein autonomes Fahrzeug“ bezeichnend, ohne dass hierzu eine Erklärung gegeben wurde. Dabei zeigte sich, dass der Wunsch, sein eigenes Fahrzeug (bzw. „Lieblingsverkehrsmittel“) durch ein autonomes Fahrzeug – ob genauer spezifiziert oder nicht – zu ersetzen, bei den Befragten relativ gering ausgeprägt ist: Nur zwischen 11 und 15 Prozent können der Aussage überwiegend oder voll zustimmen (s. Abb. 31.1). Allerdings sagen 27 Prozent, dass sie es sich wenig oder gar nicht vorstellen können, das Lieblingsverkehrsmittel durch ein (nicht spezifiziertes) autonomes Fahrzeug zu ersetzen. Wird, wie in der Erhebung, autonomes Fahren in Bezug auf einen konkreten Anwendungsfall (Use-Case) erläutert, steigt der Grad der Ablehnung deutlich an (und liegt zwischen 44 und 54 Prozent). Das heißt: Die Ablehnung wird durch die Konkretisierung deutlicher zum Ausdruck gebracht. Die geringste Zustimmung ist übrigens für das Vehicle-on-Demand zu verzeichnen – 54 Prozent würden ihr präferiertes Verkehrsmittel nicht damit ersetzen wollen, und nur 11 Prozent könnten sich dies tatsächlich vorstellen.

Um zu explorieren, welche Assoziationen die Befragten in Bezug auf ein autonomes Fahrzeug derzeit vornehmen, wurden sie gebeten, in bis zu 15 Freitextfeldern mit eigenen Worten zu erklären, was sie unter einem autonomen Fahrzeug verstehen. Basis war auch hier wieder die Kurzbeschreibung (s. o.). Die folgende Auswertung bezieht sich ausschließlich auf die Antworten derjenigen Befragten, denen die Anwendungsfälle „Vollautomat mit Verfügbarkeitsfahrer“ und „Vehicle-on-Demand“ zugeordnet worden waren:

Abb. 31.1 Bereitschaft, das präferierte Verkehrsmittel durch ein autonomes Fahrzeug zu ersetzen

Die Antworten der je 250 Befragten wurden manuell zusammengefasst, kategorisiert und anschließend spezifischen Konnotationen zugeordnet (s. Abb. 31.2). Für den Anwendungsfall Vollautomat mit Verfügbarkeitsfahrer gab es insgesamt 3750 Einträge; davon waren 2587 (69 Prozent) aus verschiedenen Gründen ungültig, z. B. weil der Bezug zur Frage nicht erkennbar war. Beim Vehicle-on-Demand gab es insgesamt 3750 Einträge, von denen 2512 (67 Prozent) ungültig waren. Abbildung 31.2 zeigt die Verteilung von Aussagen mit verschiedenen Konnotationen: positiv, ambivalent, negativ oder ohne Konnotation – die ungültigen Beiträge sind dabei schon heraus gerechnet, die Prozentzahlen beziehen sich auf die verbliebenen Nennungen.

Während für den Vollautomaten mit Verfügbarkeitsfahrer eine knappe Mehrheit positiv konnotierte Beschreibungen verwendet, trifft dies nur für 35 Prozent der Begriffe beim Vehicle-on-Demand zu. 40 Prozent der Aussagen waren eher negativ konnotiert – beim Vollautomaten waren dies 36 Prozent der Begriffe. Ein kleinerer Teil der Begriffe (9 bzw. 8 Prozent) war ambivalent – d. h., solche Aussagen konnten nicht als eindeutig positiv oder negativ identifiziert werden.

Insgesamt fallen die Zuordnungen, die unabhängig voneinander jeweils dem einen (Vollautomat) oder dem anderen (Vehicle-on-Demand) Fahrzeug zugeschrieben wurden, relativ ähnlich aus; viele Antwortkategorien sind sowohl bedeutungsgleich als auch ähnlich bezüglich ihrer prozentualen Verteilung. Auf einige prägnante Unterschiede wird nachfolgend eingegangen. Außerdem werden die Zuschreibungen, wo dies sinnvoll erscheint, daraufhin geprüft, welche instrumentellen, emotionalen und symbolischen Eigenschaften dem autonomen Fahrzeug zugeschrieben werden.

Vollautomat mit Verfügbarkeitsfahrer

Im Feld „Positive Wertungen“ entfielen 17 Prozent der Aussagen auf die Antwortkategorie

„bequem“, gefolgt von „gut“ (13 Prozent), „sicher“ (11 Prozent), „entspannend“ (10 Pro-

Abb. 31.2 Konnotationen zu autonomen Fahrzeugen: Vollautomat und Vehicle-onDemand

zent) und „modern“ (10 Prozent) – in Tab. 31.1 sind diese prozentualen Verteilungen dargestellt. 8 Prozent aller Antworten im Bereich „Ambivalente Wertungen“ entfielen auf die Kategorie „Luxus“ und 15 Prozent aller Aussagen im Bereich „Negative Wertungen“ auf die Kategorie „teuer“. Nur in der Antwortkategorie „nichts für mich“ waren in diesem Bereich mit 16 Prozent mehr Aussagen vertreten. Die Kategorie „Luxus“ tritt beim Vehicle-on-Demand wiederum kein einziges Mal auf, und „teuer“ rangiert mit 7 Prozent aller Aussagen bei den negativen Wertungen nur auf Platz 7.

Im Bereich der positiven Wertungen werden mit dem Vollautomaten hauptsächlich Aspekte assoziiert, die als funktional (bzw. instrumentell) klassifiziert werden können – ein solches Fahrzeug wird als „bequem“, „sicher“, „praktisch“, „effizient“, „für Mobilitätseingeschränkte“, „eine Hilfe“, „umweltfreundlich“ und „flexibel“ beschrieben. Beim Vehicleon-Demand wird noch der wahrgenommene Aspekt der Nützlichkeit ergänzt (dafür fehlt hier die Zuordnung „eine Hilfe“). Als deutlich emotional bzw. affektiv besetzt konnten für den Vollautomaten mit Verfügbarkeitsfahrer nur die positiven Zuschreibungen „entspannend“, „genial“ und „aufregend“ identifiziert werden, Gleiches gilt für das Vehicle-on-

Tab. 31.1 Antworten im Textfeld „Ein Vollautomat mit Verfügbarkeitsfahrer ist …“ – zusammengefasst und kategorisiert

Demand („genial“ wird hier durch die schwächer konnotierten Kategorien „toll“ und „gut“ ersetzt). Im Bereich der negativen Wertungen stellt sich die Verteilung von funktional versus emotional konnotierten Aspekten dagegen umgekehrt dar: „unheimlich“, „langweilig“, „gefährlich“, „schrecklich“ (beim Vehicle-on-Demand zusätzlich: „beängstigend“) sind eindeutig affektiv besetzte Kategorien, während „teuer“ und „nicht ausgereift“ eher funktionale Aspekte bezeichnen. Antwortkategorien, die eine symbolische Konnotation vermuten lassen, finden sich in den Aussagen insgesamt kaum – am ehesten deuten noch Antworten der Kategorien „modern“, „interessant“ oder „Luxus“ darauf hin, dass ein solches autonomes Fahrzeug auch in Verbindung mit Aspekten wahrgenommen und bewertet wird, die den durch das Fahrzeug zum Ausdruck gebrachten Status betreffen.

Vehicle-on-Demand

Tabelle 31.2 zeigt die zusammengefassten und kategorisierten Zuschreibungen, wie sie für das Vehicle-on-Demand vorgenommen wurden, in ihrer prozentualen Verteilung. Die Topantwortkategorien im Feld „Positive Wertungen“ unterscheiden sich kaum von denen, die für den Vollautomaten mit Verfügbarkeitsfahrer festgestellt werden konnten: Einzig auf Platz 1 taucht mit 15 Prozent aller hier gemachten Aussagen die Kategorie „nützlich“ komplett neu auf. Außerdem beschreiben die Befragten das Fahrzeug mit „bequem“ (14 Prozent), „entspannend“ (13 Prozent), „modern“ (12 Prozent) und „sicher“ (10 Prozent). Für das

Tab. 31.2 Antworten im Textfeld „Ein Vehicle-on-Demand-Fahrzeug ist …“ – zusammengefasst und kategorisiert

Vehicle-on-Demand sind 18 Prozent der Zuschreibungen ohne Wertung. Von diesen 18 Prozent entfällt die Hälfte auf die Antwortkategorie „keine Ahnung“ – im Vergleich dazu erklären beim Vollautomaten mit Verfügbarkeitsfahrer nur 20 Prozent, sie hätten „keine Ahnung“. Nur 2 Prozent der Aussagen in der Sparte „ohne Wertung“ entfällt auf die Antwortkategorie „ähnlich wie andere Verkehrsmittel“ – beim Vollautomaten waren es 12 Prozent. Unter diese Kategorie waren Einträge gefasst wie „Ein Vollautomat mit Verfügbarkeitsfahrer ist ‚wie die Bahn'“ oder „Ein Vehicle-on-Demand-Fahrzeug ist ‚ein Taxi'“. Immerhin ein Viertel aller negativen Aussagen entfällt beim Vehicle-on-Demand auf die emotional stark besetzten Antwortkategorien „beängstigend“ (10 Prozent), „gefährlich“ (7 Prozent), „unheimlich“ (6 Prozent) und „schrecklich“ (2 Prozent). Beim Vollautomaten wird „beängstigend“ dagegen kein einziges Mal assoziiert, und nur 15 Prozent der Aussagen bezeichnen ihn als „unheimlich“ (11 Prozent), „gefährlich“ (3 Prozent) oder „schreck- lich“ (1 Prozent).

31.3.1.1 Zusammenfassung

Die Befragung macht deutlich: Insgesamt werden einem Vehicle-on-Demand am meisten negative und am wenigsten positive Bewertungen entgegengebracht. Von den 250 Befragten, die diesem Use-Case zugeteilt wurden, können sich 54 Prozent nicht vorstellen, ihr derzeit präferiertes Verkehrsmittel durch ein Vehicle-on-Demand zu ersetzen. Auch im direkten Vergleich mit einem vollautomatisierten Fahrzeug mit Verfügbarkeitsfahrer wird das Vehicle-on-Demand mit eher negativen Aussagen beschrieben; ein Viertel aller Beschreibungen sehen ein solches Fahrzeug sogar als beängstigend, gefährlich, unheimlich oder schrecklich an. Unter einem Vehicle-on-Demand können sich die Befragten offensichtlich auch weniger vorstellen als unter einem Fahrzeug, bei dem das Selbstfahren weiterhin möglich wäre, das zeigen die zahlreichen Aussagen in der Kategorie „keine Ahnung“.

Die Antwortkategorien „teuer“ und „Luxus“, die insbesondere bzw. ausschließlich dem Vollautomaten zugeschrieben werden, lassen den Schluss zu, dass ein solches Fahrzeug noch deutlich mit dem individuellen Privatbesitz in Verbindung gebracht wird, wohingegen das Vehicle-on-Demand nur in einigen wenigen Aussagen überhaupt mit anderen Verkehrsmitteln verglichen wird.

Eine Zuordnung von Aussagen zu den autonomen Fahrzeugen zu entweder instrumentellen, affektiven oder symbolischen Aspekten ergab, dass im Bereich positiv konnotierter Wertungen instrumentelle Zuschreibungen überwiegen, während bei den negativen Wertungen stark emotional geprägte Aussagen in der Mehrheit sind. Aussagen, bei denen der Status-Charakter der autonomen Fahrzeuge im Vordergrund steht, konnten dagegen nicht eindeutig identifiziert werden. In der nachfolgend beschriebenen qualitativen Erhebung werden die wahrgenommenen negativen Aspekte des autonomen Fahrens genauer in den Blick genommen und daraufhin untersucht, in welchen sozio-technischen Kontext sie eingebettet sind. Vor allem solche ablehnenden Zuschreibungen, das konnte bereits die Explorationsstudie zeigen (s. Kap. 29), sind stärker an offenbar subjektbezogenen und affektiven Aspekten sowie am Kontext von Autonutzung und -besitz orientiert.

 
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