Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Jungen und Gewalt
< Zurück   INHALT   Weiter >

3. Mit Türkei drohen bzw. in die Türkei bringen

Bei sehr großen Verstößen und Fehlverhalten wird den Kindern damit gedroht, in die Türkei zu Verwandten gebracht zu werden. Eine Übersiedlung der Kinder in die Türkei erfolgt zwar in den seltensten Fällen. Aber es gibt immer wieder Beispiele dafür, dass die Kinder zeitweise in die Türkei gebracht werden, um mehr Disziplin und Ordnung zu lernen. Kinder und Jugendliche, die in Deutschland geboren und sozialisiert sind, haben große Schwierigkeiten, sich in der Türkei zurechtzufinden, insbesondere im schulischen Kontext, weil der Unterricht dort autoritär und auf das Auswendiglernen ausgerichtet ist. Die Eltern drohen vorsätzlich, die Kinder in die Türkei zu bringen, um die Angst der Kinder zu schüren, damit das gewünschte Verhalten erfolgt. Die Kinder werden in der Tat auch in die Türkei gebracht, wenn es große Schwierigkeiten in Deutschland gibt, wie z. B. Straffälligkeit oder das Nichterreichen des gewünschten Bildungsabschlusses. Sie werden in der Regel wieder nach Deutschland geholt, um nicht das Aufenthaltsrecht zu gefährden. Die Kinder sollen in vielen Fällen für immer in die Türkei gehen, aber wegen mangelnder Alternativen in der Türkei werden sie wieder nach Deutschland zurückgebracht.

4. Beleidigen, Anschreien, Beschimpfen

Das Beleidigen, Anschreien und Beschimpfen, nicht nur in Begleitung von Ohrfeigen und Schlägen, sind Erziehungsmittel, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Beleidigungen beziehen sich in den meisten Fällen auf die Männlichkeit bzw. Weiblichkeit, also Ehre jugendlicher Töchter und Söhne. Spätestens in der Adoleszenz müssen die Kinder ihre Rollen in der Gesellschaft erlernt und eingenommen haben. Wenn die Kinder sich diesen Rollen widersetzen, werden sie als unehrenhafte Kinder beschimpft. Mit dieser gezielten Beleidigung auf die Ehre wollen die Eltern auf ein vorbildliches Rollenverhalten in der Öffentlichkeit hinwirken.

5. Kontaktabbruch (anschweigen, ignorieren, nicht ansprechen bzw. nicht wahrnehmen)

Wenn die vier o. g. Maßnahmen nicht greifen, neigen viele Eltern dazu, ihre Kinder anzuschweigen, zu ignorieren, nicht anzusprechen bzw. nicht wahrzunehmen, um ihren Unmut über ihre Kinder zu demonstrieren. Diese psychologische Variante der Bestrafung ist keine gezielte Maßnahme, sondern resultiert in erster Linie aus der Hilflosigkeit der Eltern heraus. Wenn die traditionellen Maßnahmen nicht greifen und die verbalen Fähigkeiten der Eltern eingeschränkt sind, um ihre Kinder mit Argumenten zu überzeugen, ignorieren die Eltern ihre Kinder, weil sie überfordert sind. Diese unbewusste Bestrafung ist bei Eltern mit geringem Bildungsniveau äußerst populär und wirksam, da die Kinder verunsichert sind und den Dialog – häufig über die Mutter – suchen.

3.7 Zusammenfassung

Auch in der Migration wollen die konservativen und bildungsbenachteiligen türkeistämmigen Eltern lieber einen Sohn als eine Tochter haben. Aufgrund der einschneidenden Kürzungen sozialer Leistungen (Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe oder geringere Rente) im Zuge der Reformen in Deutschland, die auf die türkeistämmigen Eltern zukommen sind, werden die Jungen (wieder) als ökonomische Absicherung betrachtet. „Um sicher zu sein, dass im Alter jemand da ist, um mir zu helfen“ wird am häufigsten von türkeistämmigen Eltern für den Wunsch eines Sohnes genannt. Während aus Sicht der Eltern die Jungen immer zum elterlichen Haushalt – auch wenn sie geheiratet haben und ausgezogen sind – gehören, ist das bei den Mädchen nur bis zur Heirat der Fall.

Die wichtigsten Erziehungsziele, die die konservativen Migrantinnen und Migranten in der zweiten und dritten Generation auf ihre Kinder übertragen, sind von zwei elementaren Motiven gekennzeichnet: Der Zusammenhalt der Familie in der „Fremde“ und die persönlichen Erfolge der Kinder stehen im Mittelpunkt. Die zentralen Erziehungsziele erscheinen auf den ersten Blick als traditionell, werden aber in der Migration anders interpretiert als beispielsweise dies noch bei der ers-ten Generation der Fall war. Unabhängig vom Bildungsniveau und einem bereits vollzogenen oder möglichen sozialem Aufstieg – auch wenn sie unterschiedlich praktiziert werden – finden die Werte, „Respekt vor Autoritäten“, „Ehrenhaftigkeit“ und „Zusammengehörigkeit“, großen Zuspruch (Toprak 2012 oder Jäkel und Leyendecker 2009).

Bei der geschlechtsspezifischen Erziehung wird deutlich, dass die Jungen grundsätzlich anders erzogen werden als die Mädchen. Während die Mädchen sehr schnell und verbindlich gewisse Sachverhalte erlernen und bereits sehr früh ihre

„weibliche“ Rolle einnehmen müssen, geschieht das bei Jungen unverbindlicher: Dem Jungen wird viel nachgesehen, er erfährt sehr viel Vorlob, um eine Aufgabe zu erfüllen und es wird an seinem Willen appelliert. Die Anforderungen, die von der Mutter bzw. von den Schwestern an ihm herangetragen werden, muss er nicht erfüllen. Wenn der Vater oder der ältere Bruder etwas von dem Jungen will, bitten diese nicht darum, sondern befehlen ihm; dieser Aufforderung muss der Junge nachkommen.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften