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2.2 Zusammenarbeit und Partizipation

Der Begriff der ›Entwicklungszusammenarbeit‹ hat innerhalb des professionellen Entwicklungsdiskurses den der ›Entwicklungshilfe‹ ersetzt. Dieser semantische Wandel kann auf die oben bereits erwähnte Kritik an groß angelegten Entwicklungsprojekten Mitte der 1980er Jahre zurückgeführt werden, durch welche das Konzept der Partizipation innerhalb des Diskurses zunehmend an Bedeutung gewann (vgl. Mansuri / Rao 2004, S. 4 ff.).[1] Im professionellen Bewusstsein setzte sich die Ansicht durch, dass Begünstigte von Entwicklungsprojekten Mitsprache bei Entscheidungen erhalten sollten, welche die Art der Hilfe und damit ihr Leben betreffen (vgl. Cook / Kothari 2001). Dem Konzept der Zusammenarbeit folgend, werden Entwicklungsprojekte nicht nur direkt durch Ent- wicklungsorganisationen umgesetzt wie etwa im Fall der Finanzierung und Errichtung von Schulen oder durch die Bohrung von Brunnen, sondern unter Einbezug und in Kooperation mit lokalen Partnern wie beispielsweise lokalen Organisationen, Selbsthilfegruppen, Kirchengemeinden oder Regierungsinstitutionen oder allgemein der community. Häufig werden mehrere Gruppierungen beziehungsweise lokale Partner als Stakeholder an der Umsetzung der Projekte beteiligt. Projekte mit lokalen Gemeindegruppen oder gemeindebasierten Initiativen, also Zusammenschlüssen verschiedener Gemeindemitglieder zu einem bestimmten Zweck und Ziel, werden als Graswurzelprojekte bezeichnet. Solche Projekte folgen bottom-up-Ansätzen, die eine dezentrale Entwicklungswirkung ausgehend von der Selbstorganisation auf der Gemeindeebene anstreben (vgl. Midgley 2010).

Es ist hierbei aber darauf hinzuweisen, dass der community-Begriff für die Beschreibung solcher Projekte oftmals gebraucht, jedoch nur selten klar definiert wird. So kommentieren Mansuri / Rao (2004):

Participatory projects are typically implemented in a unit referred to as a community. Most of the literature on development policy uses the term community without much qualification to denote a culturally and politically homogeneous social system or one that at least implicitly is internally cohesive and more or less harmonious, such as an administratively defined locale (tribal area or neighborhood) or a common interest group (community of weavers and potters). […] What is labeled a community is often an endogenous construct defined by the parameters of a project, by project facilitators, or by the nature of administrative or identity boundaries rather than an organic form (S. 8).

Die Grenzen der communities sind in den Projekten nicht immer klar geografisch oder konzeptionell zu fassen, was zu fehlgeleiteten Schlüssen über die zugrunde gelegten communities führen kann. Ein unkritischer Gebrauch des Begriffes kann beispielsweise lokale ökonomische und soziale Machtstrukturen verdecken, die allerdings für Projekte von großer Bedeutung sind (vgl. ebd.). Nach Kreissl (2004) lässt sich der Begriff der community beziehungsweise Gemeinschaft über die Gegenüberstellung zur Gesellschaft hinaus nur schwerlich ins Deutsche übertragen, während sich im Englischen die Bedeutungen von Gemeinschaft, Öffentlichkeit und Gruppe überschneiden. "Das Territoriale amalgamiert mit dem politischen, Sozialen und Kulturellen in einer langen Tradition" (S. 37). So ist community Gemeinde, Kommune und Gemeinschaft zugleich. Für die vorliegende Arbeit scheint Max Webers Begriff der "Nachbarschaftsgemeinschaft" und der darauf aufbauenden "Gemeinde" am treffendsten zu sein, da damit sowohl die räumliche als auch die gemeinschaftliche und politische Dimension der Selbstverwaltung der community erfasst werden (vgl. 2002, S. 215 ff.).

Hinsichtlich der Art der Partizipation kann konzeptionell zwischen community-based und community-driven development unterschieden werden, wobei es sich dabei weniger um scharfe analytische Differenzierungskategorien handelt, als vielmehr um eine idealtypische Kategorisierung verschiedener Ansätze der Gemeindeentwicklungsarbeit. Das Hauptunterscheidungsmerkmal der Ansätze liegt Mansuri / Rao (2004, S. 1 f.) zufolge in der Verwaltung und Verfügungsmacht über die Finanzen der Entwicklungsprojekte. Mit Partizipation ist damit der Einbezug von Mitgliedern einer bestimmten Zielgruppe in Aspekte des Projektdesigns und deren Implementierung gemeint. Über einen Einbezug lokaler Wissensbestände durch die Beteiligung der vor Ort lebenden Menschen in Entscheidungsprozesse sollen die Projekte als Ausdruck von voice and choice einer selbstbestimmten Entscheidung durchgeführt und initiiert werden, die zu einer Reihe positiver Effekte führen soll.

Zusammenarbeit und Partizipation implizieren darüber hinaus grundsätzlich, dass die lokalen Adressatinnen und Adressaten von Entwicklungsprojekten aktiv in die Ausgestaltung und Umsetzung derselben eingebunden und beteiligt werden sollen, anstatt materielle Hilfe nur passiv zu empfangen. Sie sollen einen praktischen Beitrag zu diesen Projekten beisteuern, zum Beispiel durch ihre Arbeitskraft, Zeit oder lokale Ressourcen. Zudem soll die Effektivität der Entwicklungsvorhaben durch die Nutzung lokaler Wissensressourcen erhöht werden, wie etwa durch den Einbezug der lokalen Bevölkerung in die Identifikation zentraler Probleme und möglicher Lösungsansätze (vgl. Cook / Kothari 2001; Mansuri / Rao 2004). Damit einher geht die Überzeugung, dass durch einen derartigen, partizipativen Ansatz die Eigentümerschaft (ownership) der lokalen Bevölkerung für die Entwicklungsprojekte gesteigert werden kann, da die Betroffenen persönlich an der Planung und Umsetzung beteiligt sind. Dadurch soll eine nachhaltige Wirkung der Projekte erreicht werden, indem die erreichten Ziele durch die Bevölkerung aufrechterhalten und angestoßene Prozesse fortgeführt werden. Dieser Idee folgend wird gefordert, dass die Projekte, ihre Ziele und Umsetzung nicht von außen aufoktroyiert werden, sondern von den Beteiligten selbst kommen. Daneben werden die Ansätze der Partizipation und Indigenisierung unter anderem dafür kritisiert, dass sie lokale Machtstrukturen festigen und darüber hinaus Projektkosten auf die lokale Bevölkerung übertragen werden (vgl. Cook / Kothari 2001; Mansuri / Rao 2004).

Weitere Kritik richtet sich an bestimmte Aspekte der praktischen Umsetzung von Partizipation. So kann die Beteiligung unter Umständen kostspielig sein, die Umsetzung dringender Projekte verzögern sowie physische und psychische Belastung darstellen, da die betreffenden Personen ihre Interessen möglicherweise gegenüber sozial und finanziell Bessergestellten behaupten müssen. Partizipative Projekte können zudem eine pragmatische low-costEntwicklungszusammenarbeit fördern, durch die langfristige Ziele zugunsten kurzfristiger Erfolge untergraben werden können und sogar eine Form der ›Zwangsarbeit‹ darstellen, wenn insbesondere arme Menschen zur Erbringung von Beteiligungsleistungen gedrängt werden. Abschließend bleibt festzuhalten, dass partizipative Ansätze allen beteiligten Akteuren Vorteile verschaffen können, diese jedoch im Rahmen einer Evaluation des Partizipationsprozesses selbst, ebenso wie an ihrem impact gemessen werden müssen (vgl. Mansuri / Rao 2004, S. 6 f.).

Die transnationale Entwicklungszusammenarbeit ist ein komplexes Feld mit vielen verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen, gemeinnützigen wie auch profitorientierten Akteuren. Zu diesen zählen Spender und Geber, transnationale Entwicklungsorganisationen, Gutachtern und Gutachterinnen, staatliche Einrichtungen und lokale Nichtregierungsorganisationen und die Nehmer, verkörpert durch die lokale Bevölkerung als Adressaten von Hilfe. Partizipation und Zusammenarbeit bedeuten deshalb gleichermaßen Dialog und gegenseitiges Ernstnehmen der Deutungsmuster und Lebenswirklichkeiten der jeweiligen Partner, wodurch im Idealfall Machtasymmetrien zwischen den Partnern abgebaut werden sollen (vgl. Homfeldt / Schmitt 2011; Rehklau / Lutz 2007, S. 35 ff.). Die Aufgabe der Sozialen Arbeit als Entwicklungszusammenarbeit ist es nicht, folgt man den erwähnten Ansätzen, die Menschen zu belehren, sondern sie als gleichberechtigte Partner wahrzunehmen. Es kommt jedoch vor, dass die Ideale und Projektziele von Entwicklungsorganisationen nicht mit den lokalen Strukturen, Rollenzuordnungen und Zielen übereinstimmen. Durch solche Diskrepanzen werden Aushandlungsprozesse nötig, in denen Mitarbeitende von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit versuchen, ihren lokalen Partnern potentielle Gefahren oder Risiken ihres Handelns, zum Beispiel hinsichtlich der negativen Auswirkungen bestehender Geschlechterungleichheiten, der Nutzung von verunreinigtem Wasser oder der möglichen Übertragungswegen von HIV, so veranschaulichen müssen, dass diese selbst zur Einsicht gelangen sollen und bestimmte Handlungsoptionen abwägen. Darüber hinaus sollen zur Entwicklung beitragende Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt und Sachmittel zu deren Realisierung zu Verfügung gestellt oder lokal mobilisiert werden (vgl. Wagner 2013a).

  • [1] In der vorliegenden Arbeit wird ebenfalls der Begriff der Entwicklungszusammenarbeit verwendet, auch wenn die Gefahr eines Euphemismus durch eine rein rhetorische Umdeutung des alten Hilfeverständnisses gesehen wird
 
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