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9.2 Feldaufenthalte, Erhebung und Sample

Vor jedem Feldaufenthalt muss das Untersuchungsfeld notwendigerweise zuerst einmal an sich "nach räumlichen und zeitlichen Kriterien" (Beer, S. 11) konstruiert und definiert werden. Hierfür hätte sich zur Untersuchung der Praktiken der Graswurzelarbeit die Möglichkeit geboten, das gesamte Kontinuum von den Spendern über die Hilfsorganisation hin zu den Empfängern von Hilfe zu verfolgen und an den unterschiedlichen Orten, also "multi-sited" (Marcus 1995), zu untersuchen und so "translokale Analysen" (Lachenmann 2011, S. 226) anzufertigen.[1] Das Ziel der Forschung war es allerdings insbesondere die Praktiken an den organisationalen Schnittstellen, also an und in den Gemeinden vor Ort zu erforschen. Ziel dabei war es nicht multi-sited im Sinne einer folgenden Ethnografie nach Marcus (1995), sondern einer fokussierten Kontrastierung verschiedener, ähnlicher sites oder settings eines Feldes vorzugehen, um die wesentlichen Elemente und die typischen Muster und Strukturen zu erfassen. Anstelle eines längeren Aufenthaltes an einem Ort wurde eine Vielzahl von Schnittstellen ›multi-lokal‹ untersucht. Damit wurde ein gesättigtes Sample verschiedener Projektkonstellationen angestrebt, um über eine Vergleichsmöglichkeit kontrastiver Fälle das Wesentliche oder den Kern aller Settings zur Erlangung generalisierbarer Ergebnisse in den Blick zu nehmen. Dieses Vorgehen ist in zwei Aspekten begründet. Zum einen konnten somit unterschiedliche Länder und Arbeitsweisen berücksichtigt werden, zum anderen, und dieser Punkt ist wohl noch wichtiger, haben sich die damit in die Untersuchung aufgenommenen Gemeindeprojekte in verschiedenen Stadien der Projektarbeit befunden. Dadurch war es möglich, die Prozesshaftigkeit der Gemeindearbeit zu erfassen, wie auch die Veränderungen der Projektansätze der letzten Jahre zu berücksichtigen.

Wie eingangs erwähnt, habe ich für die Erhebung insgesamt zwei Feldaufenthalte durchgeführt. Der erste Feldaufenthalt konnte im Rahmen des Dis- sertationsprojektes für etwa sieben Wochen in Sambia umgesetzt werden. Der zweite Feldaufenthalt für die Erstellung des Gutachtens wurde für jeweils zwei Wochen in Sambia, Äthiopien, Kenia, Uganda und Mosambik durchgeführt. Die Länderauswahl für die erste Erhebung für diese Arbeit fiel auf Sambia, da hier einerseits von der NGO eine politisch und sicherheitsbezogen günstige Situation gesehen wurde, andererseits aber auch Mitarbeitende der NGO vor Ort waren, die das eingesetzte Gemeindeprojektmodell (mit-)entworfen haben und dadurch als erfahrene Ansprechpersonen zur Verfügung standen. Zudem wurden in Sambia als einem der ersten Länder Pilotprojekte mit diesem Modell durchgeführt, wodurch es über die Gemeindeprojekte mit der längsten Laufzeit verfügte. Darüber hinaus liefen dort zum Zeitpunkt der Erhebung weitere Pilotprojekte zu neuen Projektansätzen, die somit in das Erhebungssample einfließen konnten. Für den zweiten Feldaufenthalt (im Rahmen der Erhebungen zur Gutachtenerstellung) hat die NGO die Auswahl der Länder getroffen. Die Auswahl von Sambia, Mosambik, Uganda, Kenia und Äthiopien wurde damit begründet, dass der Reviewprozess auf eine fünf Jahre zuvor angefertigte Studie aufbauen sollte, die in vier dieser fünf Länder durchgeführt worden war. Aufgrund des Interesses der NGO ist zu diesen vier Ländern mit Kenia ein Land hinzugekommen, in dem die Partnerstrukturen in den Gemeinden im staatlichen Aufgabenbereich liegen.

Vor Ort musste die Frage geklärt werden, wo sich das Feld und damit die Schnittstelle zwischen den Akteuren denn letztlich befindet und konkret verortet wird ‒ also wo und in welchen Situationen und Settings Interaktionen zwischen den Akteuren des Feldes beobachtbar werden. Es galt somit zu klären, ob die dafür relevanten Interaktionen ausschließlich vor Ort, bei persönlichen Treffen in den Dörfern oder auch in anderer Form stattfinden, beispielsweise schriftlich oder in den Büros der NGO. Zugleich galt es zu klären, in welchen Rahmungen Interaktionen gefasst werden können, wie etwa in Workshops, Planungstreffen oder Trainings, und wo Schnittstellen aufblitzen, beispielsweise in Sitzungen der Mitarbeitenden der NGO. Und so fanden Beobachtungen sowohl in den Büros der NGO, während der Autofahrten sowie zur Zeit der Besuche in den Gemeinden und verschiedenen Trainings und Treffen statt, wovon insbesondere drei spezifische und länger bestehende Settings kurz Erwähnung finden sollen, die sich als zentral oder vielmehr als besonders ›dicht‹ herausgestellt haben. Zum einen war es möglich, an einem mehrtägigen Workshops für Gemeindearbeiterinnen und -arbeiter der NGO zur Organisationsbildung in communities, inklusive praktischer Umsetzung in einer Gemeinde, teilzunehmen. Des Weiteren waren ein Besuch und eine Teilnahme an einem zweitägigen Workshop zur Ausbildung von Gemeindemitgliedern im Umgang mit einem Monitoringbogen möglich. Weiterhin war die Gelegenheit einer Teilnahme an einem mehrtägigen Workshop für leitende Gemeindearbeiterinnen und -arbeiter der NGO gegeben. Es handelte sich hierbei um relativ ›explizite‹ Settings, in denen die hier geltenden Regeln, Bilder und Prozesserwartungen relativ deutlich formuliert wurden.

Für beide Feldaufenthalte wurde die Auswahl der zu besuchenden Gemeinden im Hinblick darauf vorgenommen, möglichst kontrastreiche Fälle in das Sample aufzunehmen. Als Gesichtspunkte für die Kontrastierung der Fälle galten die Dauer der bereits absolvierten Projektlaufzeit, die angewandten Projektmodelle, der Modus der Zusammenarbeit mit den staatlichen Strukturen und die subjektive Einschätzung der Mitarbeitenden der NGO hinsichtlich gut und weniger gut laufenden Projekten. Es befanden sich somit Gemeindegruppen mit im Untersuchungssample, die schon auf eine jahrelange gemeinsame Projektgeschichte mit der NGO zurückblicken konnten und teilweise unmittelbar vor Ende der Projektlaufzeit standen, aber auch Gemeindegruppen, die erst kürzlich die Projektarbeit aufgenommen haben. Schließlich muss erwähnt werden, dass bei der Auswahl der Gemeindegruppen eine gewisse Willkür und Opportunität mitgewirkt haben, da die Entscheidung zumindest im Verlauf der ersten Feldphase von den gegebenen logistischen Möglichkeiten und den zeitlichen Verfügbarkeiten abhängig gemacht werden musste.

Während der Aufenthalte in nationalen, regionalen und lokalen Büros der NGO konnten mit verschiedenen Mitarbeitenden der NGO jeweils mehrere Gemeindeprojekte besucht werden. Dabei war es im Rahmen der beiden Feldaufenthalte möglich, insgesamt 22 Interviews mit Expertinnen und Experten und 66 Gruppendiskussionen und -interviews in 31 Gemeinden durchzuführen. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass es hierbei deutliche Unterschiede hinsichtlich der beiden Feldaufenthalte gab. Im Zuge des Feldaufenthaltes für das Dis- sertationsprojekt habe ich neun Interviews und 12 Gruppendiskussionen durchgeführt. Diese Erhebungen fanden nahezu ausschließlich mit Mitarbeitenden der NGO und Mitgliedern von Gemeindegruppenkommittes statt. Im Rahmen der Gutachterstudie konnten im Rahmen von 13 Interviews und 54 Gruppendiskussionen deutlich mehr Gemeindegruppen befragt werden. Zudem befanden sich darunter auf Wunsch der NGO deutlich mehr Gruppen von Hausbesuchenden der Gemeindeorganisationen, Kindern und Jugendlichen sowie deren Familienangehörigen, die überwiegend separat von den Gemeindeorganisationen befragt werden konnten. Darüber hinaus waren im Rahmen des Gutachtens Interviews und Gruppendiskussionen mit staatlichen Angestellten möglich, die im ersten Feldaufenthalt nicht zustande kamen.

  • [1] Macdonald (2011) bemerkt hierzu jedoch, dass Feldforschung immer schon an mehreren Orten stattgefunden hat und die Versuche "ex-sited: to get out of place" (S. 29) und das Verfolgen von Ideen, Akteuren und Objekten zu Befürchtungen eines Verlusts an Tiefe geführt haben und zudem die Bedeutung des Ortes oder der Lokalität verdeutlichten
 
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