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2. Gemeinwesenorientierte Entwicklungszusammenarbeit

Die Förderung gemeinwesenorientierter Entwicklungsprojekte ist kein neues Phänomen, das alleinig auf Unterstützungsversuche für Kinder im Zuge der HIV- und AIDS-Epidemie zurückzuführen ist. Erste Versuche partizipativer Entwicklungsprojekte reichen bis in die 1950er und 1960er Jahre zurück. Aufgrund wachsender Skepsis und der vorherrschenden Meinung, dass nur der Staat öffentliche Güter bereitstellen und Gemeinbesitz regulieren könne sowie Privatbesitz sichern müsse, wurden diese Projekte vorerst wieder eingestellt. Mitte der 1980er Jahre nahm die Kritik an großangelegten Entwicklungsprojekten aufgrund steigenden Unmuts über ausbleibende Entwicklungserfolge zu. Anstelle von ineffektiven Großprojekten und als bevormundend bezeichneten top-downAnsätzen[1] wurden wieder zunehmend kleinere, partizipative Graswurzelprojekte gefordert, welche die ›Armen‹ als aktive Teilnehmende in den Entwicklungsprozess einbeziehen sollten. Diese zweite Welle führte dazu, dass partizipative gemeindebasierte Projektansätze in den Mainstream der Entwicklungszusammenarbeit gelangten und bis heute eine der am schnellsten wachsenden Projektformen darstellen (vgl. Mansuri / Rao 2004, S. 4 ff.).

Mit diesen Veränderungen ging auch ein Wandel im Verständnis von Entwicklung einher. Entwicklung wurde während des 20. Jahrhunderts lange als universell gültiger und linearer Prozess verstanden. Ab den 1970er Jahren wurde diese Auffassung jedoch zunehmend in Frage gestellt. In Anbetracht der globalen Machtverhältnisse wurde insbesondere die ethnooder eurozentristische Perspektive auf Entwicklungsprozesse kritisiert, aus deren Sicht sich die als

›unterentwickelt‹ bezeichneten Länder dem Vorbild des ›politischen Westens‹ oder ›globalen Nordens‹ folgend quasi nachholend entwickeln sollten. Seit den 1980er und besonders den politischen Umbrüchen der 1990er Jahren, in denen sich die ›westlichen‹ Ideale von Demokratie, Menschenrechten und Marktwirtschaft als Leitbilder durchgesetzt haben, wird Entwicklung zunehmend als ein subjektiver Prozess verstanden, was zusammen mit der Einsicht in die Begrenzt-heit natürlicher Ressourcen alternative Entwicklungskonzepte erforderlich machte. Dennoch wird weiterhin versucht, Entwicklung gewissermaßen objektiv anhand von Indikatoren und Indizes mess- und vergleichbar zu Machen[2], was aufgrund der Auswahl der Indikatoren aber auch als eine selektive und normative Vorstellung gesellschaftlicher Entwicklung angesehen werden kann.[3] Ein subjektiver Ansatz mit universellem Gültigkeitsanspruch findet sich heute in der Vorstellung von Entwicklung als einer Befreiung von unterdrückenden Strukturen und der damit einhergehenden Freiheit zu einer selbstgewählten Zukunftsgestaltung (vgl. Novy 2007).

Entwicklung in diesem Sinne wird auch mittels gemeinwesenorientierter Projekte angestrebt. Allgemein wird gemeindebezogenen Entwicklungsprojekten mehrheitlich zugeschrieben, dass sie nachhaltig, effizient und effektiv sind, eine weitreichende Armutsbekämpfung ermöglichen, inkludierende Ansätze verfolgen, zum Empowerment armer Menschen beitragen, soziales Kapital bilden helfen, governance stärken sowie den Markt und den Privatsektor fördern. Die Vertreter und Vertreterinnen dieser Ansätze gehen zudem davon aus, dass partizipative, gemeinwesenorientierte Projekte beispielsweise beim targeting, der Identifikation von Zielgruppen, und hinsichtlich der Art der erforderlichen Hilfe Informationsprobleme verhindern. Darüber hinaus wird unterstellt, dass sie die zur Verfügung stehenden Projektmittel den entsprechenden Zielgruppen zugänglich machen und zur Stärkung zivilgesellschaftlicher Organisationen beitragen. Weiter wird davon ausgegangen, dass durch partizipative Projekte eine Machtverschiebung hin zu armen Menschen bewirkt werden kann, indem agency für sie geschaffen wird und sie in Folge dessen selbst über Ressourcen verfügen können Dies soll darüber hinaus zu einer besseren Bedarfsdeckung sowie Mittel- und Leistungsverteilung beitragen. Weiterhin wird von den Projekten erwartet, dass sie eine stärkere Responsivität von Regierungen bewirken und zur Kapazitäts- und Kapabilitätssteigerung der Betroffenen führen, um eigenständig Entwicklungsanstrengungen zu unternehmen. Gemeindebasierte Entwicklungszusammenarbeit setzt darauf, dass communities ihr soziales Kapital dazu einsetzen, sich zu organisieren und an Entwicklungsprozessen zu partizipieren (vgl. Mansuri / Rao 2004). Diese Auffassung wird jedoch nicht uneingeschränkt geteilt. Kühl (2004) merkt beispielsweise an, dass die Entwicklungszusammenarbeit selbst nicht zwingend effizienzgerichtet arbeitet, sondern gewissen ›Moden‹ folgt, durch welche sie eine Legitimation ihrer selbst anstrebt.

  • [1] Dabei handelt es sich um einen Entwicklungsansatz, bei dem davon ausgegangen wird, dass sich Entwicklung über zentralisierte und gewissermaßen planmäßig von ›oben‹ vorgegebene Maßnahmen, nach ›unten‹ zur Bevölkerung hin einstellen würde
  • [2] Dies wird beispielsweise mittels Indikatoren wie der durchschnittlichen Lebenserwartung, dem Bruttoinlandsprodukt oder Indizes wie dem Human Development Index, der vom United Nations Development Programme (UNDP) aus den Indikatoren Lebenserwartung, Bildung beziehungsweise Schulbesuch und dem Einkommen errechnet wird, angestrebt (vgl. UNDP 2013, S. 1)
  • [3] Vgl. zum Diskurs um den Begriff der Entwicklung Ziai (2011)
 
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