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3.6 Bestrafungspraktiken der türkeistämmigen Eltern

Es ist allgemein bekannt, dass je nach Kultur und Gesellschaft ein anderes Verständnis von Gewalt bzw. Gewaltanwendung vorherrscht. Ein Handlungsrahmen, der beispielsweise für mitteleuropäische Verhältnisse als überzogen betrachtet werden kann, ist womöglich für Mittelmeerländer angemessen und legitim.

„Menschliches Verhalten ist in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet, der den Handlungs- und Verständnisrahmen absteckt. Gesellschaftliche Ideologien legen fest, welche Handlungen erlaubt oder gar erwünscht sind, und begünstigen oder verhindern damit auch die Einstellung von Aggression und Gewalt“ (Bierhof und Wagner 1998, S. 4). Die Bestrafung von Kindern ist für einige türkeistämmige Eltern ein gängiges Erziehungsmittel. Strafe dient in diesem Normgefüge zum einen der Verhaltenskorrektur und ist zum anderen ein Akt, um die Loyalität den Eltern und Erwachsenen gegenüber wieder herzustellen.

Den vom Autor befragten Eltern (Toprak 2004) ist es in der Regel nicht einmal bewusst, dass sie Gewalt anwenden, wenn sie ihre Kinder bestrafen. Psychische Gewaltanwendung, wie z. B. „Androhung von Schlägen“ oder „Anschreien, Beschimpfen, Beleidigen“ ist vor allem in konservativen und bildungsbenachteiligten türkeistämmigen Familien gängig, wird aber nicht als Gewaltanwendung verstanden. Eltern, die systematisch ihre Kinder schlagen, gibt es in jedem Kulturkreis und in jedem Milieu. Es ist in diesem Kontext wichtig zu betonen, dass es Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen auch bei türkeistämmigen Eltern in Deutschland gibt, dies aber nicht die Regel darstellt. Im Folgenden sollen die gängigsten Bestrafungspraktiken vorgestellt werden, über die meine InterviewpartnerInnen gesprochen haben:

1. Ohrfeige

Ohrfeige ist die gängigste Form der Bestrafung, die von körperlicher Gewaltanwendung und Züchtigung gekennzeichnet ist. Der Stellenwert einer einfachen Ohrfeige in der Erziehung ist zentral und wird nicht als Gewalt definiert. Viele türkeistämmige Eltern teilen die Meinung, dass „ein, zwei Ohrfeigen in der Erziehung keinem Kind schaden würden“. Die schädigende Bedeutung wird aber wie oft unterschätzt.

2. Androhung von Schlägen

Die Androhung von Schlägen ist eine Vorphase zur Ohrfeige und wird immer wieder angewandt, um zunächst den Vollzug einer Ohrfeige oder weiterer Schläge zu verhindern. Das Androhen von Schlägen hat meistens einen unverbindlichen Charakter, weil es eher eine Redensart ist, d. h. Schläge werden unverbindlich und inflationär angedroht, ohne zunächst einmal dahinter zu stehen und unmittelbar konsequent einzusetzen, wenn das Kind sein Verhalten nicht korrigiert. Die inflationär angewendete Gewaltandrohung in der Erziehung ohne unmittelbare Konsequenz verliert den Bedrohungscharakter, und die Kinder gehen damit spielerisch um, ohne Angst zu haben. Inkonsequentes Handeln in der innerfamiliären Interaktion ist ohnehin für die in Deutschland lebenden türkischen Familien ein sehr ausgeprägtes Verhaltensmerkmal (Kagitcibasi 1996).

 
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