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4.2 Soziale Rahmenbedingungen

Bei der Wahl des Wohnortes bevorzugen 80 % der Migrantinnen und Migranten Städte, die mindestens eine Einwohnerzahl von 100.000 aufweisen (Beauftragter der Bundesregierung 2002, 2007, 2012). Die Untersuchungsergebnisse der Bundesregierung zeigen, dass die großen Ballungszentren in den alten Bundesländern einen mehr als doppelt so hohen Migrantinnen- und Migrantenanteil aufweisen als die ländlichen Räume. Die spezifischen Gebiete haben einen niedrigen Sozialstatus und sind für die deutsche Bevölkerungsgruppe häufig unattraktiv (Beauftragter der Bundesregierung 2012).

Die zunehmende städtische Segregation hat dazu geführt, dass sich in bestimmten Stadtteilen junge Männer mit Zuwanderungsgeschichte konzentrieren, die keine Vorbilder mehr kennen, die zeigen könnten, dass man Achtung und Respekt auch ohne Gewaltanwendung erfahren kann. Im Gegenteil: Sie finden eine Art Ersatzfamilie bzw. eine zweite Familie, bestehend aus wenigen Freunden, die füreinander alles tun, unter Umständen sogar bis zur Gefährdung des eigenen Lebens. In vielen türkeistämmigen Familien haben die Kinder und Jugendlichen aufgrund der beengten Wohnräume kein eigenes Zimmer. Die spezielle Wohnsituation führt dazu, dass ihnen die Intimsphäre fehlt und sie wenig Eigenständigkeit üben können. Darüber hinaus haben sie in der Regel keinen eigenen Schreibtisch, sodas sie ihre Schulaufgaben oft nicht ungestört erledigen können. Unter diesen Bedingungen können die Leistungen in der Schule bzw. in der Berufsausbildung leiden. Ein anderes wichtiges Merkmal für die sozialen Rahmenbedingungen, die die Jugendlichen positiv bzw. negativ beeinflussen können, ist die Art der Erwerbstätigkeit bzw. Arbeitslosigkeit, und damit verbunden, die Armut der Eltern. Alle aktuellen Untersuchungen belegen, dass die muslimischen, vor allem aber die türkischen Migrantinnen und Migranten, am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind (Beauftragter der Bundesregierung 2012). Dementsprechend leiden auch insbesondere die Kinder der türkischen Migrantinnen und Migranten überproporti- onal unter der Einkommensarmut ihrer Eltern (BMFSFJ 2005).

4.3 Diskriminierungserfahrungen vs. Deutschenfeindlichkeit

Die Diskriminierungserfahrungen türkeistämmiger Jugendlicher bzw. junger Erwachsener können in zwei Bereiche unterteilt werden: Erstens „Diskriminierungserfahrungen im öffentlichen Raum“, also beispielsweise in Behörden, bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz, in der Schule oder bei Kontakten mit der Polizei, und zweitens „Diskriminierungserfahrung im privaten Bereich“, worunter deutsche Jugendgruppen, Discos, Nachbarschaft, Supermärkte, Sportvereine sowie Jugendzentren gefasst werden (Heitmeyer et al. 1997). Im öffentlichen Raum fühlen sich türkeistämmige Jugendlichen deutlich stärker benachteiligt als im privaten Bereich (Toprak und Nowacki 2012).

Andererseits weist die Analyse des Anzeigeverhaltens gegenüber den Jugendlichen mit Migrationshintergrund in eine andere Richtung. Jünschke (2003) stellt in seiner Untersuchung fest, dass 90 % aller Anzeigen aus der Bevölkerung kommen, während nur knapp zehn Prozent auf polizeiliche Kontrolltätigkeit zurückzuführen sind (Jünschke 2003). Dass in der öffentlichen Meinung verankerte Vorurteil, jugendliche Migrantinnen und Migranten seien krimineller, verbunden mit der fehlenden Verfügbarkeit eines informellen Lösungsvorgangs des Problems (ohne Polizei, Staatsanwalt) mit den Jugendlichen oder deren Eltern, trägt dazu bei, dass die jugendlichen Migrantinnen und Migranten schneller angezeigt werden als ihre deutschen Altersgenossen.

Aus den Ausführungen von Jünschke (2003) wird darüber hinaus deutlich, dass die Polizeibeamtinnen und -beamten und die privaten Kaufhausdetektivinnen und

-detektive Kinder und Jugendliche, deren Eltern aus den Ländern rund um das Mittelmeer kommen, eher und häufiger kontrollieren als alle anderen.

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen stellt in seinen Befragungen von Jugendlichen der neunten Klasse aller Schultypen nach ihren Gewalterfahrungen fest, dass das Anzeigen Jugendlicher mit ausländischem Aussehen häufiger ist als das Anzeigen einheimischer deutscher Jugendlicher: „Wie schon 1998 […] zeigt sich auch im Jahr 2000, dass jugendliche Opfer Delikte von Tätern ihnen fremd erscheinender Ethnien mit 24,5 % etwa zu einem Sechstel häufiger anzeigen als dann, wenn die Täter ihrer eigenen ethnischen Gruppe angehören.“ (Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen 2002, S. 28; Baier et al. 2009, 2010).

Insbesondere Jugendliche ohne deutsche Staatsbürgerschaft machen häufig Diskriminierungserfahrungen. Denn über jede Anzeige gegen Menschen ohne einen deutschen bzw. EU-Pass wird die zuständige Ausländerbehörde seitens der Staatsanwaltschaft bzw. der Polizei informiert, unabhängig davon, was aus dieser Anzeige wird. Etwa die Hälfte der Anzeigen wird von der Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolgt (Jünschke 2003). Das Melden der Anzeigen an die Ausländerbehörde hat aber für Jugendliche ohne einen deutschen Pass gravierende Folgen, weil sie eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis beantragen müssen und diese nicht ausgestellt werden, wenn ein Verfahren offen ist.

Parallel zu Diskriminierungserfahrungen der Migrantenjugendlichen wird seit geraumer Zeit vermehrt das Phänomen der „Deutschenfeindlichkeit“ beklagt, besonders an Schulen mit einem hohen Anteil „ausländischer“ Schüler. In der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft für Erziehungswissenschaften in Berlin wurde hierzu ein Artikel von Posor und Meyer (2009) veröffentlicht. Die Autoren führen an, dass aufgrund hoher Bildungssegregation bestimmte Schulen, z. B. in BerlinKreuzberg oder Neukölln, einen überproportional hohen Ausländeranteil aufweisen. Hier käme es zu Beschimpfungen und einer ablehnenden Haltung gegenüber deutschen Schülern. Die einschlägigen Studien (exemplarisch Spindler 2006; Toprak und Nowacki 2012 oder Beier et al. 2010) weisen nach, dass gewalttätige oder gewaltbereite Jugendliche Vorurteile gegenüber sog. „Biodeutsche“ haben. Dabei wird deutlich, dass gerade die Jugendlichen, bei denen die Vorurteile sich sehr verfestigt haben, kaum private Kontakte zu „Biodeutschen“ pflegen. Ein Interview, dass der Verfasser im Rahmen einer Studie aus dem Jahre 2012 geführt hat, ist sehr aussagekräftig. „Ja, ich finde Deutsche sind komische Menschen. Die sind nicht gläubig, die denken nur an sich, die helfen sich nicht untereinander, wenn sie Probleme haben. (…) Ehrlich gesagt, habe ich kein Kontakt zu Deutschen. Nur wenn ich zu Behörde muss oder zum Arzt. Privatkontakte habe ich nicht. Ich habe auch keine deutsche Freunde oder so.“ (Anwar, 17 Jahre, aus Toprak und Nowacki, S. 62) Der Jugendliche hat zwar keine Kontakte zu „einheimischen“ Deutschen – abgesehen von Arztbesuchen oder Behördengängen –, aber er vertritt eine Meinung, die von Vorurteilen und Stereotypen geprägt ist. Um das Phänomen „Deutschenfeindlichkeit“ plastisch darzustellen, kann die Biografie von Anwar hilfreiche Erkenntnisse liefern.

 
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