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5.2 Communities in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit

Der gouvernementalistische Analyseansatz wurde auch auf Projekte der gemeindebezogenen Entwicklungszusammenarbeit angewendet. So untersuchen Follér et al. (2013) Regierungspraktiken im Zusammenhang mit der HIV- und AIDSArbeit zivilgesellschaftlicher Gruppen in Afrika. In ihrer Studie kommen sie zu dem Ergebnis:

that international development cooperation with civil society on HIV/AIDS can be understood as a politics of responsibilisation. We show that the latter produces ambiguities and tensions regarding "who is responsible for what." The politics of responsibilisation systematically shifts responsibility for activities regarding HIV/ AIDS from international donors to recipient organisations while, at the same time, not granting these organisations full autonomy. On one hand, the burden of responsibility for outcomes is shifted from donor agencies to recipient organisations and even beneficiaries of development funds. On the other, these same actors are simultaneously "deresponsibilised" for the methods and procedures they employ, because these are defined according to global policy goals and governance standards (S. 16).

Governance drückt sich hierbei also einerseits in einer Übergabe und Zuschreibung von Verantwortung für die Versorgung und Hilfe AIDS-Betroffener an die entsprechenden Gemeinde- und zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen aus. Andererseits aber auch darin, dass die Methoden und die Art, wie genau geholfen werden soll, von den Gebern vorgegeben wird. Die Hauptstrategien von governance werden dabei in der Vermarktlichung, der Managerialisierung, der Verwissenschaftlichung und der Standardisierung gesehen. So wird durch Hilfe eine Marktorientierung vorangetrieben, die durch eine Unterfinanzierung von zivilgesellschaftlichen Organisationen, den Wettbewerb um ausgeschriebene Mittel sowie Trainingsmaßnahmen zu unternehmerischem Denken angestrebt wird. Darüber hinaus wird durch die Ausschreibungen von Hilfsmitteln bereits die Art der Hilfe festgelegt, ebenso wie dadurch zwischengeschaltete Verwaltungsinstanzen zur Mittelweitergabe, die Berichtsanforderungen, die Organisationsentwicklung und capacity building-Maßnahmen und schließlich eine bestimmte Art der Organisation des Sozialen vorgegeben werden. Die Verwissenschaftlichung mittels bestimmter Vorgaben zum Monitoring und der Evaluierung gibt ihrerseits eine bestimmte Arbeitsweise vor und stützt sich auf Vorstellungen von effizienter Arbeit, deren Veränderungsmöglichkeiten außerhalb des Einflussbereichs der Gemeindegruppen liegen. Letztlich erkennen Follér et al. insbesondere in den Auditverfahren, der Vorgabe von Indikatoren und vorgefertigten Modellen sowie Prozessen eine von außen initiierte Standardisierung der Arbeit von Gemeindegruppen. Diese Strategien der governance führen schlussendlich zu einer Deresponsibilisierung der Gemeindegruppen und zivilgesellschaftlichen Organisationen (vgl. Follér et al. 2013).

Eine solche Verantwortungsübertragung auf zivilgesellschaftliche Gruppen wurde von Mubanda Rasmussen (2013) im Hinblick auf das Konzept der Nachhaltigkeit untersucht. In ihrer Arbeit analysiert die Autorin Projekte zwischen Nichtregierungsorganisationen und lokalen, zivilgesellschaftlichen Gemeindegruppen zur sozialen Sicherung von Kindern in Malawi unter dem Gesichtspunkt gouvernementalistischer Herrschaftspraxis. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass alle beteiligten Akteure zur Aufrechterhaltung einer geteilten "Fiction of Sustainability" beitragen, welche die Grundvoraussetzung der Zusammenarbeit darstellt und die individuelle Utilisation der dadurch erreichbaren Mittel erst ermöglicht. Nachhaltige Entwicklung wird so zu einer neoliberalen Regierungstechnik, indem das Konzept als Kritik an paternalistischer Hilfe, die zugleich die Dependenz und Passivität der hilfeempfangenden Personen fördert, eine Aktivierung und Befähigung der Betroffenen einfordert. Das Konzept der Gemeindeselbsthilfeprojekte dient jedoch nicht allein den Marktinteressen oder der Reduzierung staatlicher Ausgaben, sondern ist in der Lage sowohl marktliberale wie links orientierte politische Akteure anzusprechen. In Anbetracht der Tatsache, dass eine nachhaltige Entwicklung in den allermeisten Projekten nicht erzielt werden kann, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Begriff um einen Arbeitsbegriff handelt, den verschiedenste Akteure für sich übersetzten und daraufhin Anschluss an die Idee und die Projekte finden können. Letztlich ist denkbar, dass der Begriff der Nachhaltigkeit als Regierungstechnik im Feld der Entwicklungszusammenarbeit kontinuierlich eine Hinterfragung des großen Einflusses des Regierens verhindert.

In ihrer Untersuchung kommt Mubanda Rasmussen (2013) zu dem Ergebnis, dass die verschiedenen Akteure den Begriff der nachhaltigen Entwicklung für sich und zur Erreichung ihrer Ziele anzuwenden versuchen, selbst wenn ihre Handlungen wie etwa das Aushändigen von Gütern durch Hilfsorganisationen oder die hohe Fluktuation von freiwilligen Gemeindehelfenden, den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung widersprechen. Zudem sieht die Autorin im Rückgriff auf das Konzept der nachhaltigen Entwicklung eine Regierungstechnik, welche Verantwortlichkeiten in Bezug auf die Versorgung der Kinder regelt und dabei die sozialen Ungleichheiten im Untersuchungsland Malawi legitimiert und reproduziert. So werden wohlverdienende staatliche Angestellte und NGOMitarbeitende auch nicht bezüglich ihre Positionen, ihrer Arbeit und Funktion hinterfragt, da die Verantwortung für die Versorgung der Kinder an die Gemeinden delegiert wird, die ihrerseits aus Gründen der Nachhaltigkeit und Verantwortungsübernahme keine Bezahlung zu erwarten haben.

Das Konzept der community wurde in Bezug auf die Entwicklungszusammenarbeit auch auf das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft angewandt. Dill (2013) nutzt in seiner Untersuchung eines gemeindebasierten Entwicklungsprojektes den Begriff der community zur Analyse der Trennung von Staat und Gesellschaft. Der Staat wird von ihm dabei nicht als Objekt oder Akteur betrachtet, der losgelöst von der Gesellschaft existiert, sondern vielmehr als eine Projektion, eine Repräsentation oder ein Bild, das durch bestimmte Praktiken und Konfigurationen produziert und reproduziert wird, welche die Welt in Staat und Gesellschaft unterteilen. Als Konzept führt Dill den Begriff des "Fixing the State" ein. Dieser bezieht sich zum einen auf das im Entwicklungsdiskurs bediente Bild des nicht-funktionierenden Staates, der aber mittels verschiedener Interventionen und Politiken ›repariert‹ werden kann. Zum anderen, und hier liegt Dills Hauptargumentation, bezieht sich der Begriff des "Fixing" (S. 22) vielmehr auf die ›Fixierung‹ des Staates als ein von der Gesellschaft losgelöstes Objekt. Primär liegen diese Praktiken auf zwei Ebenen. So wird durch die Konfigurationen zwischen internationalen und lokalen Akteuren der Entwicklung und den staatlichen Stellen die community als autonomer, selbstregulierender kollektiver Akteur, der selbst Verantwortung für seine Entwicklung trägt, als Gegenpart zum Staat geschaffen. Dill nennt diesen Prozess "recognizing community" (S. 27). Über Techniken der Beteiligung werden Potentiale in der Bevölkerung mobilisiert, die dem Staat ohne die Entkopplung von Staat und Gesellschaft verwehrt geblieben wären. Zugleich bieten diese Projekte der Bevölkerung als Zielgruppe und Akteur von Entwicklung auch emanzipatorische Möglichkeiten, da sie durch die Trennung vom Staat als legitimierter Akteur auftreten kann, etwa in Form von gemeindebasierten Organisationen. Die zweite Konfiguration bezeichnet Dill als "rendering political" (S. 27) und meint damit Praktiken von staatlichen Angestellten, bestimmte Aktivitäten in Reden, durch die Gesetzgebung und die Ausübung von Recht zu politisieren und damit in ihren Autoritätsbereich zu überführen. Dadurch wird einerseits die Spaltung von Staat und Gesellschaft reproduziert, andererseits die Autorität der Regierungsinstitutionen gestärkt. Dills Schlussfolgerung lautet daher, dass die Praktiken der Entwicklungsorganisationen und deren Fokus auf Nicht-Regierungspartner und Gemeindegruppen eben nicht zur ›Reparatur‹ der Staaten und der Dezentralisierung von Macht beitragen, sondern über die Reproduktion der Differenzierung von Staat und Gesellschaft die Autorität der Staatsapparate verstärken.

 
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