< Zurück   INHALT   Weiter >

5.3 Die Organisierung von Gemeinwesen als Sozialtechnologie

Wie gezeigt wurde, wird die Arbeit mit communities in der Entwicklungszusammenarbeit als Regierungstechnik und "alternative Sozialtechnologie" (Kreissl 2004, S. 37) beschrieben. Der Begriff der Sozialtechnologie bedarf hierbei einer Erklärung. Nach Knoblauch (2006) gibt es bisher keine einheitliche Definition des Begriffs der Sozialtechnologie wie auch ihres Gegenstandes. Eine Gemeinsamkeit aller unter dem Konzept subsummierten Deutungen scheint ihm jedoch zu sein, dass sie sich auf die Beeinflussung des Sozialen beziehen, sei es betreffend individueller Handlungsweisen, der sozialen Ordnung oder der Gesellschaft an sich. Die Methodik hierzu bleibt Knoblauch zufolge vieldeutig, allerdings werden in allen Ansätzen rationale und wissenschaftlich fundierte Lösungen für Probleme angestrebt. Zudem wird mit dem Begriff der Sozialtechnologie eine planmäßige Instrumentalität verbunden, die sie als Mittel zur Optimierung menschlichen Zusammenlebens sowie zur sozialen Kontrolle erscheinen lassen.

Auch Etzemüller (2009) zufolge kann die diffuse Vieldeutigkeit des Konzept des social engineering über die vielen mit ihm assoziierten Ideen umgangen werden, indem eine Konzeptualisierung über die Verwendungen des Begriffs generiert wird. Grundlegend ist den verschiedenen Auslegungen gemein, dass sie von Expertinnen und Experten und Spezialistinnen und Spezialisten umgesetzt werden, die aufgrund objektiver wissenschaftlicher Erkenntnisse rational und geplant in die Anomalien der modernen Entwicklungen eingreifen können. Die Idee liegt dabei nicht darin, Vorschriften zu machen, sondern durch bereit gestelltes Expertinnen- und Expertenwissen dazu beizutragen, dass "die Menschen lernen, sich selbst in Form zu bringen" (S. 21). Angesetzt wird hierbei am Individuum, auch wenn das social engineering grundsätzlich als biopolitische Beeinflussung der Gesamtbevölkerung zu verstehen ist. Ideologisch wird die durch die Industrialisierung hervorgebrachte Gesellschaft als Gegenpart und zersetzende Kraft der natürlichen, organischen Gemeinschaft gedeutet. Es wurde versucht, diese Veränderungen durch eine Rückbesinnung auf kleinere gemeinschaftliche Organisationsformen abzumildern. Es handelt sich also jeweils um eine Verzeitlichung der Gegenwart als Krise, die besonders mittels der Statistik auf eine Verschlechterung der Situation deutbar wird, sofern keine Intervention erfolgt. Dem "Habitus der Transparenz" (ebd., S. 25, i. O. kursiv) folgend müssen Annahmen und Interventionen zur Nachvollziehbarkeit in Daten begründet sein, die besonders durch Visualisierung in Statistiken, Tabellen, Grafiken und Kurven veröffentlicht wurden. Es handelt sich dabei nicht zwingend um eine totalitäre, vernichtende Biopolitik sondern vielmehr um eine sorgende. Der Begriff entspricht in der Rückschau einem "Ensemble von Elementen" (ebd., S. 30, i. O. kursiv), die

in ihrer Kombination ein spezifisches Dispositiv bildeten: Die Kombination von Sozialtechnologien, einem Ordnungsmodell und einem dezidierten Gestaltungsimperativ, um die Welt als "Gemeinschaft" modellieren zu können. Das social engineering war nur ein Versuch mit der Moderne umzugehen, allerdings eine das 20. Jahrhundert prägende. Es handelt sich um einen transnationalen, Disziplinen übergreifenden Versuch, mit künstlichen Mitteln eine verlorene natürliche Ordnung der Gesellschaft wieder zu erschaffen, indem man eine alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringende, vernünftige soziale Ordnung entwarf (ebd., Herv. i. O.).

Insbesondere seit den 1960er Jahren werden solche auf die organische Gemeinschaft abzielenden Bestrebungen kritisiert. Abgelöst wurden sie unter anderem durch die neueren Ansätze der Emanzipation und Partizipation, die auf die gesellschaftliche Integration verantwortungsbewusster Individuen abzielen (vgl. ebd., S. 31). Etzemüller beschreibt das social engineering schließlich als "Ordnungsdenken", dessen Kern darin besteht, "dass in einem eng umgrenzten Zeitraum ein spezifisches Ordnungsmodell mit spezifischen Techniken der Moderne implementiert werden soll" (ebd., S. 32). Das social engeneering ist demnach eine "Verhaltensweise des kühlen Kopfes [i. O. kursiv]" (ebd., S. 36), welcher der Wunsch zugrunde liegt,

Ordnung (als Zielvorstellung), Ordnen (als Handlung) und konkrete Ordnung (als Grundlage wie Ergebnis des Handelns) auf eine ›rationalere‹ Weise miteinander zu verbinden ‒ mit höchst ambivalenten Effekten. Die Ordnung der Gesellschaft sollte von unten nach oben erfolgen, um die Menschenmassen im (sozialen) Raum neu gliedern zu können (ebd.).

Als Kern der Sozialtechnologie bezeichnet Etzemüller folglich den Versuch, Gesellschaft rational zu ordnen.

Dieses Verständnis von Ordnungsrationalität lässt sich in Bezug auf die Organisation an sich noch erweitern. So ist nach Bruch / Türk (2007) in der Organisation selbst ein zentrales gouvernementalistisches "Regierungsdispositiv" zu erkennen, also ein Mittel, durch welches die "für die modernen Gesellschaften zentralen Formen und Prinzipien der Regulation der gesellschaftlichen Kooperationsverhältnisse" (S. 263) bestimmt werden.[1] Aufgrund dieser Sicht gehört die Organisation den Autoren zufolge "zum selbstverständlichen Inventar von Sozialtechnologien" (2007, S. 264). Ursächlich hierfür ist, dass bei der Organisation von einem "spezifischen Paradigma der Effizienz" ausgegangen wird, das durch die "produktive Regulation der Individuen" (ebd., S. 271, Herv. i. O.) auf die bestmögliche Steigerung von Effizienz und Effektivität gerichtet ist.

Neben der als selbstverständlich geltenden effizienzsteigernden Wirkung der Organisation ist im Hinblick auf die Arbeit ein weiterer Aspekt relevant. Die Organisation an sich benötigt aufgrund juristischer Regelungen Vertretungsorgane, um stellvertretend für die Organisation als Gesamtheit Verträge abzuschließen oder Rechenschaft abzulegen. Die Vertretenden handeln dabei für die Organisation, während jedoch auch die Organisation für ihre Mitglieder steht. Die individuellen Vertreterinnen und Vertreter handeln im Hinblick auf die Ziele des Prinzipals, also der Organisation. Diese Vertretungswirkung wird für ge-wöhnlich in der Verfassung der Organisation festgehalten und ist als agency zu verstehen (vgl. ebd., S. 273). Diese durch Organisationen verkörperte

Agency entfaltet eine doppelte Wirkung: Zum einen dient sie Organisationen als eine Legitimation, die gerade nicht formal legalen demokratischen Prinzipien folgt, sondern in der Darlegung besteht, dass sie allgemeine Interessen oder Interessen derjenigen vertreten, die nicht für sich selbst sprechen können (Wale, ethnische Minderheiten). Neuere Regierungskonzepte, die wie etwa Global Governance der so genannten Zivilgesellschaft und mit ihr den NGOs eine zentrale Rolle hinsichtlich globaler Steuerungsprozesse zuschreiben, basieren wesentlich auf diesem Konzept. [Dadurch werden die Repräsentierten erst erzeugt]. Zum anderen trägt dieses Konzept zu einer Ausdehnung organisationaler Regierung in Form der Vervielfältigung von Regierungsobjekten bei (ebd., S. 274).

Mit der Zugehörigkeit zu Organisationen geht auch die Fähigkeit der Trennung zwischen einem privaten und dem öffentlich-institutionellen Raum einher. Durch eine zunehmende Entkopplung von privaten und öffentlichen Rollen kann es den Individuen gelingen, sich weniger mit ihrer institutionellen Tätigkeit zu identifizieren und sich darüber zu definieren. Das System der Organisation breitet sich dadurch weiter aus und es wird möglich, überindividuelle und abstraktere Logiken hervorzubringen. Die hierarchisch differenzierte Verfügungsmacht in Organisationen wird weitgehend durch ihre Funktionalität begründet und nicht durch ihre Herrschaftsstruktur (vgl. ebd., S. 275 f.).

  • [1] Vgl. zur Verwendung des Begriffs des Dispositivs in diesem Zusammenhang auch Türk et al. (2002)
 
< Zurück   INHALT   Weiter >