Migration

In den Vorstellungen der Schüler zu migrationspolitischen Fragen wurde ein differenziertes Bild vorgefunden. Das Thema Flucht spielt in der Auseinandersetzung mit dem Thema Migration im Kontext von Globalisierung für die Schüler eine wichtige Rolle. Vergangene oder gegenwärtige Arbeitsmigration wird hingegen selten thematisiert. Die meisten finden die Motive von Geflüchteten, nach Deutschland kommen zu wollen, prinzipiell nachvollziehbar und sprechen hier Flucht vor Krieg oder Armut, den Wunsch nach dem Leben in einer Demokratie, besser bezahlte Arbeit oder das Streben nach einem besseren Leben im Allgemeinen an. Sechs Hauptschüler und 14 Gymnasiasten benennen konkrete, mit Detailwissen gespickte Aspekte, wie sie sich ein Leben als Geflüchteter bzw. den Fluchtweg vorstellen.

Das durchaus vorhandene Wissen über die prekäre Lebenssituation von Geflüchteten scheint aber nur geringe Auswirkungen auf die migrationspolitische Haltung der Schüler zu haben. Die meisten Schüler zeigen – mehr oder weniger stark ausgeprägt – eine empathische Haltung gegenüber Geflüchteten. Dies trifft auch auf die Gruppe der Schüler zu, die eine Abschottungspolitik ganz oder teilweise befürwortet. Hier kommt eine ambivalente Argumentationsstruktur zum Tragen, die einerseits Empathie mit Migranten und Geflüchteten zeigt und andererseits die Grenzen der Humanität dort zieht, wo vermeintlich eigene, nationale Interessen berührt werden. Zehn Gymnasiasten und vier Hauptschülern weisen in ihrer Argumentation darauf hin, dass es faktisch oder potenziell zu viele Migranten und Geflüchtete in Deutschland oder der EU gäbe.

Eine von Hauptschülern dominierte Gruppe, die in der Logik des ‚zu viele' argumentiert, geht davon aus, dass die Grenzen bereits zu offen seien. Deshalb wird explizit die herrschende Migrationspolitik kritisiert. Von dieser Gruppe werden die mögliche Ausnutzung deutscher Sozialsysteme, aufgrund von Migration bzw. durch Migranten verursachte Probleme des Arbeitsplatzmangels, die Steigerung von Kriminalität und der Verlust der nationalen Identität angeführt. Während die überwiegend aus Hauptschülern bestehende Gruppe sich in Opposition gegen die auf vermeintlich zu offene Grenzen zielende Migrationspolitik setzt, nimmt die von Gymnasiasten dominierte Gruppe eine andere Position ein.

Dieser Gruppe ist bekannt, dass eine migrationspolitische Regulation stattfindet und Grenzen keineswegs offen sind. Die gegenwärtige migrationspolitische Gesetzgebung wird legitimiert mit dem Hinweis, dass eine restriktive Einwanderungspolitik notwendig sei, um ein zu viel an Migration zu verhindern. Dabei identifizieren sie sich weitgehend mit den Repräsentanten des deutschen Staates oder der EU.

Während das Wissen über die Situation von Geflüchteten weit verbreitet ist, wissen viele Schüler nichts über das EU-Grenzregime. So denken beispielsweise einige Schüler, dass ein Pass oder Geld für ein Ticket ausreiche, um in die EU einzureisen. Viele stellen beim Thema Migration die vermeintlich offenen Grenzen der EU in den Vordergrund. Nicht bekannt ist einem großen Teil der Schüler beider Schultypen, dass die Außengrenzen der EU nur für Menschen mit bestimmten Pässen oder großen finanziellen Ressourcen offen sind. Die eigenen Privilegien durch den Besitz eines deutschen Passes und die damit verbundene globale Bewegungsfreiheit werden hier unhinterfragt verallgemeinert. Es wird davon ausgegangen, dass diese Privilegien für alle Menschen Realität wären.

Nur eine sehr kleine Gruppe von Schülern kritisiert bestimmte Aspekte des Grenzregimes der EU. Zwar problematisieren viele Schüler beider Schultypen die Situation von Geflüchteten aus einer empathischen Perspektive, kennen jedoch die ursächlichen Zusammenhänge nicht, die mit Machtstrukturen und der herrschendem Migrationspolitik zu tun haben. Nur vier Schüler sprechen Geflüchteten beispielsweise explizit verbürgte Rechte zu.

 
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