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7 Schlussfolgerungen

Die Theorie der Sozialen Arbeit ist durchaus in der Lage, praxisnahe Handlungsmethoden, die immer wichtiger werden, zu produzieren. Einige wurden bereits genannt, wie z. B. der akzeptierende Ansatz nach Krafeld oder der lebensweltorientierte Ansatz nach Thiersch. Der konfrontierende Ansatz ist relativ neu und zum Teil auch umstritten, weil es sich von der verständnisvollen Pädagogik, die in Deutschland gängig ist, verabschiedet. Wenn die Methoden und Inhalte des Anti-Aggressivitäts-Trainings genauer betrachtet werden, wird sehr schnell deutlich, dass diese Methode für eine bestimmte Zielgruppe konzipiert ist, nämlich für Mehrfachgewalttäter, die mit herkömmlichen pädagogischen Maßnahmen nicht (mehr) erreicht werden können. Die Praktikerinnen und Praktiker der Konfrontativen Methode wenden diesen Ansatz dementsprechend überwiegend in den so genannten Anti-Aggressivitätsbzw. Coolness-Trainings an, wofür speziell ausgebildete Trainer eingesetzt werden. Im vorliegenden Buch wurde der Versuch unternommen, die Ansätze aus diesen Trainings – hier die Konfrontation – in den pädagogischen Alltag zu transferieren. Dieser Versuch ist, in Form einer Veröffentlichung zu diesem Thema, Neuland. Aus diesem Grund musste der Verfasser in weiten Teilen des Kapitels „Konfrontative Gesprächsführung“ auf die einschlägige Literatur verzichten und auf die Erfahrungen mit Multiplikatorinnen und Jugendlichen zurückgreifen. Die Anwendung der Methode auf die türkeistämmigen Jugendlichen ist nur ein mögliches Beispiel aus den unterschiedlichen pädagogischen Feldern.

Im Folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse und Schlussfolgerungen dargestellt werden.

1. Kenntnisse der Interkulturellen Kompetenz Kenntnisse der Interkulturellen Kompetenz in der Sozialen Arbeit gehören zu den wichtigsten Schlüsselkompetenzen überhaupt, wenn man bedenkt, dass beispielsweise ca. fünfzig Prozent der Teilnehmer in den Anti-Aggressivitäts-Trainings einen Migrationsbezug haben. Auch wenn der Jugendliche mit seinem abweichenden Verhalten konfrontiert werden muss, unabhängig davon aus welchen sozialen und kulturellen Milieus sein Verhalten resultiert, sind die Kenntnisse der Interkulturellen Kompetenz von entscheidender Bedeutung. Denn die Konfrontation muss in der Realität und in der Lebenswelt der Jugendlichen verlaufen, wenn sie erfolgreich und effizient sein soll. Unüberlegte und von stereotypen Vorurteilen geprägte Konfrontationen, wie z. B. „Alle türkischen Jungen sind Gewalttäter“ oder „Der Islam erlaubt dir nicht zu schlagen“, können verletzend, kränkend und schließlich kontraproduktiv sein. Auf die Abwertung der kulturellen, religiösen und männlichen Wertvorstellungen reagieren die türkeistämmigen Jugendlichen sehr gereizt und fühlen sich nicht verstanden und ernst genommen. Wenn die pädagogischen Fachkräfte die Kenntnisse der kognitiven Hypothesen der Zielgruppe – wie in den Kap. 2–4 dargestellt – erwerben, können sie sicherer und bewusster die Jugendlichen konfrontieren oder an geeigneter Stelle schweigen, um eine Eskalation zu verhindern.

2. Konfrontative Haltung Der konfrontative Ansatz bzw. die Konfrontative Gesprächsführung ist kein Allheilmittel im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Diese Methode ist im Kontext der „Erweiterung bzw. Ergänzung der Methodenvielfalt“ zu sehen. Die Konfrontative Gesprächsführung ist weder für jeden Jugendlichen noch für jede pädagogische Fachkraft geeignet. Die Pädagoginnen und Pädagogen müssen ihre Haltung in Bezug auf diesen Ansatz überprüfen und ggf. die Haltung der Konfrontativen Gesprächsführung in den Fortbildungen einüben, bevor sie den Ansatz bei den Jugendlichen anwenden. Die Erfahrungen in den Fortbildungen mit Multiplikatoren zeigen, dass die methodische Umstellung viele Übungseinheiten und zeitliche Ressourcen in Anspruch nimmt.

3. Übertragung auf andere Jugendliche Wie oben erwähnt, wurde der Versuch unternommen, diese Methode exemplarisch auf die türkeistämmigenm Jungen zu beziehen. Die Erfahrungen in der Praxis machen hingegen deutlich, dass dieser methodische Stil ohne Abstriche auf deutsche und andere Jugendliche übertragen werden kann. Dieser Stil darf nicht auf den kulturellen oder religiösen Kontext reduziert werden, weil ebenfalls den deutschen und anderen Jugendlichen in bestimmten Kontexten mit der Konfrontativen Gesprächsführung Grenzen gesetzt werden können. Denn nicht alle deutschen und anderen Jugendlichen sind immer mit dem verständnisvollen Ansatz zu erreichen. Sie suchen die Konfrontation und möchten die Grenzen der Bezugspersonen ausloten. Da es auf der Sachebene konfrontiert wird, ist es unerheblich, wenn ich vor mir habe.

4. Übertragung auf die Mädchen Mädchen werden im Zusammenhang von Gewalt, Anti-Aggressivitäts-Trainings oder der Konfrontativen Methode kaum genannt. Der Anteil der Mädchen an den Gewaltdelikten und in den Anti-Aggressivitäts-Trainings beträgt unter zehn Prozent. Sind die Bedingungen der Mädchen und der Jungen gleich – sozial auffällig, sucht die Konfrontation oder verharmlost und rechtfertigt ihr abweichendes Verhalten – ist die Konfrontation ohne Abstriche auf alle Mädchen übertragbar.

5. Andere Übertragungsfelder Im sechsten Kapitel wurden die pädagogischen Felder aufgelistet, in denen die Konfrontative Gesprächsführung angewendet werden kann. Unabhängig von diesen pädagogischen Feldern kann die Konfrontative Gesprächsführung dort eingesetzt werden, wo Heranwachsende und pädagogische Fachkräfte zusammenkommen. Eine wichtige Einschränkung bzw. Bedingung muss wiederholt erwähnt werden: Der Heranwachsende muss die intellektuelle sowie persönlich-soziale Reife für die Konfrontation mitbringen. Da die Konfrontation auf der Machtebene praktiziert wird, ist es ausgeschlossen, den Ansatz in einer partnerschaftlichen oder gleichberechtigten Beziehung anzuwenden.

 
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