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Möglicher Gesprächsverlauf

W: Ali, was suchst du hier?

A: Ja, Mann, ich komme immer hierhin. W: Du hast Hausverbot!

A: Hab ich nicht, Mann. Du kannst mir kein Hausverbot erteilen. Das kann nur Herr Müller. Er hat mich reingelassen.

W: Herr Müller ist gar nicht da. Außerdem rede ich mit dir. Warum bist du hier? Du gehst sofort raus.

A: Nein, Mann. Du hast nichts zu sagen. Ich lasse mir von dir nichts sagen. Bei uns zu Hause habe ich auch das Sagen. Auf Frauen höre ich nicht, Mann.

W: Was du zu Hause machst und wer dort entscheidet, interessiert mich nicht. Hier entscheide ich. Du gehst raus. Punkt.

A: Nein, Mann. Ich gehe nicht raus. Bei uns haben die Frauen nichts zu

sagen.

W: Was heißt denn bei uns? A: Ja, bei uns Türken, eh.

W: Sind alle Türken wie du? A: Ja, natürlich. Alle sind so. W: Der Dursun ist aber anders.

A: Der Dursun? Der ist doch kein richtiger Türke, Mann. W: Wie ist denn ein richtiger Türke?

A: Der muss so sein wie ich … W: Wie bist du denn?

A: Ja, stark und ich habe Ehre … W: Was heißt denn Ehre?

A: Du verstehst türkische Ehre nicht. Das ist was Gutes. Deutsche Frauen haben sowieso keine Ehre, verstehst …

W: Hast du Ehre?

A: Natürlich, Mann …

W: Was heißt denn für dich Ehre? A: Ja, Mann, Stolz, weißt du … W: Was heißt denn Stolz für dich? A: Ich habe kein Bock, eh.

W: Du weißt nicht, was du sagst … A: Natürlich …

W: Was hatte ich dir letzten Freitag gesagt? A: Weiß nicht.

W: Vier Wochen Hausverbot, also raus!

A: Ja, wenn ich meine Cola getrunken habe, geh ich, weißt du? Du kannst in dein Büro gehen und arbeiten.

W: Nein, du gehst jetzt raus. Außerdem bestimme ich selbst, wann ich in mein Büro gehe.

A: Ja, ich muss ja meine Cola trinken.

W: Ich warte, dass du gehst. Deine Cola kannst du mitnehmen. A: Nein, das geht nicht. Da ist Pfand drauf, weißt du?

W: Okay, ich warte hier, bis du das ausgetrunken hast. Trink mal schneller! A: Ist ja gut, eh. Was ist, wenn Herr Müller mir das erlaubt?

W: Ich entscheide, nicht Herr Müller. Wenn die vier Wochen vorbei sind, kannst du wieder kommen. Okay?

A: Okay, okay, ich gehe ja schon!

W: Ich verliere langsam die Geduld. Beeil dich! A: Ja, ja. Ich bin bereits weg.

W: Vor Ablauf der vier Wochen brauchst du hier erst gar nicht auftauchen.

Vorteile der Konfrontation – oder Konfrontation auf der Sachebene

• Frau Walter lässt sich nicht auf die kulturellen Besonderheiten, wie z. B. Ehre oder Männlichkeit, und Anspielungen des Jugendlichen ein, sondern bleibt auf der sachlichen Ebene. Die vergleichende Frage, ob alle türkischen Jugendlichen so seien wie er, bringt Ali in Verlegenheit und er versucht sich aus der „Affäre zu ziehen“, indem er den anderen Jugendlichen das „Türkischsein“ abspricht.

• Wertfreie und bohrende Fragen, „Was ist für dich Ehre?“ oder „Was ist für dich Stolz?“, bringen Jugendliche wie Ali in Erklärungsnot, weil sie mit Begriffen operieren, deren tieferen Sinn sie selbst nicht genau verstehen.

• Es ist wichtig, dass Frau Walter bei der Umsetzung des Hausverbots nicht auf die unsachlichen Argumente Alis, wie z. B. „Bei uns haben Frauen nichts zu sagen“, eingeht. Entscheidend ist es, stets sachlich und kompetent zu argumentieren und sich nicht von Reizthemen ablenken zu lassen.

 
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