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4.8.2 Protest und Provokation

Soziale Protestbewegungen werden nicht nur mit der Jugend in Verbindung gebracht. Vielmehr werden sehr viele soziale Bewegungen sogar als Jugendbewegungen bezeichnet (Roth und Rucht 2000, S. 14), wie auch aus dem folgenden Beispiel entnommen werden kann: „Dann kamen die Gammler. Sie probten keinen Aufstand, sie erhoben sich nicht. Sie legten sich nieder und schlugen nicht zu. Die jungen Helden waren müde. Sie kreierten die langsamste Jugendbewegung aller Zeiten: den Müßiggang.“ (Der Spiegel 1966, zit. nach. Geiling 2000, S. 165) Das exemplarische Zitat zeigt, dass Jugendliche gegenüber sozialen Probleme oder Missstände immer sensibilisiert waren und auf ihre Art darauf reagiert haben, und zwar durch Protest. Die sogenannten Gammler (sie wurden damals in der Tat so bezeichnet) wollten mit ihrem Protest zum Ausdruck bringen, dass sie von Bürgerlichkeit, Fleiß, Karriere und Ordnung nicht viel gehalten haben. Der damalige Bundeskanzler Erhard hat betont: „Solange ich regiere, werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören.“ (Der Spiegel 1966, zit. nach. Geiling 2000, S. 165) Die Gammler wurden in den 1980er-Jahren von Punks abgelöst. Bei beiden Protestbewegungen schieden sich die politischen Geister. NPD schlug vor, das Problem im Sinne des gesunden Volksempfindens zu lösen (Geiling 2000, S. 165). Ende der 1960-er und die 1970er-Jahre waren geprägt von sexueller Revolution: die Forderung nach sexueller Freiheit stieß bei 1968-er Studentenbewegung auf großes Interesse. Der Wunsch nach sexueller Freiheit war auch die Antwort auf die prüde Sexualmoral der 1950er und ist als Protest zu bezeichnen.

Diese kurze Ausführungen markieren zwei zentrale Aspekte: 1) Jugendliche und junge Erwachsene haben immer auf soziale Aspekte, Missstände oder Rahmenbedingungen reagiert, in dem sie auf ihre Art protestiert und/oder provoziert haben. 2) Jugendliche oder junge Erwachsene waren und sind immer politisch, auch wenn das aktuell anders wahrgenommen wird. Ein Thema muss so ausgreift sein, dass es die Jugendlichen interessiert.

Es kann zwar nicht die These erstellt werden, dass der Salafismus viele Jugendliche bewegt und somit zu einer sozialen Protestbewegung reift. Aber innerhalb der Subkultur hat der Salafismus durchaus das Potential als Protestbewegung wahrgenommen zu werden. Der Zungenkuss auf der Parkbank, bauchfreies Oberteil untermalt mit Piercing, grün oder lila gefärbtes Haar oder aber händchenhaltendes gleichgeschlechtliches Paar gehören zum alltäglichen Straßenbild in Deutschland. Selten dreht man sich bei solchen Bildern um, geschweige denn Menschen, Politik und Medien gehen auf Barrikaden. Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass solche Bilder ein Teil des Mainstreams geworden sind. Ein Protest ist dann wirksam, wenn er von einer Provokation flankiert wird, wie z. B. Sex, Drogen oder wie jüngst Islamfeindlichkeit bei Pegida. Sex und Drogen scheinen den Mainstream aber nicht mehr zu provozieren. An dieser Stelle eignet sich der Salafismus als Protestbewegung deshalb, weil er als Gegenbewegung zu Kommerz und Konsum wahrgenommen wird. Denn die selbstangeleitete Askese, Verzicht auf überzogenen Konsum und voreheliche sexuelle Enthaltsamkeit (für beide Geschlechter), scheint für Jugendbewegungen nicht typische Indikatoren für Provokation zu sein. Jugendliche und junge Erwachsene, die den Salafismus attraktiv betrachten, müssen nämlich auf alles verzichten, was in der Adoleszenz mit Spaß und Grenzen testen in Verbindung gebracht wird: Alkoholkonsum, neue Mode, sexuelle Orientierung, Partnersuche, Feier/Partys und auch Drogen. Salafisten provozieren, indem sie freiwillig darauf verzichten. Präziser formuliert: Salafismus funktioniert in Deutschland als Provokation deshalb sehr gut, weil er zwei zentralen Errungenschaften der deutschen Gesellschaft und den aufgeklärten und progressiven muslimischen Milieus widerspricht: Zivilisation und Geschlechterbilder.

Zivilisation Oben wurde oftmals betont, dass die salafistische Ideologie sehr rückwärtsgewandt ist. Der Islam des 7. Und 8. Jahrhunderts wird in einer zivilisierten Gesellschaft praktiziert, der nicht praktikabel erscheint. Denn die Bedingungen des achten Jahrhunderts waren nun mal andere als die des 21. Jahrhunderts. Diese Auslegung der Religion ist, neben der deutschen Mehrheitsgesellschaft, vor allem für progressive und moderne Muslime eine Provokation, weil die Salafisten den Islam sehr eng auslegen und den Andersdenkenden und anders Praktizierende das Muslimsein absprechen. Weil die Salafisten die Ideologie des Urislam auch bildlich umsetzen, fallen sie im Straßenbild umso mehr als Provokation auf. Die Männer tragen den nicht gestutzten Bart lang, rasieren sich nicht, ziehen lange Gewänder an, die in Lebzeiten von Mohammed üblich waren. Frauen verhüllen sich in Ganzkörperbedeckung, bedecken den Kopf und das Gesicht sehr streng und zeigen sich in der Öffentlichkeit selten. Der öffentliche, selbstbewusste und aggressive Auftritt trägt dazu bei, dass Salafisten als Provokation empfunden werden.

Geschlechterbilder Sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch unter progressiven Muslimen haben sich die anachronistischen Geschlechterbilder, die von Salafisten praktiziert werden, längst ausgedient. Diese stereotypen Geschlechterrollen, in denen der Frau Haushalt und Kindererziehung und dem Mann Erwerbstätigkeit und Versorgerrolle zugewiesen wird, schienen überwunden zu sein. Dass vor allem Mädchen und junge Frauen diese überwunden geglaubten Geschlechterrollen attraktiv finden, provoziert progressive und moderne Frauen. Einige junge Frauen finden deshalb diese Geschlechterrollenzuweisung attraktiv, weil sie Orientierung bietet, in dem sie keine Gegenmodelle anbietet:es ist alles einfach und vorgegeben; das Individuum muss sich nicht erst in langwierigen Prozessen in der Gesellschaft und in den Peers seine Rolle finden. Es muss an dieser Stelle betont werden, dass die salafistische Ideologie an beide Geschlechter rigide Vorschriften auferlegt.

 
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