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Warum Deutschenfeindlichkeit?

Die Eltern von Anwar sind Kurden und stammen ursprünglich aus dem Irak. Die Familie ist Ende 1990 über die Türkei, Griechenland, Italien und Österreich nach Nürnberg gekommen. Hier stellt die Familie einen Antrag auf Asyl und wird durch die gängige Praxis im Asylgesetzverfahren nach München verlegt. Auf der Flucht hatte die Familie zwei kleine Kinder dabei, Anwar (1993) und seine jüngere Schwester (1996) kommen in München auf die Welt. Im ersten Verfahren wird dem Antrag auf politisches Asyl nicht stattgegeben. Die gesamte Familie steht kurz vor der Abschiebung in den Irak. Daraufhin taucht sie unter und lebt zwei Jahre lang in der Illegalität. In dieser Zeit können die Kinder keine Schule besuchen. Nachdem der Vater weitere Beweise vorlegen kann, dass er im Irak systematisch gefoltert wurde, wird der Familie im Jahre 2000 Asyl gewährt.

Das Leben im Asylbewerberwohnheim Zwei Wochen nach der Ankunft der vierköpfigen Familie in Nürnberg wird sie in ein Asylbewerberwohnheim nach München verlegt. Der Freistaat Bayern ist allgemein dafür bekannt, im Umgang mit Asylbewerbern rigide vorzugehen. Bayern ist z. B. das erste Bundesland, das Asylbewerbern kein Geld aushändigt, sondern geldwerte Sachleistungen (wie Lunchpakete) anbietet. In ganz Deutschland ist es gängige Praxis, dass Asylbewerber, bis über ihr Verfahren entschieden wurde, nicht arbeiten dürfen. Ein Verfahren durch mehrere Instanzen kann sich viele Jahre hinziehen. Außerdem dürfen die Asylbewerberinnen und Asylbewerber den Landkreis, in dem sie untergebracht sind, nicht verlassen; ansonsten machen sie sich strafbar. In den ersten fünf Jahren muss die Familie unter diesen schwierigen Bedingungen leben. Anwar kommt in München im Asylbewerberheim auf die Welt. Wie er berichtet, nimmt die Mutter weder während der Schwangerschaft noch bei der Geburt medizinische Hilfe in Anspruch. Die Geburt verläuft trotzdem ohne größere Komplikationen. Die ersten Lebensjahre von Anwar sind davon geprägt, dass seine Eltern mit den Behörden um die Anerkennung als politische Flüchtlinge ringen. Die Unterlagen, die der Vater beibringt, werden als Beweisstücke entweder nicht anerkannt oder als nicht ausreichend betrachtet. In dieser Phase erlebt die Familie die Behörden als unkooperativ und ungerecht.

Auch das Leben im Wohnheim ist nicht einfach. Die Familie lebt auf engstem Raum mit zwei kleinen Kindern und einem Baby. Bad und Sanitäranlagen müssen mit anderen Bewohnern geteilt werden. Der Antrag auf eine größere und separate Wohneinheit wird mit Verweis auf die Warteliste abgelehnt. Um die Lage etwas zu verbessern, versucht der Vater illegal zu arbeiten, zunächst als Lagerarbeiter bei einem türkischen Gemüsehändler. Als er bei einer Polizeirazzia beinahe entdeckt wird, quittiert er den Job. Die Arbeit hat dem Vater und der Familie nicht nur finanziell gutgetan, sondern auch ideell, da er das Gefühl bekommt, wieder gebraucht zu werden. Die Wut auf die deutschen Behörden wächst in dieser Phase.

Das Leben in der Illegalität Die schwierigste Phase der Familie beginnt mit einem Gerichtsurteil:Nach mehr als fünf Jahren Aufenthalt im Asylbewerberwohnheim wird der Antrag der Familie auf politisches Asyl abgelehnt. Mittlerweile ist die Familie gewachsen, ein weiteres Kind ist auf die Welt gekommen. Die Familie taucht unter und lebt nun in der Nähe von München bei Verwandten. Vor allem die älteren Geschwister von Anwar leiden unter dieser Situation, weil sie nicht mehr in die Schule gehen können. Auch Anwar kann deshalb nicht eingeschult werden. Mit ca. sieben Jahren kann er kaum Deutsch, obwohl er in München geboren wurde. Die Erwachsenen leben in stetiger Anspannung aus Angst, entdeckt zu werden. Um nicht aufzufallen, müssen sie öfter ihren Aufenthaltsort wechseln. Die zwei Jahre in der Illegalität prägen die Familie sehr:Misstrauen gegen Nachbarn, Behörden und Bekannte, Ohnmacht und Hilflosigkeit gehören zum Alltag. Nach zwei langen Jahre in der Illegalität wird das Abschiebeverfahren gegen die Familie aufgehoben. Erst im Nachhinein erfährt sie, dass sie gar nicht hätte untertauchen müssen, weil das Gerichtsurteil nicht rechtskräftig war. In der nächsten Instanz wird dem Antrag des Vaters stattgegeben und die gesamte Familie erhält eine offizielle Aufenthaltserlaubnis.

Durch diese Umstände wird Anwar erst mit acht Jahren eingeschult. Er ist nicht nur der Älteste in der Klasse, sondern auch der Einzige, der keinen Kindergarten besucht hat. Aufgrund seiner schlechten Deutschkenntnisse hat er Schwierigkeiten, den Anschluss an die anderen Kinder zu schaffen. Trotzdem schließt er die Grundschule in der Regelzeit ab und kommt später in eine Hauptschule.

Das Leben als anerkannte Asylbewerber Anwars Eltern erhoffen sich viel von der neuen Situation. Schließlich verfügen beide über eine Berufsausbildung:der Vater hat im Irak ein Ingenieurstudium abgeschlossen (vergleichbar mit Maschinenbau in Deutschland), die Mutter ist Hebamme. Vor allem der Vater macht sich große Hoffnungen, in seinem Beruf arbeiten zu können. Während des Aufenthalts im Wohnheim lernt der Vater nicht nur Deutsch, sondern bringt auch sein Fachwissen auf den aktuellen Stand. Aber seine Ausbildung wird von den Behörden nicht anerkannt und so wird er auf dem Arbeitsmarkt als „ungelernte Arbeitskraft“ registriert. Er tut sich schwer, eine Arbeit zu finden, die seinen Qualifikationen entspricht. Er zeigt sich flexibel, sodass er über eine Zeitarbeitsfirma schnell einen Job findet, wird aber immer wieder arbeitslos. Erst seit zwei Jahren hat er eine regelmäßige und sichere Arbeit bei einem mittelständischen Bauunternehmen. Die Mutter kann ihren Beruf als Hebamme nicht ausüben; sie arbeitet kontinuierlich als Reinigungskraft.

Die Zeit in der Illegalität bringt auch für die Kinder große Einschnitte. Die zwei älteren müssen abrupt von der Schule genommen werden und pausieren fast zwei Jahre, Anwar wird gar nicht erst eingeschult. Alle drei schulpflichtigen Kinder verlieren den Anschluss. Nur das zweitälteste Kind, ein Mädchen, erwirbt später den Hauptschulabschluss und wird Friseurin. Anwar und sein älterer Bruder gehen ohne Schulabschluss von der Schule und haben keine Berufsausbildung. Das jüngste Kind schließlich erlangt später die Mittlere Reife.

Anwars Vorbehalte und sein Misstrauen gegenüber „Deutschen“ – präziser ausgedrückt: gegenüber den deutschen Behörden – verfestigen sich bereits in der Zeit, als die Familie illegal in der Nähe von München lebt. Es belastet ihn sehr, dass er nicht wie seine Altersgenossen in die Schule gehen darf. Er gibt den Behörden und später den Lehrkräften die Schuld, dass er keinen Abschluss macht. Er begründet das damit, dass er in der falschen Schule (eine Hauptschule mit sehr vielen Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien) gelandet ist und dadurch das Interesse am Lernen schnell verloren hat. In der Tat ist der Besuch der Hauptschule für Anwar einschneidend. Denn trotz der schwierigen Situation in der Grundschule kommt er mit dem Lernstoff gut zurecht. Obwohl sein Abschlusszeugnis auch den Besuch einer Realschule rechtfertigen würde, kommt er auf Empfehlung seiner Lehrer in die Hauptschule. Sehr bald verliert er das Interesse an der Schule, weil er die Ungerechtigkeit seiner Grundschullehrer nicht verkraftet. Ab der sechsten Klasse bleibt er öfter von der Schule fern und macht immer seltener seine Hausaufgaben. Er wird bereits mit zwölf Jahren strafrechtlich auffällig, wird aufgrund seines Alters aber nicht zur Verantwortung gezogen.

Die institutionelle Diskriminierung, die er und seine Familie erlebt haben, überträgt er in seinem Alltag auf die „deutschen“ Kinder und Jugendlichen. Wenn er „ungerecht“ behandelt wird, zieht er sich auf die Position des „benachteiligten Ausländers“ zurück. Ab der siebten Klasse schließt er sich in der Schule einer Clique an, die ausschließlich aus Jungen mit Migrationshintergrund besteht. In der Klasse gibt es zu diesem Zeitpunkt nur fünf Kinder aus „deutschen“ Familien. Anwar beschreibt die Situation der „Minderheitengruppe“ wie folgt: „Am Anfang war es schon lustig. Wir waren in der Klasse fünfundzwanzig und nur fünf davon Deutsche. Erst haben die türkischen Schüler untereinander Türkisch geredet. Dann haben wir gemerkt, oh, das stört die Deutschen. Es hat schon Spaß gemacht, wenn die nix mitbekommen haben. (…) Ja, dann haben sie uns bei den Lehrern gepetzt.

Und die Lehrer haben uns Strafen gegeben. Okay, wir haben gesagt, scheiß auf die Deutschen, dann haben wir sie noch mehr geärgert. (…) Ja, wir haben die auch schon ziemlich beleidigt. Wir haben denen auch Scheiß-Deutsche gesagt. Die haben uns aber immer Scheiß-Kanaken oder Klein-Kurdistan gesagt. Die konnten halt nix machen, weil wir mehr waren. Die hatten halt keine Chance gegen uns. Ich muss sagen, ich habe immer als Erster mitgemacht. Ich muss sagen, ich wollte alles wieder zurückzahlen, was die Deutschen mit unserer Familie gemacht haben.“ Auch wenn hier eine gewisse „Deutschenfeindlichkeit“ zu spüren ist, fallen zwei wichtige Erkenntnisse ins Auge. Erstens trifft eine Mehrheit (Migrantenjugendliche) auf eine Minderheit (Deutsche). Wenn Mehrheiten auf Minderheiten treffen, liegt es nahe, dass die Mehrheit ihre Macht ausspielt und die Minderheit benachteiligt. Dass die Machtausübung in Beleidigung, Gewalt, Mobbing, Ausgrenzung oder in „Deutschenfeindlichkeit“ ausartet, sind jugendspezifische und jugendkulturelle Verhaltensweisen, die pädagogisch ganz gut aufgearbeitet werden können. Wie in Anwars Biografie deutlich wurde, übertragen – zweitens – Jugendliche institutionelle und persönliche Diskriminierung auf unbeteiligte Dritte, um sich besser zu fühlen.

Auch in der repräsentativen Befragung von Jugendlichen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen von Baier et al. (2010) ist zunächst eine gewisse Deutschenfeindlichkeit zu erkennen. So berichtet z. B. die Gruppe der türkeistämmigen Jugendlichen häufiger von Übergriffen auf „ Deutsche“. Allerdings konnte ebenfalls gezeigt werden, dass ein enger Zusammenhang zwischen eigenem gewalttätigem Verhalten gegenüber „Deutschen“ und selbst erlebten Übergriffen aufgrund der Migrationsgeschichte besteht. Die Diskriminierung ist also keine einseitige. Außerdem wurden „Deutsche“ als Nachbarinnen und Nachbarn von den türkeistämmigen Jugendlichen als relativ beliebt beschrieben, während umgekehrt „deutsche“ Jugendliche türkeistämmige Nachbarn als äußerst unbeliebt einstuften. Hier zeigen sich Probleme zwischen der „deutschen“ Mehrheitsgesellschaft und den türkeistämmigen Migrantinnen und Migranten. Bereits Tajfel (1982) beschreibt die Bedeutung der sozialen Identität, bei der die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe die eigene Wertung bestimmt. Damit geht eine Abwertung der anderen Gruppen einher, was durch knappe materielle Ressourcen noch verstärkt wird. In der Literatur wird insgesamt auf die Vielfältigkeit von Ursachen im Hinblick auf eine sogenannte „Deutschenfeindlichkeit“ verwiesen und deutlich gemacht, dass insbesondere soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten dieser Gruppe von Migranten deviantes Verhalten begünstigen (Baier et al. 2010; Toprak und Nowacki 2012; Posor und Meyer 2009). Dass die Probleme der Jugendlichen und Heranwachsenden mannigfaltig sind, belegen auch die oben genannten einschlägigen Studien. Interventionen bezüglich Gewalt und Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund müssen entsprechend zum einen an den sozialen Problemen allgemein ansetzen und zum anderen spezifische pädagogische Ansätze im Umgang mit den Jugendlichen und ihren Familien berücksichtigen. Die Förderung einer positiven Identifizierung auch mit der deutschen Kultur und einer Partizipation am sozialen und wirtschaftlichen Leben sind wichtige Ziele.

 
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