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Salafismus – als attraktive Gegenbewegung zu gängigen Jugendkulturen

Im Vorfeld muss betont werden, dass in Deutschland ca. vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens leben und Salafisten in Deutschland eine sehr kleine Splittergruppe darstellen, deren Anzahl aber laut Verfassungsschutz und Experten schnell steigt. Die Szene ist nicht homogen, es gibt eine Vielzahl an Netzwerken, Namen, Bündnissen, Internetpräsenzen und damit einhergehend eine Vielzahl an Interessen, neuen Bündnissen und Verwerfungen (Dantschke 2014, S. 172). Die Anzahl der politischen Salafisten wird in Deutschland auf ca. 6000 Personen geschätzt (Dantschke 2014, S. 179).

Wie oben erwähnt, sind nicht alle politischen Salafisten auch gewaltbereit. Aus der Heterogenität der Szene und den oben aufgeführten Typen wird klar, dass nicht alle salafistischen Gruppierungen Gewalt als Mittel legitimieren. Wir glauben, dass dieses Risiko vorhanden und nicht zu unterschätzen ist. Dennoch scheint der Salafismus auch die Funktionen einer Jugendkultur zu erfüllen. Die entscheidende Frage lautet: Warum finden immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland den Salafismus so attraktiv, obwohl seine Ansichten sehr rigide bzw. radikal sind, er auf eine Rekonstruktion von altvorderen Lebensweisen aus ist und im Grunde all das verbietet, was junge Menschen unter Spaß verstehen?

Aus der Jugendforschung ist längst bekannt, dass Heranwachsende in der Adoleszenz auf der Suche nach Orientierung sind. Finden Jugendliche in dieser Orientierungsphase den Salafismus aus intrinsischen Motiven identitätsstiftend? Oder ist bei der die Hinwendung zum Salafismus eine extrinsische Motivation wirksam? Werden die Jugendlichen in ihrer Orientierungsphase bewusst angesprochen? Nach Auswertung der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur können aus Sicht des Autors vier zentrale Bedingungen identifiziert werden, die den Weg zum Salafismus ebnen können. Im Folgenden sollen diese Bedingungen vertieft werden.

4.8.1 Identität und Zusammengehörigkeit

In der Phase der Adoleszenz sind die Jugendlichen auf der Suche nach Orientierung und Freundschaften. In der Jugend-Survey Baden-Württemberg geben 86 % der Jugendlichen an, mindestens zwei gute Freundinnen und Freunde zu haben.

Über 50 % geben an, weitere Freunde oder Freundinnen kennenlernen zu wollen (Jugend-Survey 2012, S. 12). Freundschaften, die auf engen und langfristigen Verbindungen basieren, zeichnen sich durch ein mit der Zeit entwickeltes Muster von Gegenseitigkeiten aus. Die Freundschaft wird getragen durch Prozesse des Bindens und Lösens, der Umdeutung und Neuorientierung (Nötzold-Linden 1994,

S. 94). Laut Altmann (2010) nimmt eine zentrale Rolle im Kontext von Festigung oder Lösung einer Freundschaftsbeziehung die Regulation ein. Demnach umfasst Beziehungsregulation die Aspekte, warum, wie und mit welchen Auswirkungen Freunde ihre individuellen Perspektiven koordinieren. Vor allem aber Jungen tendieren im Kindes- und Jugendalter häufiger als Mädchen zu Diskrepanzen in der Bewertung der Intensität gemeinsamer Aktivitäten.

Unter Jugendlichen scheint die Zugehörigkeit in eine bestimmte Gruppe, im Kontext von Freundschaften, von zentraler Bedeutung zu sein. Jugendliche nichtdeutscher Herkunft, vor allem aber die Jungen, messen den informellen Peergruppen, wie auch bei deutschstämmigen Jugendlichen zu beobachten ist, eine besondere Bedeutung zu. Den Peers oder Freundeskreisen wird auch deshalb starker Einfluss auf Sozialisations- und Bildungsprozesse beigemessen, weil es plausibel erscheint, dass Gleichaltrige die Wahrnehmungen, Bewertungen und Deutungen besser nachvollziehen können als Erwachsene. Und der emotionale Rückhalt verschafft den Mitgliedern der Peers die Möglichkeit, Distanz zu Institutionen herzustellen (Scherr 2010, S. 82). Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund tritt der Prozess der Gruppenbildung verstärkt und verfrüht auf, da zur gesellschaftlichen, auch die kulturelle Umorientierung hinzukommt. Das ist deshalb so, weil die Widersprüche der eigenen Situation durch Bedingungen wie Arbeitslosigkeit, schlechte Voraussetzungen für das Berufsleben sowie Diskriminierung vehementer erlebt werden und die Eltern oft nicht in der Lage sind, Identifikationsmöglichkeiten für eine angemessene Lebensweise und Zukunftsorientierung zu bieten. Diese Grundannahme kann, vor allem aber bei muslimischen Jungen, die Orientierung in die salafistischen Gruppierungen begünstigen. Hinzu kommt, dass die gesellschaftlichen Bedingungen komplexer und unübersichtlicher werden, sodass die Jugendlichen in der Orientierungsphase einfache und klare Antworten auf komplexe Fragen erwarten. Genau an diesem Punkt setzen die salafistischen Prediger, wie Pierre Vogel[1], an. In seinen Videobotschaften spricht er die Sprache der Jugendlichen und gibt einfache und klare Antworten auf die „scheinbar“ komplizierten und komplexen Fragen, die aber die Jugendlichen interessieren. Reduktion ist die oberste Botschaft, denn die Welt wird in Gut und Böse aufgeteilt, es existiert eine „Schwarz-Weiß-Welt“, Zwiespalt existiert nicht. Die Salafisten, die die Wahrheit kennen, gehören zu den Guten. Der Koran ist immer wieder als Nachschlagewerk in Videos präsent, daraus wird immer wieder zitiert: denn der Islam ist ein klares Regelwerk, dem man nur folgen muss. Die Botschaften sind einfach und verständlich: an Gottes Wort ist nicht zu rütteln; für alle lebenspraktischen Situationen lassen sich aus dem Koran eindeutige Vorgaben ableiten (Nordbruch et al. 2014, S. 364). Begriffe, wie „aber“, „könnte“ oder „vielleicht“ kommen in den Videobotschaften von Salafisten nicht vor. Die Ansprachen beginnen immer wieder mit den Refrains bismillahirahmanirahim (im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen) sowie „meine Brüder und meine Schwestern“, um den Jugendlichen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu signalisieren und zu unterstreichen, dass sie einen zentralen Teil einer festen Gemeinschaft darstellen.

Um das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Muslimen zu markieren, engagieren sich die salafistischen Gruppierungen für die Interessen und Rechte der Muslime in Deutschland. Dadurch unterscheiden sich die salafistischen Initiativen aus Sicht der Jugendlichen von etablierten Verbänden, deren Aktivitäten für Jugendliche kaum sichtbar sind (Nordbruch et al. 2014, S. 365). Außerdem sind die salafistischen Gruppierungen und Initiativen sehr heterogen. Es ist nicht so, dass sich die sog. Verlierer der Gesellschaft in der salafistischen Szene für sich eine neue Heimat gefunden haben. Studierende, Mädchen, Jugendliche ohne Migrationshintergrund, Konvertiten oder aber Gangster-Rapper zählen zu Anhängern des Salafismus, auch wenn deren Anzahl gering einzuschätzen ist.

Laut Nordbuch et al. (2014) gibt es fünf zentrale inhaltlich-thematische Gründe, welche vom Verfasser inhaltlich ergänzt wurden, warum Salafismus für einen Teil der Jugendlichen und junge Erwachsene attraktiv ist: Wissen, Wahrheit, Gehorsam, Gemeinschaft und Gerechtigkeit.

Wissen Wie oben betont, kennen die salafistischen Prediger und Initiativen die Sprache der Jugendlichen. Hier unterscheiden sie sich grundlegend von den etablierten religiösen Einrichtungen, deren Lernmethode ausschließlich auf das Auswendiglernen der Suren aus dem Koran gerichtet ist. Pierre Vogel beispielsweise gibt in seinen Botschaften ganz praktische Antworten auf die Fragen der Jugendlichen, ob z. B. Jungen im Vorfeld der Eheschließung Sex haben dürfen, ob man Hanys oder MP3-Player nutzen darf, ob man mit Tätowierung beten darf oder aber geheiraten werden muss etc. Dieses Wissen, was die Jugendlichen interessiert, ist die zentrale Ansprache im Internet oder aber in den öffentlichen Vorträgen und Kundgebungen.

Wahrheit Salafisten und salafistische Prediger nehmen für sich in Anspruch, die Wahrheit zu kennen. Die Welt wird in moralisch und unmoralisch oder falsch und richtig aufgeteilt. Wiedersprüche, Differenzierungen oder aber Schattierungen sind nicht vorgesehen. Für aufgeklärte Gesellschaften und Demokratien klingt das weltfremd und technokratisch. Aber für Jugendliche mit wenig Selbstwertgefühl kann das attraktiv sein, weil es Individuen entlastet, Dinge zu hinterfragen und auszuhandeln; ein Prozess, der Jugendliche immer wieder überfordert. Aus Sicht der salafistischen Denkweise ist die Wahrheit ganz einfach:Wenn der Mensch sich gottgefällig verhält und agiert, stehen ihm die Tore offen für ein Leben im Paradies.

Gehorsam Wie in den Erziehungszielen der Konservativen Eltern beobachtet werden konnte, spielt Gehorsamkeit eine zentrale Rolle. In der Jugendphase ist es üblich und typisch, den Entscheidungen der Erwachsenen oder Autoritäten zu widersprechen oder aber die Grenzen auszutesten. Diese Phase ist zwar in allen Jugendkulturen zu beobachten, aber es ist auch als anspruchsvoll zu bewerten. Der Salafismus nimmt dem Individuum die Last ab, um die eigene Identität in mühsamem Prozess des Aushandelns mit den Peers, Einrichtungen und Eltern zu entwickeln. Die oberste Maxime ist:gehorsam gegenüber Gott tritt an die Stelle der Fragen, wie man selbst leben möchte.

Gemeinschaft Um auch semantisch die Bedeutung von Gemeinschaft zu betonen, werden Jugendlichen oder Gleichgesinnte als Bruder oder Schwester angesprochen. Hier teilt man nicht nur den gemeinsamen Glauben, sondern auch viele andere Dinge, wie z. B. Solidarität in Notzeiten, ein soziales Netzwerk, in dem man aufgefangen wird. In dieser Gemeinschaft haben Mädchen und Jungen ganz klare vordefinierte Rollen zu erfüllen:der Mann ist der große Bruder, er ist nicht nur der Ernährer der Familie, er ist gleichzeitig der Beschützer und der Repräsentant nach außen, d. h. der Mann trägt die Verpflichtung und Verantwortung für den Unterhalt seiner Familie und seiner Frau. Die Frau, in der Semantik der Salafisten die Schwester, ist in der Regel für die Erziehung und Bildung der Kinder sowie für die Haushaltsführung zuständig und ist die emotionale Stütze, damit die Gemeinschaft gut funktioniert. Auf dem ersten Blick klingt es paradox. Aber ausgerechnet diese vereinfachten rudimentären Geschlechterrollenzuweisungen machen Salafismus für einige Mädchen attraktiv. Denn ihnen wird signalisiert, dass sie für das Wohlergehen der Gemeinschaft gebraucht werden und eine zentrale Stütze sind.

Gerechtigkeit Die zentrale Botschaft der Salafisten besteht darin, dass sie immer wieder betonen, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen. Denn Salafisten ist es bewusst, dass viele Jugendliche, vor allem aber Jugendliche mit muslimischem

Hintergrund, sich im gesellschaftlichen Leben ungerecht behandelt fühlen. Auch globale Themen, wie Afghanistan; Syrien oder Irak, werden aufgegriffen, um für die Rechte der Muslime zu kämpfen. Salafisten befassen sich nicht mit den komplexen Zusammenhängen solcher Konflikte. Diese Konflikte werden als Recht und Unrecht definiert, und sie schlagen sich auf die Seite der Muslime, denen Ungerechtigkeit wiederfährt. Sei es in globalen Konflikten als auch in alltäglichen Ungerechtigkeiten, schlagen sich die Salafisten auf die Seite der Muslime und kämpfen für deren Angelegenheiten. Muslime werden zu Opfern der westlichen Welt stilisiert.

  • [1] Pierre Vogel (geb. 1978) wird als eines der einflussreichsten Prediger der salafistischen Szene beschrieben. Er wurde als Kind evangelisch getauft, konvertierte aber 2001 zum Islam. Er hat zwar Abitur, aber ein Studium, das er begonnen hat, hat er nicht abgeschlossen
 
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