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1. Die ›Waisenkrise‹ in Subsahara-Afrika

Weltweit sind Millionen von Kindern von den Auswirkungen der HIV- und AIDS-Epidemie betroffen. Diese Kinder können entweder selbst mit dem Virus infiziert sein, Angehörige oder Bekannte aufgrund von AIDS verloren haben oder aufgrund der sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Epidemie in Mitleidenschaft gezogen werden. Diese negativen Effekte der Epidemie machen sich insbesondere in den Ländern mit hoher HIV-Prävalenz [1] bemerkbar, welche zugleich zu den ärmsten Regionen der Welt gehören. Hierzu zählen vor allem die Länder in Subsahara-Afrika.[2] Die negativen Folgen für die Kinder HIVinfizierter Eltern beginnen spätestens mit dem Ausbruch von AIDS und der damit verbundenen Leidensphase. Ausgaben für Medikamente, der Ausfall der Arbeitskraft und damit des Einkommens und die Pflege der Erkrankten sowie die stärkere Einbindung in Aufgaben des täglichen Lebens beeinträchtigen die Lebenssituation der Kinder wechselseitig. Die Verarmung der Haushalte verwehrt den Zugang zu Bildung, führt zu gesteigertem Arbeitsaufwand und birgt die Gefahr sozialer Exklusion. Die Kinder erfahren spätestens mit dem Tod der Eltern einen ökonomischen und sozialen Abstieg und können zudem lange darüber hinaus traumatisiert sein. Die traumatischen Erfahrungen können dadurch potenziert werden, dass die Kinder oftmals beide Elternteile und häufig auch ihre Geschwister aufgrund der Epidemie verlieren, was auf die Übertragungswege des Virus zurückzuführen ist (vgl. zur Situation HIV- und AIDSbetroffener Kinder z. B. Foster / Williamson 2000).

Soweit dies möglich ist, werden die Kinder üblicherweise bereits während der Krankheitsphase der Eltern von ihren Verwandten und Angehörigen versorgt und spätestens mit dem Tod der Eltern in einem der Haushalte ihrer erweiterten Familie untergebracht. [3] Aus diesem sozialen Sicherungsmechanismus resultiert in Ländern mit hoher Prävalenz, dass aufgrund der hohen Todesraten innerhalb der Elterngeneration immer mehr Kinder vom sozialen Sicherungsnetz der erweiterten Familie aufgefangen werden müssen. Aufgrund der steigenden Zahl an Kindern je Haushalt (und damit pro Einkommen) sind neben den Waisenkindern ebenfalls die Kinder der aufnehmenden Haushalte einer materiellen und emotionalen Belastung ausgesetzt. Entsprechend wird von ›HIV- und AIDSBetroffenen‹ gesprochen, da mit fortschreitender Epidemie und gesteigerten Waisenraten die Anzahl der Personen steigt, die mit einem Haushaltseinkommen versorgt werden müssen. Das soziale Sicherungsnetz der erweiterten Familie in Hochprävalenzländern durchläuft angesichts der Auswirkungen der Epidemie eine Transformation. Da überwiegend Menschen aufgrund AIDS-bedingter opportunistischer Infektionen sterben, die das Einkommen der Haushalte erwirtschaften, kümmern sich zunehmend ältere Angehörige um kranke Menschen sowie um die hinterlassenen Kinder Verstorbener (vgl. z. B. Foster / Williamson 2000).

In Anbetracht der beschriebenen starken Belastung und der damit verbundenen Schwächung der erweiterten Familie als sozialer Sicherungsinstitution für die betroffenen Kinder drängt sich die Frage nach einer mittel- und langfristigen Überlastung des traditionellen sozialen Sicherungsnetzes auf. Eine Versorgung der Kinder in Waisenhäusern oder mittels Adoption scheint angesichts der großen Zahl an Waisenkindern nicht möglich und auch nicht die bevorzugte Option für die Kinder zu sein. So wird es unter mehreren Gesichtspunkten als wünschenswert erachtet, die Kinder in ihrem gewohnten sozialen Umfeld zu lassen und die häusliche Versorgung bereits vor dem Tod der Eltern durch Unterstützungsprogramme zu fördern (vgl. z. B. Phiri / Tolfree 2007). Eine solche Unterstützung im Bereich der sozialen Existenzsicherung wird überwiegend von kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen bereitgestellt; jedoch reicht diese Hilfe nicht aus, alle bedürftigen Familien und Kinder zu erreichen (vgl. Weinreich / Benn 2009, S. 135).[4] Vor dem kulturellen und traditionellen Hintergrund der erweiterten Familie im südlichen Afrika wurden darüber hinaus Überlegungen angestellt, eine Adaption dieser traditionellen Solidargemeinschaft an die gegebene Situation zu unterstützen. Erste lokale gemeindebasierte Hilfsinitiativen für HIV- und AIDS-betroffene Kinder nahmen ihre Arbeit bereits Ende der 1980er Jahre auf und mit der Jahrtausendwende erscheint die Förderung solcher Initiativen auch zunehmend auf der Agenda internationaler Organisationen.[5] UNICEF und eine Vielzahl an Partnerorganisationen forderten in diesem Zusammenhang 2004 in ihrem Strategiepapier The Framework for the Protection, Care and Support of Orphans and Vulnerable Children Living in a World with HIV and AIDS, die Kinder so lange als möglich in ihren Familien und ihrer vertrauten Umgebung zu lassen und eine stärkere Einbeziehung der Gemeinden bei der Unterstützung vulnerabler Kinder vorzunehmen.[6] Im framework lautet die Aufforderung nach stärkerem Einbezug der als solche bezeichneten communities folgendermaßen:

When families cannot adequately meet the basic needs of their children, the community is a safety net in providing essential support. In practice, care of orphans and vulnerable children comes from nuclear families surviving with community assistance, extended families able to cater for increased numbers with community assistance, and, in extreme cases, communities caring for children in child-headed households or with no family involvement. Reinforcing the capacity of communities to provide support, protection and care is the foundation of a response that will match the scale and long-term impact of the HIV/AIDS crisis for children (UNICEF 2004, S. 19).

Konkret wird die Mobilisierung und Unterstützung gemeindebasierter Hilfsaktivitäten gefordert. Darunter ist der Einbezug der local leaders in die Reaktion auf die Nöte vulnerabler Mitglieder der communities zu verstehen sowie die Organisation und Unterstützung von Maßnahmen innerhalb der communities, die einen offeneren Umgang mit dem Thema HIV und AIDS befördern. Außerdem soll die Organisation kooperativer Unterstützungsaktivitäten für betroffene Familien und die Förderung gemeindebasierter Pflege und Versorgung von Kindern, die nicht von ihren Angehörigen aufgenommen werden können, propagiert werden (vgl. ebd.).

Durch die Verbreitung von antiretroviralen Medikamenten und präventiven Maßnahmen konnte die Zahl der Menschen, die aufgrund der Epidemie sterben, gesenkt werden, auch wenn die Raten der Neuinfektionen in den am stärksten betroffenen Ländern noch immer sehr hoch sind (vgl. UNAIDS 2013). Zur gleichen Zeit sind die Förderprogramme und -mittel für direkte Interventionen im Hinblick auf HIV und AIDS zurückgegangen und ihr Schwerpunkt hat sich auf die medizinische Versorgung verlagert. Viele der in der Gemeindeunterstützung engagierten internationalen Hilfsorganisationen haben aufgrund dieser Entwicklungen damit begonnen, HIV als eine chronische Erkrankung unter Vielen anzusehen und dementsprechend den Fokus ihrer Programme angepasst. So liegen beispielsweise die Projektschwerpunkte nicht mehr auf AIDSbedingten Waisen und allgemein von den Folgen der AIDS-Epidemie betroffenen Kindern, sondern wurde generell auf vulnerable Kinder ausgeweitet. An der Forderung nach stärkerem Einbezug zivilgesellschaftlicher Organisationen in die Unterstützungsarbeit HIV- und AIDS-Betroffener hat dies wenig verändert. Vielmehr wird inzwischen eine weiterreichende Verknüpfung zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Unterstützungsstrukturen gefordert, deren lokale Basis zivilgesellschaftliche Organisationen darstellen sollen (vgl. z. B. den Weltbankbericht von Bonnel et al. 2013).

  • [1] Der epidemiologische Begriff der Prävalenz meint die Gesamtanzahl der Infizierten. Mit der Prävalenzrate unter Erwachsenen ist dabei der prozentuale Anteil von HIV-positiven Menschen unter den 15 bis 49jährigen einer Gesamtbevölkerung gemeint. Die Inzidenz bezeichnet dagegen Neuinfektionen innerhalb eines bestimmten Zeitraums
  • [2] Laut Schätzungen von UNICEF (2013) hatten 2012 weltweit 17,8 Millionen Kinder ein oder beide Elternteile aufgrund von AIDS verloren. 15,1 Millionen davon in Subsahara-Afrika (S. 81)
  • [3] Ausnahmekonstellationen hierzu stellen von Kindern geführte Haushalte dar. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass selbst in solchen Situationen oftmals eine Unterstützung durch Verwandte erfolgt, auch wenn die Kinder nicht in deren Haushalt leben (vgl. z. B. Foster et al. 1997)
  • [4] Auch wenn diesbezüglich Fortschritte erzielt wurden, erhielten laut UNICEF (2013) beispielsweise 2012 im Hochprävalenzland Sambia lediglich 19 % der in die Untersuchung aufgenommenen Haushalte externe Unterstützung (vgl. S. 81)
  • [5] Für eine umfangreiche Chronik der Ereignisse vgl. Foster et al. (2007), insbesondere S. 279‒284
  • [6] Diese Position wurde von UNICEF in den Folgejahren mehrfach bekräftigt (vgl. z. B. im 2006 erschienenen Caring for Children Affected by AIDS Report und 2007 im Enhanced Protection for Children Affected by AIDS-Bericht). Eine Förderung gemeindebasierter Unterstützung wird im Übrigen auch von der Working Group on Social Protection des Inter-Agency Task Team (IATT) (2008) und der Joint Learning Initiative on Children and HIV/AIDS (JLICA) (Irwin et al. 2009) gefordert. Im aktuellen sechsten UNICEF-Bericht (2013) zu Kindern und AIDS wird insbesondere eine Stärkung der Verbindungen zwischen Hilfsprogrammen und den nationalen wie den lokalen gemeindebasierten Hilfestrukturen gefordert (vgl. S. 20 f.)
 
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