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6.3.3 Organisationsspezifische Aushandlungsprozesse

Angesichts der von Kühl (2005) angeführten Informalisierung von Organisationsstrukturen ist die Verbreitung von Organisationsmodellen im Sinne der Grenzarbeit zwischen Nichtregierungsorganisation und lokalen Gemeinden nicht als einseitige Herstellung von anschlussfähigen formellen Organisationsstrukturen zu verstehen, sondern als wechselwirksame Annäherung zwischen unterschiedlichen formellen und informellen Ordnungen. Wilkinson-Maposa et al. (2005) und Wilkinson-Maposa / Fowler (2009) unterscheiden in dieser Hinsicht zwischen zwei Arten von Hilfe: Zum einen handelt es sich um die "Philanthropy for Community" (PfC), die zur Beschreibung der Hilfsindustrie herangezogen wird und bei der die reichen Geber und armen Nehmer in einem vertikalen Verhältnis zueinander stehen, in dem die Hilfe einseitig von Gebern zu Nehmern von Hilfe fließt. Zum anderen stellt die "Philantrophy of Community" (PoC) eine auf Wechselseitigkeit basierende indigene Hilfeform dar, bei der sowohl Geber als auch Nehmer von Hilfe arm sind und deshalb in einem horizontalen Verhältnis zueinander gesehen werden. Internationale NGOs werden folglich auf der vertikalen Verhältnisachse verortet, während gemeindebasierte Initiativen, Sicherungsnetze und Selbsthilfegruppen auf der horizontalen Ebene angesiedelt werden.

Beim Verhältnis zwischen der Hilfsindustrie, bestehend unter anderem aus internationalen Hilfsorganisationen, und den lokalen Sicherungsnetzen der Gemeinden entsteht nach Wilkinson-Maposa / Fowler (2009) ein "PhilantrophicArc". Dabei handelt es sich um ein Kontinuum zwischen vertikalen und horizontalen Hilfestrukturen, in dem sich verschiedenste Hilfsdienste, -kooperationen und Unterstützungsformen nach ihrem spezifischen Organisationsgrad einordnen lassen. Hier ist nun zu beachten, dass sowohl von der Hilfsindustrie wie auch den Sicherungsnetzen der Gemeinden "pull"-Effekte ausgehen, welche die jeweiligen Partner in die Richtung ihrer Unterstützungsform ziehen. Der "pull"-Effekt der Hilfsindustrie wirkt organisationsbildend, wohingegen der der communities einen gemeinschaftsbildenden Effekt ausweist. Wilkinson-Maposa / Fowler (2009) nehmen an, dass der "pull"-Effekt der vertikalen Unterstützung (der Hilfsindustrie) den der horizontalen Ebene (der communities) an Stärke, Intensität und Wirkung übersteigt. Von besonderer Bedeutung ist, dass bei der Zusammenarbeit beider Hilfestrukturen ein "Blending Terrain" entsteht, in dem sich exogene (horizontale) und endogene (vertikale) Unterstützungsmechanismen durchdringen und ineinander greifen (siehe Abb. 1). Wilkinson-Maposa / Fowler (2009) konkretisieren ihr Konzept des "Philantrophic-Arc" und des "Blending Terrain" folgendermaßen:

The idea that development organisations, local clubs and associations are mutable and can blend. They may have characteristics of both vertical and horizontal philanthropy systems, and can be located along a spectrum of norms that borrow from, mimic or draw on either system, rather than being specifically aligned with one or the other (S. xii).

Der Idee von Wilkinson-Maposa / Fowler (2009) zufolge verorten sich gemeindebasierte Organisationen im Spektrum zwischen der vertikalen Achse von organisierten Unterstützungsstrukturen von reich zu arm beziehungsweise des Staates sowie der Hilfsindustrie und der horizontalen Achse von Hilfe unter Mitgliedern derselben Gemeinde. Aus den unterschiedlichen Positionen und aufgrund der differierenden Weltsicht werden in diesem Räumen Aushandlungsprozesse ausgetragen, in denen das Verhältnis der beiden Hilfeformen zueinander hinsichtlich der Arbeitsweise und Zielsetzungen verhandelt werden.

Abb. 1: Der "Philantrophic-Arc" (Quelle: Wilkinson-Maposa (2009), S. 39)

Wilkinson-Maposa / Fowler (2009) haben zudem ein Verortungsraster erstellt, das die Einordnung von Organisationen zwischen den Polen der indigenen Hilfestrukturen und denen der Hilfsindustrie ermöglichen soll (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Organisationales Verortungsraster (Quelle: Wilkinson-Maposa 2009, S. 41)

Dem zufolge gibt es fünf Dimensionen von Gemeindehilfe: die Dimension der Agentschaft, die der Normen, die der Motivation zu helfen und der Intention der Hilfe, die Art der Hilfe sowie der Bedarfe und der zur Umsetzung verfügbaren Netzwerke. Entlang dieser Dimensionen bestimmen Wilkinson-Maposa / Fowler wesentliche Elemente vertikaler und horizontaler Hilfeformen. So werden gemeindebasierte Organisationen zwischen den Gegenpolen einer (vertikalen) Perspektive auf Defizite und Partnerschaften und der (horizontalen) Mobilisierung von Sachmitteln verortet. Zudem befinden sie sich zwischen dem Primat der Quantität seitens der Hilfeindustrie und der Wertschätzung der helfenden Handlung an sich. Die gemeindebasierten Organisationen bewegen sich zwischen dem Versuch, Menschen in Armut zu helfen und dem Vorrang der gegen-seitigen Absicherung, um nicht in noch schwerwiegendere Armutslagen zu geraten. Gemeindeorganisationen oszillieren zwischen der vertraglichen Festschreibung, der Bürokratie sowie technischen Abläufen und der Vertrauensbeziehungen, sozialen Verpflichtungen, Zusammenarbeit und Kooperation. Letztlich werden sie zwischen dem extern angestoßenen Versuch, Menschen und Gemeinden zu ihren Rechten zu verhelfen und dem eigenen Anspruch, die Würde, den Respekt und die Ehre als Menschen zu bewahren, eingeordnet (vgl. Wilkinson-Maposa / Fowler 2009, S. 41).

Wie gezeigt wurde, können gemeindebasierte Organisationen aus organisationswissenschaftlicher Perspektive als Hybride formeller und informeller sowie vertikaler und horizontaler Organisationsordnungen verstanden werden. Aus einer anderen Perspektive ist es möglich, zwischen verschiedenen Abstufungen von Organisiertheit zu unterscheiden. Ahrne / Brunsson (2011) bezeichnen mit dem Begriff der Organisation eine spezifische Art sozialer Ordnung. Anstelle einer Deutung der Organisation über die Abgrenzung von ihrer Umwelt unterscheiden die Autoren zwischen den Polen Organisation und keine Organisation. Eine Organisation ist dabei über die Merkmale Mitgliedschaft, Hierarchie, Regeln, Monitoring und Sanktionen definierbar. Aufgrund dieser Argumentation ist es den Autoren möglich, je nach Auftreten dieser Organisationsmerkmale einen graduellen Unterschied zwischen verschiedenen Arten von Organisation auszumachen. So unterscheiden sie zwischen den Typen der vollständigen, formalen Organisation (complete formal organization), die alle Merkmale der Organisation aufweist, und der partiellen Organisation (partial organization), die mindestens eines der Merkmale der Organisation besitzt. In Abgrenzung zu den anderen Modellen sozialer Ordnung, dem Netzwerk und der Institution, basieren Organisationen grundsätzlich auf Entscheidungen. So die Autoren:

We can find organization not only within, but also outside and among formal organizations. The environment of formal organizations can be organized, and formal organizations may be active in organizing their own members as well as their environment: other organizations and other individuals. In this respect, our concept of organization is broader than the concept of formal organization. In order to use this definition of organization, however, we must allow for both ›complete‹ formal organizations, and for various forms of what we call partial organization the use of less than all organizational elements (Ahrne / Brunsson 2011, S. 84).

Nach Ahrne / Brunsson (2011) gibt es mehrere Gründe für die Organisierung von Netzwerken bei der Zusammenarbeit mit formalen Organisationen. So können beispielsweise externe Kräfte die Organisierung von Netzwerken verlangen oder einleiten, da es für Außenstehende angesichts der unklaren Mitgliedschaft und damit einhergehend der Trennung zwischen Netzwerk und Umwelt problematisch ist mit Netzwerken zu kooperieren. Anders ausgedrückt werden externe Akteure, sobald sie mit einem Netzwerk in Interaktion treten, Teil dieses Netzwerks. Aus diesem Grund werden externe Akteure zur Kooperation mit einem Netzwerk Elemente von Organisation zumindest jedoch eine Klärung der Mitgliedschaft einfordern (vgl. ebd. S. 98). Das Organisationsmerkmal der Mitgliedschaft wird hierbei als Mindestanforderung für eine Kooperation zwischen einer formalen Organisation und einem Netzwerk angeführt. Basierend auf der Steuerbarkeit und der Koordination der Partnerschaften sollte jedoch das Merkmal der Hierarchie ergänzt werden. Letztlich müssen angesichts der Zusammenarbeit die Merkmale des Monitoring im Sinne der Rechenschaft und das Erstellen von Regeln in Form einer Verfassung angeführt werden. Der Versuch, Netzwerke und Institutionen in organisiertere Ordnungsstrukturen zu überführen, dient folglich der Veränderung im Verhalten der Mitglieder und ihrer kollektiven Ausrichtung. Sie soll dadurch leichter zu fassen sein, um den gegenwärtigen Anforderungen nach Rechenschaft und Transparenz nachzukommen und im Fall von Netzwerken diese nach außen abzugrenzen, damit sie als Kooperationspartner für andere Organisationen in Frage kommen (vgl. ebd., S. 95).

Es existieren allerdings auch Organisationen, die nicht alle Merkmale vollständiger formeller Organisationen aufweisen. Ahrne / Brunsson (2011) erklären diese Phänomen folgendermaßen:

In conclusion, we expect some partial organization to be the result of the organizers' inability to use more than one or a few organizational elements. They have not had the energy or resources necessary or they have met too much resistance from the individuals or organizations they tried to organize. Or they have found that attempts to apply one element sometimes obstruct the use of another. Insisting on a hierarchy or on strict rules, for example, may make it more difficult to recruit members, especially if the potential members are other organizations with an interest in defending their own hierarchy and rules (S. 93).

So können Organisationen eventuell nicht in der Lage sein, alle notwendigen Anforderungen zu erfüllen. Gegebenenfalls ist dies aber zur Erreichung des Ziels der Gruppen schlichtweg nicht notwendig, wodurch kein Bedarf der vollständigen Formalisierung besteht. Eventuell kann aus der Gruppe heraus Ablehnung einer von außen übergestülpten sozialen Ordnung entstehen, welche sich gegen eine bereits bestehende Organisationsform der Gruppe richtet.

 
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