Mikroperspektivische Vorstellungen

Im Gegensatz zu den im vorigen Abschnitt dargestellten Vorstellungen der Schüler über die Existenz, das Entstehen oder das Wirken einer globalen Kultur, zeigten sich in den Interviews viele Vorstellungen über konkret alltagsnahe Auswirkungen globaler Mobilität. Wie entwickelt sich die hiesige Kultur durch die Anwesenheit von Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen im Zuge zunehmender personaler Mobilität? Welche Formen des Zusammenlebens entstehen durch das Zusammentreffen von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen?

Hier konnten drei charakteristische Vorstellungsmuster identifiziert werden:

a. Kulturelle Globalisierung und Mobilität als abzuwehrende Bedrohung der eigenen Kultur

b. Duldsam tolerantes Nebeneinander von Mehrheitsund Minderheitskultur(en) mit Anpassungsforderungen

c. Entstehen einer neuen, bereicherten, toleranteren und/oder effektiveren Kultur durch globale „kulturelle Vermischung“

a. Kulturelle Globalisierung und Mobilität als abzuwehrende Bedrohung der eigenen Kultur

Ein erstes Muster betrachtet die „kulturelle Vermischung“ als eine Bedrohung der eigenen Kultur. Diese soll sich dagegen wehren und sich stärken, absichern. Denkvoraussetzung ist hierbei ein hohes Ausmaß an Identifizierung mit einem klar abgegrenzten kulturellen Kollektiv. In dieser Weise argumentiert beispielsweise Finn (HS4): „Also teilweise finde ich das gut, dass die dann auch arbeiten gehen können eben. Aber ich finde das auch schlecht, weil es immer mehr in Deutschland werden. Es werden zu viele, sag' ich mal, so. Es kommt ja auch nicht jeder Deutscher, sag' ich jetzt mal, in die Türkei oder so was. Davon rede ich jetzt am meisten, weil die wie gesagt in meinen Augen am meisten in Deutschland drinnen sind. Und das ist einfach schon zu viel, sag' ich mal. Das ist ja gar kein Deutschland, sag' ich mal, mehr.“ (S. 310 ff.)

Jennifer (HS12) antwortet auf die Frage, wer die Gewinner der Globalisierung seien: „Ich glaube eher die Ausländer sind die Gewinner“ und auf die Frage nach den Verlierern: „Ich glaube eher wir. Die Deutschen“. Um eine weitere Ausführung gebeten, begründet sie diese Einschätzung folgendermaßen: „Ich weiß nicht. Weil die Ausländer die haben ja einen Gewinn davon, weil die haben ja ein besseres Leben dann. Und wir haben ja immer noch das gleiche.“ (S. 156 ff.) Jennifer macht hier einen Vergleich zwischen zwei klar abgegrenzten Kollektiven. Dieser Vergleich fällt zu Ungunsten ihres eigenen nationalen Kollektivs aus. Ihre Begründung enthält die Annahme, dass es ausnahmslos jedem, der nach Deutschland kommt, besser gehen wird, die Person einen Gewinn dadurch erfährt. An ihrem eigenen Leben werde sich nichts ändern, und die Art, wie sie ihre Missgunst über den Gewinn der Anderen zum Ausdruck bringt, lässt auf den Wunsch schließen, das eigene Leben möge einen Gewinn erfahren.

Mahamadous (Gym04) Referenzpunkt ist nicht die deutsche Mehrheitskultur, sondern die türkische, die durch eine zu weitgehende Verwestlichung bedroht wird. Im Vergleich zu den beiden vorhergehenden Hauptschülern kann von einem milderen Bedrohungsszenario gesprochen werden, da er in Hinblick auf den zu zahlenden Preis an kultureller Eigenheit auch den Gewinn an Fortschritt sieht. Interessant ist hier auch sein Gedanke einer reaktiven Verstärkung der überkommenen Kultur in einzelnen radikalen Inseln. Gefragt, ob die sich anpassende Kultur völlig verschwindet, entgegnet er: „ Also die verschwinden nicht so wirklich. Aber die sind halt…/ Keiner lebt nach diesen Regeln. Also keiner hält sich an die Regeln. Dass zum Beispiel deren eigene Traditionen oder Kulturen…/ Also verschwinden tun sie nicht. Es gibt immer noch ein paar Städte und Regionen, die sich daran so richtig halten. Die richtig stolz darauf sind, dass sie diese Traditionen noch besitzen oder so ähnlich.“ (S. 499 ff.) Entgegen einem als zu weitgehend wahrgenommenen äußeren Einfluss der Verwestlichung fordert er: „Weil, ähm, ich denke mal jedes Land sollte seine eigenen Traditionen haben. Oder seine eigenen Kulturen haben. Und nicht von anderen abhängig sein.“ (S. 30 ff.)

Dagegen gab es auch Schüler, bei denen die Dominanzstellung einer Kultur expliziter zum Ausdruck kam. Timo (Gym19) kann hier eingeordnet werden. Er macht sich Gedanken über Grenzen des Auslebens der Kultur und Religion von Minderheitsangehörigen im öffentlichen Raum und betont dabei, dass dies Grenzen habe. Die Grenze zieht er dort, wo eine dominante Mehrheitsgesellschaft oder ein Mitglied dieser sich gestört fühlen könnte. Die Mehrheitskultur gibt in seiner Vorstellung den Rahmen, gestattet Räume des Auslebens, definiert Möglichkeiten und Grenzen der Entwicklung. Zwar umfassen seine Ausführungen auch Elemente des geduldeten Zusammenlebens getrennter Kulturentitäten, hervorstechend ist jedoch sein Beharren auf der kulturellen Definitionshoheit und Dominanz der heimischen Mehrheitskultur, deren Willen sich Subkulturen selbsteinschränkend zu beugen hätten: „Also ich denke wenn man jetzt an…/Wie soll ich es sagen? Also solange man die deutsche Sprache gut beherrscht und jetzt auch nicht irgendwas Religiöses, was weiß ich, auf der Straße ausübt – sondern im geschlossenen Kreis wo man für sich ist – dann ist es okay.“ (…) „Bei den eigenen Leuten und niemanden anderes belästigen oder nerven.“ (S. 333 ff.)

Timos Ausführungen beinhalten zwar auch vordergründig Elemente des geduldeten Nebeneinanders, seine Wortwahl deutet jedoch darauf hin, dass Anpassungsforderungen in hierarchischer Weise von einem dominierenden Kollektiv ausgehen. Ihm scheint es weniger um sachlich sinnvolle Anpassung zu gehen, welche für ein besseres Zusammenleben dienlich wäre, sondern eher um klare Grenzziehungen bei der Nutzung des öffentlichen Raums. Der öffentliche Raum muss für ihn im Besitz und unter Kontrolle der herrschenden Kultur sein.

b. Duldsam tolerantes Nebeneinander von Mehrheitsund Minderheitskulturen mit Anpassungsforderungen

Ein zweites Muster kann als bedingte Verträglichkeit bezeichnet werden. Hier wird ein tolerantes Zusammenleben mit Anpassungsforderungen an bestimmte Gruppen verbunden. Der ohnehin sehr präsente Begriff der Integration ist in den Vorstellungen der Schüler in diesem Bereich besonders dominant. Dabei ist der Katalog dieser Vorstellungen ist dabei unterschiedlich umfangreich, einseitig oder mehrseitig adressiert. Variationen von einem Mindestkatalog von Anpassungsforderungen bei Wahrung individueller kulturell-religiöser Entfaltungsräume bis hin zu Assimilationskatalogen sind hier anzutreffen. Diese beinhalten verschiedene Perspektiven und Adressaten: Angehöriger der Mehrheitskultur stellt Forderungen an Minderheiten, Angehöriger der Mehrheitskultur an die Ebene der politischen Repräsentanten der Mehrheitskultur, Angehöriger von Minderheiten stellt Forderungen an Minderheiten.

Fabians (Gym06) Ausführungen sind dabei interessant, weil sie mehrere Elemente und Ebenen ansprechen. Er führt zunächst ein häufig auch von vielen anderen Schülern geäußertes Argument an, dass auf die beschränkten Integrationsmöglichkeiten hinweist: „Man muss aufpassen, dass nicht alle auf einmal…/ Sondern man müsste die nach und nach integrieren vermute ich. Also dass nicht alle auf einmal kommen, sondern dass es so, ja, gestückelt wird.“ (S. 351 ff.) Sein Anpassungskatalog, welchen er an die Einwanderer richtet, bezieht sich vor allem auf sprachliche Anpassung und bessere Bildung: „Also die müssen auf jeden Fall die Sprache lernen, damit sie zurechtkommen. Ähm, ich denke viele von denen haben auch keinen Schulabschluss. Dass man sich vor allem auf die Kinder konzentriert, ähm, dass die eine Ausbildung machen können. Und die Erwachsenen, dass die auch, ähm, erstmal halt die Sprache lernen und dann noch vielleicht quasi eine Schule für Erwachsene“ (S. 357 ff.) Eine Anpassung in religiöser oder kultureller Hinsicht schließt er hingegen explizit aus: „Ich denke eigentlich nicht, weil in Europa sind eigentlich nur freie Länder. Und ich denke es gibt niemanden, der sie daran hindern könnte ihre Religion auszuüben oder ihre Kulturen.“ (S. 365 ff.)Diesen kulturell-religiösen Freiraum gelte es zu sichern und in diesem Zusammenhang richtet er auch eine Forderung an die Mehrheitsgesellschaft und ihre politischen Repräsentanten: „Aber ich denke, dass auch dann bei Gesetzgebungen Rücksicht auf die anderen, also auf Ausländer, genommen werden muss.“ (S. 500 ff.)

c. Entstehen einer neuen, bereicherten, toleranteren und/oder effektiveren Kultur durch globale kulturelle Durchdringung

Eine weitere charakteristische Vorstellung ist jene der bereichernden Synthese. Hier steht das Entstehen einer neuen Kultur durch interkulturelle Interaktion im Zentrum. Kulturen werden nicht in einem entgegengesetzten oder parallel geduldeten Verhältnis gesehen, sondern die Vorzüge einer amalgamierenden „multikulturellen“ Gesellschaft werden betont.

David (Gym14) antwortet auf die Frage, wie er seine Kultur beschreiben würde:

Boah, schwierig. Deutschland hat ja gar keine richtige Kultur mehr inzwischen. Finde ich auch gut. Also, was heißt keine richtige…/ Es formt sich gerade eine neue. Also so ein Mischling aus verschiedenen Kulturen halt. Aber das war ja schon immer so. Deutschland war ja schon immer ein Verbund deutscher Staaten. Die ganzen alten Fürstentümer, das waren ja früher alles allein welche. Das war schon immer so ein bisschen ein Mischmasch. Und inzwischen kommen halt…/ Durch die vielen Einwanderer, finde ich, bildet sich eigentlich eine schöne Kultur raus. Weil man nur hoffen kann, dass sie das Beste aus den verschiedenen Kulturen quasi in sich aufnimmt und zusammenschweißt. Und dass eine gute Kultur dabei herauskommt.“ (S. 785 ff.) Und weiter: „Deutschland hat keine klare Kultur eigentlich. Weil für viele im Ausland ist Deutschland vielleicht Bayern. Mit Biertrinken und Latzhose und so (…)Das kann man ja überhaupt nicht zum Beispiel mit der friesischen Lebensart vergleichen. Und so ist Deutschland halt immer schon so ein Mischling gewesen. Und das wird jetzt halt mehr. Und man kann halt nur hoffen, dass was Gutes halt bei rauskommt, dass alle so ihre Kultur mischen.“ (S. 812 ff.) Eine „reine“ Kultur hat es David zufolge nie gegeben, auch auf nationalem Niveau gab und gibt es wechselwirkende und gleichzeitig voneinander abgegrenzte Vielfalt. Mit diesem deutlichen Hinweis darauf, dass kulturelle Identitäten immer schon hybrid gewesen sind, stellt er insgesamt jedoch eine Ausnahme dar.

Clara (Gym11) stellt sich den Einfluss von Globalisierung auf Kultur folgendermaßen vor: „Weil ich denke, das hat auch wieder was mit den Grenzen zu tun. Als es noch deutlichere Grenzen gab, da war man noch so… so… so…/ Ja, also ich denke mal die haben dann von ihrer Kultur immer so viel gehalten.“ Borniertheit und Eingenommenheit vom kulturell Eigenen werden in der zunehmenden Sichtbarkeit des Anderen immer mehr überwunden: „Und wenn man dann andere Kulturen kennenlernt, vor allen Dingen wenn man dann noch in andere Länder zieht aus…/Ähm, wenn ich jetzt aus Deutschland nach Spanien, ähm, einwandern möchte, dann lerne ich die andere Kultur kennen und mag sie vielleicht noch mehr als die deutsche. Und dann verändert sich das. Und wenn ich wieder nach Deutschland komme mag meine Familie die ja vielleicht auch. Und dann geht das immer so rum. Und ich denke mal, dass es jetzt in allen Ländern gemischte Kulturen gibt, obwohl es immer ein Land ist.“ (S. 372 ff.)

Auch Merles (Gym08) Ausführungen bewegen sich zum Großteil in diesem Vorstellungsrahmen: „Ähm, ich finde das eigentlich ganz gut. Ähm, weil man sieht ja auch, dass viele Ausländer uns prägen. Zum Beispiel hatten wir jetzt in Deutsch Jugendsprache. Dass da vor allem so… ich weiß gar nicht wie das heißt… TürkDeutsch oder so oder Denglisch oder so gibt es ja auch ganz viel…/ Also dass das halt auch viel geprägt wird. Das finde ich auch ganz gut, weil man sich halt gegenseitig so weiterbringen kann.“ (S. 445 ff.) Jedoch sieht sie auch eine gesellschaftliche Gegenentwicklung: „Ähm, aber ich glaube auch anderseits, dass das manchen gar nicht gefällt. Also zum Beispiel gibt es hier ja viele so nationalsozialistische Bewegungen. Und halt auch viel gegen Ausländer. Weil man halt auch einfach so das bewahren will, so ein reines Deutschland. Oder in Frankreich, habe ich gehört, dass es da auch echt so, ähm, so Organisationen gibt, die halt versuchen die französische Sprache zu bewahren und so. Aber ich denke so im Großen und Ganzen ist es eigentlich schon ganz gut. Weil man halt einfach viel voneinander lernen kann und auch das Miteinander einen prägen kann.“ (S. 449 ff.)

 
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