Globalisierung als Bedrohung traditioneller kultureller Eigenheit

Viele Schüler verwiesen auf die Kosten einer globalen kulturellen Expansion für „ursprüngliche“ Kulturen, wobei einige diese mit dem Gewinn hinsichtlich der Überwindung von Rückständigkeit relativierten. Der Hauptschüler Lennart (HS2) beschreibt den kulturellen Wandel als höchst bedrohlich für die eigene Kultur und plädiert für deren Stärkung. Auf die Frage, ob eine Veränderung durch den Prozess der Globalisierung eintrete, antwortet er: „Ja. Massiv. Ich würde sagen vor vierzig, fünfzig Jahren war hier in Deutschland noch mehr Kultur. Allgemein so in Europa. Das verschwimmt ja alles. Das ist ja nicht mehr so, dass man jetzt sagen kann, dass das alles so einheitlich ist. Das verschwimmt alles, dass jedes Land ein bisschen Kultur mit reinbringt. Das ist halt multikulturelles Leben mittlerweile. Kann man sagen. Bei uns jetzt kommt es langsam. Schleichend.“ (S. 275 ff.)Er sieht eine Entwicklung, die es aufzuhalten gelte: „Also es ist so, dass man schon seine eigene Kultur ein bisschen hochhalten sollte. Weil sonst geht die verloren. Und dann sollte man halt sagen, dass man im gewissen Maße schon multikulturell ist, aber auch eine bestimmte Abgrenzung hat. Dass man sagt: ‚Bis hier hin und nicht weiter halt.' Das muss man dann gucken wie man das macht.“ (S. 283 ff.) Entgegenwirken könne man dieser Entwicklung folgendermaßen: „Also ich finde man sollte unsere Bräuche, Wintersonnenwende und so was, schon hochalten. So alte Bräuche finde ich schon wichtig. Um es halt den Kindern weiterzugeben. Und halt unsere Werte Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung und so was halt auch weiter so führt. Finde ich schon wichtig.“ (S. 290 ff.) Was den Grad der Abwehrhaltung und die deutliche Parteinahme für eine bestimmte Kultur betrifft, ist Lennart hervorstechend. Doch steht er nicht alleine. Relativ viele Hauptschüler zeigen vergleichbare Haltungen der Abwehr und des Eintretens für die „eigene“ Kultur.

Wesentlich verbreiteter waren jedoch Schilderungen, die eher beiläufig auf die Kosten für traditionelle, religiös geprägte kulturelle Eigenheiten hinwiesen. Ein Grundtenor dieser Ansichten war, dass es Unterschiede kultureller Art gebe, welche erhaltenswert seien und nicht einer globalen Vereinheitlichung zum Opfer fallen dürften. Mahamadou (Gym04) veranschaulicht dies anhand seines eigenen migrationsspezifischen Wissenshintergrundes und bezieht sich auf die Situation in der Türkei. Gefragt nach seiner Bewertung einer Verwestlichung der türkischen Kultur entgegnet er: „Also ich finde das einerseits schon gut, dass die Türken dann nicht so zurückgeblieben sind. Dass wir nicht, ähm, halt so zurückgeblieben sind, also auch Fortschritte machen. Aber anderseits denke ich mal, dass man das nicht übertreiben sollte. Also man sollte schon seine eigene Tradition und so, ähm, behalten. Und, ja, man sollte es, denke ich, nicht übertreiben und die Tradition ganz verschwinden lassen. Einen Teil, denke ich, sollte man schon immer behalten.“ (S. 533 ff.) Der Schüler verweist einerseits auf erhaltenswerte Kulturelemente, andererseits relativiert er manche diesbezüglichen Kosten mit der Überwindung von Rückständigkeit. Dies ist eine sehr verbreitete Vorstellungskonstellation: Zwar geht oder ging es auf Kosten lokaler Kulturen, doch es brachte Fortschritt.

 
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