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9.3 Methoden

Die Ethnografie ist methodologisch grundsätzlich als Forschungshaltung und Triangulation verschiedener Einzelmethoden zu verstehen. Entgegen einer eher passiven Forscherrolle und einer primär methodenorientierten Erhebung verfolgt sie primär die Einbringung der Forschenden in das Feld, um mittels eines flexiblen und gegenstandsangemessenen Einsatzes von Methoden Daten zu gewinnen (vgl. z. B. Flick 1995, S. 157-168; Lüders 2013, S. 393 ff.). Der ethnografischen Forschungshaltung entsprechend wurden als Methoden insbesondere die teilnehmende Beobachtung und ethnografische Interviews entsprechend der gegebenen Möglichkeiten eingesetzt, aber auch Gruppendiskussionen und -interviews sowie Interviews mit Expertinnen und Experten und Artefaktanalysen. Aufbauend auf dem Forschungsstand und angesichts der Fragestellung wurden zwei grundlegende analytische Herangehensweisen gewählt, die unter sich Schnittmengen und Verbindungen ausweisen. Zum einen wurde der Blick auf die Interaktionen und Handlungen an den Schnittstellen zwischen den Akteuren genauer gesagt der NGO und den Gemeindegruppen gerichtet.[1] Neben diesem Blick auf den analytischen Raum wurden zum anderen die Narrative der Entwicklungspartner hinsichtlich der Verlaufsbeschreibungen der Projekte untersucht, um den zeitlichen Verlauf und die rückblickende Deutung zu erfassen sowie die subjektiven Sinn- und Wahrnehmungskonstruktionen zu erarbeiten. Für einen Überblick und zur Transparenz des Vorgehens werden im Folgenden die eingesetzten Einzelmethoden und die damit in Zusammenhang stehenden Forscherrollen und Einschränkungen separat besprochen, auch wenn sie faktisch im Feld nicht vollständig trennscharf angewandt wurden. Zudem wird auf die Rolle der Sprache und die Dokumentation während der Erhebung eingegangen.

9.3.1 Teilnehmende Beobachtung und Rollen im Feld

Teilnehmende Beobachtungen (vgl. Spradley 1980; Lüders 2013) wurden mit einem Fokus auf Interaktionen zwischen Vertretenden der NGO und Gemeindegruppen wie auch bei der Teilnahme an Workshops und Diskussionsrunden von Mitarbeitenden der NGO sowie in den nationalen und lokalen Büros als Strukturen des Schnittstellenmanagements durchgeführt. Beobachtungssituationen von Interaktionen mit Gemeindegruppen waren oft von Gesprächsanlässen gerahmt. Es wurden also durch die Mitarbeitenden der NGO Gesprächstermine mit den Gemeindegruppen vereinbart, deren Setting und Verlauf dann Gegenstand der Beobachtung waren. Solche Situationen waren, wenn möglich, in die Arbeit der Mitarbeitenden der NGO eingebettet, wie etwa während der Durchführung von Trainings oder bei der Übergabe von Unterlagen oder Materialien. Beim ersten Feldaufenthalt war es mir darüber hinaus möglich, eine Ausbildung als Gemeindegruppentrainer zu absolvieren und aktiv an einer Trainingsmaßnahme teilzunehmen. Meine dabei gesammelten Erfahrungen und die Eindrücke aus der Arbeit als Gutachter boten so zudem die Möglichkeit der Selbstbeobachtung.

Abhängig von der Art der Feldaufenthalte standen mir verschiedene Beobachter- und Teilnehmerrollen zur Verfügung, die situativ variabel gedeutet werden konnten. Im Verlauf des ersten Feldaufenthalts war dies die Rolle des Doktoranden oder Studenten, also die eines Lernenden, der als eine Art Praktikant bei der Arbeit ›mitläuft‹, dem Dinge gezeigt und erklärt werden und der aufgrund seiner Außenperspektive auch "›naive‹ Fragen" (Wolff 2013a, S. 347) zum besseren Verständnis stellen kann. Beim zweiten Feldaufenthalt galt es in der Rolle des Beraters eine aktivere Funktion einzunehmen. Dadurch war es zwar einerseits nicht mehr so gut möglich, neben dem Beraterauftrag auf die eigentlichen Forschungsfragen einzugehen, andererseits wurden dadurch jedoch neue Perspektiven eröffnet, die zuvor so nicht gegeben waren, zum Beispiel durch den Zugang zu staatlichen Einrichtungen und Angestellten.

Die verschiedenen Rollen im Feld als Nachwuchsforscher und als Gutachter der NGO müssen an dieser Stelle sicherlich eigens reflektiert werden. Nach Mosse / Lewis (2006)[2] bestehen drei Arten von Entwicklungsethnografien: die der aktionsbezogenen oder instrumentellen, die der kritisch-dekonstruierenden sowie die der interaktions- und akteursbezogenen Forschung. Eine eindeutige Zuordnung ist aufgrund der unterschiedlichen Rollen im Feld nicht unmittelbar ersichtlich. So handelte es sich beim ersten Feldaufenthalt schwerpunktmäßig um interaktionsbezogene Forschung, während in der zweiten Feldphase aufgrund der Beraterfunktion die aktionsbezogene oder instrumentelle Forschung im Vordergrund stand. Die Ergebnisse aus dem Beratungsauftrag wurden allerdings nicht unmittelbar in die vorliegende Arbeit übernommen, sondern vielmehr als Reflexionsfolie zum besseren Verständnis der Projektarbeit der NGO und der Gemeindegruppen genutzt. Zudem wurden im Rahmen des Feldaufenthalts als Berater Materialien gesammelt, die durchaus für die Interaktionsanalyse genutzt werden konnten. Der zweite Feldaufenthalt und die Rollen des Gutachters und Trainers habe ich dazu genutzt, um einen vertieften Einblick in das Feld zu erlangen. Weiterhin hat die Rollenübernahme die Selbsterfahrung aus der Perspektive institutionalisierter Akteure im Feld ermöglicht. Damit war es möglich die "Lebenswelt" (Honer 1993) eines aktiven Teilnehmers dieser Welt aus der (partiellen) Innenperspektive zu erfahren, wodurch ein besseres Verständnis der Dilemmata, Schwierigkeiten und Handlungsstrategien der Akteure erlangt werden konnte. Dahingegen stand bei der schnittstellenfokussierten Ethnografie die Untersuchung der Schnittstelle zwischen Gruppen eines Ausschnittes der Entwicklungswelt im Zentrum des ersten Feldaufenthaltes. Eine reine Selbstbeobachtung schien hier aufgrund der Arbeitsintensität jedoch nicht möglich und im Hinblick auf die Forschungsfrage auch nicht zielführend. Die Distanz zum Feld habe ich dabei versucht durch Selbstreflexion und durch Absprache mit den Betreuern zu wahren.[3]

Der Unterschied zwischen den beiden Rollen war für die anderen Beteiligten im Feld wahrscheinlich nicht unbedingt offensichtlich. Als Forscher wurde ich unterschiedlich in die Treffen eingeführt und der Grad der Aktivität und Aufmerksamkeit war damit verbunden unterschiedlich stark. Die zur Verfügung stehenden Rollen als eher passiver Beobachter (lernender Student, Praktikant oder Teilnehmer an einer Schulung) oder als aktiv gestaltend teilnehmender Akteur im Feld (Trainer, interviewender Forscher oder Gutachter der NGO) wurden bei der Auswertung und der Dateninterpretation entsprechend berücksichtigt. Grundsätzlich waren alle Situationen von einer Rollenbalance zwischen der eines teilnehmenden Beobachters und eines beobachtenden Teilnehmers (vgl. Flick 1995, S. 153; Lüders 2013, S. 391 ff.) geprägt. So war oftmals eine aktive Teilnahme erforderlich, gelegentlich aber, wie vor allem bei Workshops, auch die Einnahme einer weniger ins Geschehen involvierten Beobachtungsperspektive möglich.

Schließlich ist zu vermuten, dass in allen Fällen eine primäre Wahrnehmung als ›weißer Mann‹ und damit die Verbindung zu Sponsoren und Gebern sowie zur NGO als Geberorganisation vorgeherrscht haben mag, ich also nicht als neutraler und unabhängiger Besucher oder Forscher angesehen wurde. Im Zuge der zweiten Feldphase mag der vermutete Einfluss einer wahrgenommenen Prüfungstätigkeit zumindest anfänglich für etwas Skepsis auf Seiten der NGO-Mitarbeitenden sowie der Gemeindegruppenmitglieder gesorgt haben, was sich jedoch im Zuge der Aufenthalte relativ schnell zu verflüchtigen schien. Ganz in diesem Sinne bemerken Spieß et al. (2011), dass der Feldforscher

[E]ben auch nur ein Akteur unter vielen ist ‒ nicht klüger oder moralisch besser oder schlechter als die "Erforschten" ‒; nur im (Zusammen-)Spiel mit ihnen ist er in der Lage, seine eigenen Forschungsinteressen zu verfolgen. Als Forscher hat er dabei allerdings gleichzeitig die Aufgabe, die Komplexität des Spiels, die Heterogenität der Regeln und die verflochtenen sozialen Logiken, denen die Spieler folgen, zu entwirren (S. 11).

Die Ethnografen können demzufolge sehr wohl in ihrer Rolle selbst in die Aushandlungsprozesse der Akteure einbezogen werden, die sie versuchen zu erforschen. Denn letztlich könnte die Arbeit von Forschenden einen (vermeintlichen) Einfluss auf die Ressourcen und ihre Verteilung haben, aus welchem Grund er die ihm gegenüber gemachten Aussagen eben mit Vorsicht auf latente Absichten hin prüfen muss.

  • [1] Selbstverständlich sind die Dorfgemeinschaften keine homogenen Akteure; aus der Perspektive der organisationalen Praxis der NGO können sie in der Alltagspraxis aber durchaus als solche adressiert werden (vgl. hierzu z. B. Macdonald 2011)
  • [2] Vgl. hierzu auch Campregher (2008)
  • [3] Zum Problem von Teilnahme und Distanz in der Feldforschung vgl. insbesondere HauserSchäublin (2003)
 
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