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Elterliche Unsicherheit

In konservativen Familien wird traditionell nicht über Sexualität geredet. Die Eltern geben im Grunde diese Tradition an ihre Kinder weiter, weil sie selber nicht gelernt haben, angemessen darüber zu reden. Diese elterliche Unsicherheit zeigt sich auch daran, dass die Sexualerziehung auf den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau reduziert wird. Vor allem im schulischen Biologieunterricht in der Schule erfahren die Kinder, dass Sexualerziehung nicht darin besteht zu vermitteln, wie Mädchen bzw. Jungen sich beim Geschlechtsakt zu verhalten haben, was in konservativen Familien immer wieder fälschlicherweise angenommen wird. Die Unsicherheit der Eltern, vor allem die der Mütter, wird auch offenkundig, wenn bei den Töchtern die Menstruation beginnt. Nicht alle Mädchen in konservativen Familien werden darauf vorbereitet, erst beim Einsetzen der Menstruation gibt es eine kurze Aussprache zwischen Mutter und Tochter

Schamgefühl/Respekt vor Autoritäten

Die elterliche Unsicherheit zeigt, dass Scham eine zentrale Rolle im Kontext von Sexualität und sexueller Aufklärung spielt. Die Eltern haben selbst nicht gelernt, in geeigneter und angemessener Art und Weise darüber zu sprechen. Wenn Sexualität ein Thema ist, dann ist es peinlich, weil diese in der Alltagssprache der Familie nicht bzw. selten vorkommt. „Wissen Sie, diese Themen bespricht man halt mit den Eltern nicht. Vielleicht mit der Mutter eher, wenn man mit der Mutter alleine ist. Aber wenn beide Eltern dabei sind, geht das gar nicht. Dafür schäme ich mich

zu sehr. Diese Themen mit den Eltern besprechen, finde ich, ehrlich gesagt, sehr peinlich.“[1] (Zeynep) Der Kontext des Interviews zeigt, dass Zeynep sich schwertut, über das Thema zu reden. Sie nimmt während des Interviews die Begriffe „Sexualität“ oder „sexuelle Erziehung“ nicht explizit in den Mund, sondern subsumiert sie unter „diese Themen“, obwohl der Interviewpartner sie offen anspricht. Dies ist zwar auch bei Arzu zu beobachten, sie stellt aber Scham in einen direkten Zusammenhang mit Respekt, was bei den anderen Interviewpartnerinnen nur implizit der Fall ist: „Darüber rede ich nicht mit meinen Eltern, mit meiner Mutter eher: Also, vielleicht rede ich mit ihr über meine Monatsblutungen, das war's dann aber auch. Solche Dinge mit Eltern oder andere Erwachsene, die einem nahestehen, besprechen, finde ich etwas respektlos. Das ist ein Thema, was man mit Freundinnen oder Schwestern bespricht, die einem nahestehen. Wie soll ich bitte über meine Bauchschmerzen, die durch die Regel kommen, mit meinem Vater reden und später ihn respektieren. Respekt bedeutet ja bei uns auch Distanz. Das geht dann eben nicht mehr.“ (Arzu)[2] Wie Arzu explizit beschreibt, wird es als respektlos empfunden, wenn intime Anliegen in Anwesenheit von Autoritätspersonen thematisiert werden. Wie bereits oben betont hat die Erziehung zu Respekt, Gehorsam, Höflichkeit, Ordnung und gutem Benehmen hat für die in Deutschland lebenden konservativen Familien immer noch einen hohen Stellenwert. Thematisieren die Kinder in Anwesenheit der Eltern als intim geltende Bereiche, z. B. Sexualität, untergraben sie die Autorität des Vaters bzw. der Mutter. Sexualität wird auf den Geschlechtsverkehr und auf die Genitalien reduziert (Cagliyan 2006, S. 55).

Angst, das Interesse der Kinder zu wecken

Ein weiterer Grund für die Tabuisierung der Sexualität innerhalb der Familie ist, dass die Eltern befürchten, die Neugierde ihrer Kinder, vor allem die der Töchter, zu wecken. Dem widersprechen Erkenntnisse aus der Pädagogik und Psychologie, denen zufolge Reglementierungen oder Verbote erst recht das Interesse der Kinder oder Heranwachsenden wecken. Vor allem wird die Rolle der Medien und Peers von den Eltern unterschätzt, wenn sie glauben, dass ihre Töchter durch Tabuisierung oder Reglementierung unwissend bleiben und sich somit für Sexualität nicht interessieren (Cagliyan 2006, S. 57; Toprak 2014). Toprak (2014) macht aber deutlich, dass die Mädchen und Jungen sich aufgrund des veränderten medialen Zugangs früh und umfassend informieren, was bei der ersten und zweiten Generation in dieser Form nicht möglich war. Aber die Kinder verheimlichen in der Regel dieses Wissen, um ihre Eltern nicht zu verunsichern. Studien weisen außerdem darauf hin, dass das Wissen über Sexualität nicht mit einem sexuellen Verlangen korrelieren muss (Müller 2006; Cagliyan 2006; Toprak 2014). Diese Überlegung aber ist einer der zentralen Punkte, warum die Eltern das Thema Sexualität in der Familie tabuisieren. Dass gerade Mädchen, die sich intensiv mit der Sexualität, ihrem Körper und sexueller Aufklärung auseinandersetzen, reflektiert, vorsichtig und zurückhaltend mit sexueller Aktivität umgehen, verdeutlicht der folgende Interviewausschnitt aus Toprak (2014): „Ich habe mich ja sehr für dieses Thema interessiert. Schon in der Schule fand ich spannend, wie der Körper sich verändert und worauf es ankommt. Auch diese Geschlechterkrankheiten haben mich immer interessiert. Ich muss zugeben, nachdem ich mich mehr informiert habe, habe ich eine Zeit lang eher das Interesse an ‚das erste Mal', wie das sein könnte, verloren. Und vielen Freundinnen von mir ging es, ehrlich gesagt, so.“ (Fulya).

  • [1] Dieses Interview wurde entnommen aus: Toprak, A. (2014). Türkeistämmige Mädchen in Deutschland. Erziehung, Geschlechterrollen, Sexualität. Lambertus: Freiburg
  • [2] Interview entnommen aus Toprak 2014
 
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