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Vorbemerkungen

Ali ist zehn Jahre alt und besucht die vierte Klasse einer Grundschule in München Neuperlach. Er kommt morgens mit dem Bus zur Schule; der Bus fährt alle zehn Minuten. Ali kommt eine halbe Stunde zu spät in die erste Unterrichtsstunde und führt als Entschuldigung an, er habe seinen Bus verpasst. Wenn die Klassenlehrerin diese Entschuldigung akzeptiert, was meistens der Fall ist, schafft sie damit Raum für weitere Regelverstöße und Entschuldigungen. Ali weiß genau, dass dieses Verhalten eine Grenzüberschreitung ist, die er beim nächsten Mal wiederholen und ggf. steigern wird. Das Gespräch wird jetzt nach den Standards der Konfrontativen Gesprächsführung konstruiert. Dabei wird Alis Entschuldigung nicht akzeptiert und der Sachverhalt intensiver hinterfragt:

Möglicher Gesprächsverlauf

A: Guten Morgen, Frau Müller! Entschuldigung, ich habe den Bus verpasst.

Er ist vor meiner Nase weggefahren.

M: Moment, wann musstest du hier sein? A: Ja, um acht Uhr.

M: Wie spät ist es jetzt?

A: Ja, wie? … Ich weiß nicht. M: Dann schau mal auf die Uhr. A: Ja, es ist 8 Uhr 30.

M: Wie oft fährt dein Bus?

A: Ja, ich habe den Bus verpasst.

M: Ich habe dich gefragt, wie oft dein Bus fährt. A: Der ist vor meiner Nase wegge…

M: Du sollst meine Frage beantworten. A: Ja, halt in zehn Minuten.

M: Und warum bist du eine ganze halbe Stunde verspätet? A: Ja, weil ich den Bus verpasst habe.

M: Der Bus fährt alle zehn Minuten, und du bist eine halbe Stunde später dran. Das stimmt also so nicht.

A: Ja, ich habe zu spät das Haus verlassen, und …

M: Beim nächsten Mal verlässt du das Haus rechtzeitig, damit du pünktlich in die Schule kommst. Warum hast du so spät das Haus verlassen?

A: Ja, ich musste frühstücken.

M: Dann musst du früher aufstehen, um zu frühstücken. Dass du zu spät kommst, ist deine Schuld. Daran ist nicht der Bus schuld und auch nicht das Frühstück. Rechtzeitig aufstehen und rechtzeitig das Haus verlassen.

Vorteile der Konfrontation

Ali wird höchstwahrscheinlich in einigen Tagen wieder zu spät kommen. Aber er wird die Begründung, dass er den Bus verpasst hat, möglicherweise nicht mehr vorbringen. Er wird sicherlich andere Gründe für seine Verspätung vortragen und versuchen, auch diese den Lehrkräften glaubwürdig zu erklären. Die Lehrkraft muss dann erneut konfrontieren, weil die betroffenen Kinder die Grenzen ausloten wollen. Die Vorteile der Konfrontation in dieser Form können wie folgt zusammengefasst werden:

• Ali lernt, dass er Frau Müller nicht willkürliche und teilweise erfundene Dinge erzählen kann, weil diese sie hinterfragt und auf ihre Richtigkeit hin überprüft. Konsequenz dieser Überprüfung ist, dass Frau Müller Ali und seine Geschichte ernst nimmt und nicht oberflächlich abhandelt. Denn viele Kinder und Jugendliche in Migrantenfamilien beklagen, von Lehrkräften nicht respektiert oder ernst genommen zu werden. Konfrontation heißt auch, sich im stressigen Schulalltag Zeit zu nehmen: Damit geben die Lehrkräfte den Jugendlichen das Gefühl, dass die Sache und ihr Verhalten so zentral ist, dass der Unterricht für einige Minuten ausgesetzt werden muss.

• Ali kann für zukünftiges Fehlverhalten nicht dieselbe Begründung anbieten, weil sie bereits widerlegt wurde. Er muss sich etwas Neues überlegen, um die Lehrerin zu überzeugen. Wenn all seine Versuche mit demselben Stil widerlegt oder hinterfragt werden, verliert der Heranwachsende die Motivation und die Energie, immer neue Entschuldigungen zu suchen.

• Diese Vorgehensweise hat einen präventiven Charakter nicht nur für Ali, sondern auch für die anderen Schüler, weil sie miterleben, dass sie mit willkürlichen und erfundenen Begründungen die Lehrkräfte nicht überzeugen können.

 
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