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2.2.2.4 Gehorsam/Unterordnung vs. Selbstreflexion/ Selbständigkeit

Ausgehend von diesem Fall sollen die gegensätzlichen Konzepte bzw. Vorstellungen der Institutionen/Pädagoginnen vs. Eltern/Kinder konkretisiert werden. Gerade in der Migration gewinnt der Wert Gehorsam/Unterordnung an entscheidender Bedeutung: Vorfälle wie oben, der Sohn möchte in einem Wohnheim untergebracht werden, sollen so vermieden werden. Durch Gehorsam und Unterordnung wollen die Eltern erreichen, dass die Kinder ihnen gegenüber auch im Erwachsenenalter loyal bleiben, da die sonstigen sozialen Netzwerke, Verwandtschaft, Nachbarschaftshilfe etc. nicht in der Intensität verbreitet sind wie im Herkunftsland.

Wenn Ümit, wie es sein Wunsch zu sein scheint, das Elternhaus verlassen würde, würde das die Eltern in der Herkunftsgemeinschaft in Erklärungsnot bringen. Denn ein Kind, das das Elternhaus verlässt, ohne zu heiraten oder ein Studium in einer anderen Stadt aufzunehmen[1], ist den Eltern gegenüber nicht loyal, hört nicht auf sie und lässt sie auch im Notfall, wie z. B. im Alter oder bei Krankheit, im Stich. Dieser vorzeitige Auszug des Kindes deutet darauf hin, dass die Familie Probleme hat, was der Vater – wie oben beobachtet – zu verhindern versucht.

Im oben geschilderten Fall argumentiert die Pädagogin aus der Sicht einer mittelschichtorientierten Akademikerin, z. B. dass es außerordentlich wichtig sei, in einem bestimmten Alter selbständig zu agieren. Diese Vorstellung basiert aber auf dem ideellen und gesellschaftlichen Hintergrund einer reflektierten, akademisch gut ausgebildeten Fachfrau. Die Wünsche, Vorstellungen und die sozialen bzw. wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Eltern und teilweise auch die des Jugendlichen – warum argumentiert der Jugendliche im Einzelgespräch anders als im gemeinsamen Gespräch mit den Eltern? – werden nicht beachtet. Denn im Vordergrund steht der anfangs vom Jungen geschilderte Wunsch nach Selbständigkeit, der mit den Vorstellungen der Pädagogin deckungsgleich ist. Die Erwartungen der Eltern werden abgewertet, verurteilt bzw. als rückschrittlich bezeichnet, weil sie nicht denen der Pädagogin entsprechen. Wie diese Pädagogin können sich viele pädagogische Fachkräfte nicht vorstellen, warum die Eltern Selbständigkeit/ Selbstreflexion nicht fördern wollen. Es ist zu bemerken, dass ebenfalls bei deutschen Eltern mit ähnlichen sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der Wunsch nach Gehorsamkeit und Unterordnung der Kinder gegenüber ihren Eltern vorherrscht. Es muss erneut an dieser Stelle betont werden, dass dem Perspektivenwechsel eine entscheidende und bedeutende Rolle zuzumessen ist. Denn nicht alles, was Pädagoginnen und Pädagogen für richtig, erstrebenswert und nachvollziehbar halten, muss für Eltern und Jugendliche annehmbar sein.

2.3 Zusammenfassung

Migrantenjugendliche – vor allem aber die aus der Türkei, weil sie die größte Gruppierung sind – sind in allen pädagogischen Feldern präsent. Der überwiegende Teil dieser jungen Migranten ist hier geboren, spricht fließend Deutsch, kennt die Heimatländer der Eltern oder Großeltern nur von den Urlaubsaufenthalten oder aus den Medien. Obwohl sie der dritten oder vierten Migrantengeneration zuzuordnen sind, werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung und im pädagogischen Setting als Problemgruppe bezeichnet. Pädagoginnen und Pädagogen wünschen sich Maßnahmen, die speziell auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind, um den Umgang bzw. die Arbeit zu optimieren.

Ein Rezept oder einen Leitfaden, wie mit türkeistämmigen Jungen gearbeitet werden kann, gibt es nicht, ebenso wenig wie für die Arbeit mit biodeutschen Jugendlichen. Im pädagogischen Alltag ist es zu empfehlen, jedes Kind bzw. jeden Jugendlichen als Individuum wahrzunehmen, ihn und seine Probleme nicht zu verallgemeinern bzw. mit den anderen Jugendlichen gleichzusetzen. Das kann dadurch eingelöst werden, dass die Fachleute die wichtigen (sozial-) pädagogischen Handlungskompetenzen verinnerlichen. Diese Kompetenzen sind nicht nur in der Arbeit mit Migranten entscheidend, sondern in jedem pädagogischen Feld, in dem gegensätzliche Vorstellungen, kognitive Hypothesen und Meinungen aufeinander treffen.

Darüber hinaus sollen bestimmte interkulturelle kognitive Kompetenzen erworben werden, um die Arbeit mit der Zielgruppe offener anzugehen. Der Erwerb der interkulturellen kognitiven Hypothesen ist im Gegensatz zu dem der Handlungskompetenzen unkompliziert, weil sie, wie aus den obigen Erläuterungen zu entnehmen, durch Besuche von Fortbildungen bzw. Studium der einschlägigen Literatur erworben werden können. Die interkulturellen kognitiven Kompetenzen müssen erworben werden, trotzdem die Zielgruppe in Deutschland geboren ist. Denn die Sozialisationsbedingungen sowie die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen dieser Jugendlichen unterscheiden sich grundsätzlich von denen der autochtonen deutschen Jugendlichen, worauf in weiteren der Teilen Ausführungen zurückzukommen sein wird.

  • [1] Diese beiden Sachverhalte sind die einzig legitimen Gründe das Elternhaus zu verlassen, ohne dass das Ansehen der Eltern in der Öffentlichkeit beschädigt wird
 
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