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9.3.2 Mündliche Befragung

Neben der teilnehmenden Beobachtung wurden im Sinne der Ethnografie durch mündliche Befragung die subjektiven Sinnzuschreibungen der Beteiligten über die Abfrage von Beschreibungen, Meinungen, Erinnerungen und Erfahrungen untersucht, wobei besonders die Narrative von Prozessen der Projektarbeit von Interesse waren (vgl. Hopf 2013, insbesondere S. 350). Zur Untersuchung der Zusammenarbeit zwischen der NGO und den Gemeinden wurde mit einem narrativen Interview- und Diskussionsansatz gearbeitet, der sich auf die Geschichte von Organisationen sowie auf Geschichten in Organisationen konzentriert. In der Organisationsforschung können solche Geschichten als organisationsbiografische Interviews, als Karrieren und Identitätskonstrukte von Organisationen in Form von Chroniken und einem nachträglich konstruierten Plot verstanden werden (vgl. Czarniwaska 2009). "Zu den Erzählungen über Organisationsidentität gehören nicht nur offizielle historische Dokumente, sondern alle Arten des kollektiven Geschichteneerzählens, die ein Quasisubjekt, die Organi-sation, zu kreieren versuchen" (ebd., S. 72). Dabei sind die Chroniken Versuche der narrativen Ordnung bedeutender Ereignisse, während die Plots, also die logische Verbindung zwischen den Ereignissen, nach Weick (1995) als subjektiver Sinn oder sensemaking verstanden werden können (vgl. Czarniwaska 2009). So Czarniwaska:

Eine Erzählung ist ein chronologisch geordnetes Set von Ereignissen oder Handlungen; die Story dagegen ist narrativ strukturiert oder modelliert (emplotted) – was bedeutet, dass ein logischer Zusammenhang (in einem weiteren Sinn von Logik) eingeführt worden ist (ebd., S. 67).

Die Analyse der Geschichten kann also über die Benennung der wichtigen Ereignisse einerseits Aufschluss über die Arbeitsschritte und Arbeitspraxis der Organisationen, also die Strukturierung der Arbeit, geben. Andererseits kann der ex-post konstruierte Plot dieser Geschichten sowie die Sinninterpretationen und Deutungsmuster der Organisationsmitarbeiter und -mitglieder gegenüber dieser Praxis verdeutlichen. Folglich ist es Czarniwaska (vgl. ebd., S. 70 f.) zufolge üblich und sinnvoll, für Studien, die sich mit Geschichten von Organisationen und in Organisationen beschäftigen, in Interviews unmittelbar nach solchen Geschichten und Erzählungen zu fragen.

Dementsprechend habe ich die Gemeindemitglieder nach der Geschichte ihrer Zusammenarbeit mit der NGO und ihrer gemeindebasierten Organisation befragt. Außerdem wurden die NGO-Mitarbeitenden zu den Kooperationsgeschichten befragt sowie nach der Entstehungsgeschichte des Projektmodells, um so Entwicklungsprozesse sowie organisationsinterne Prozesse und Logiken nachzuvollziehen. Die Frage nach der Geschichte der Organisationen und der Projekte wie auch nach der Arbeitspraxis eröffnet somit Perspektiven auf Sinnzuschreibungen und Deutungen sowie auf das spezifische Identitätsverständnis der betreffenden Akteure und ihrer Organisationen. Konkreter ausgedrückt kann durch das Erzählen der Geschichten durch die gemeindebasierten Organisationen deren Selbstbild und Verständnis zu der Arbeit der NGO ausgedrückt werden, wobei subjektiv wichtige Ereignisse als Strukturierungshilfen in den Erzählungen dienen. Darüber hinaus wird durch die Erzählungen der NGO eine Perspek-tive auf das Verständnis der Kooperation eröffnet sowie auf die organisationsinterne Logik der Programmimplementierung. Solche Narrative können Einblicke in die aktuelle Deutung des Verhältnisses bieten, aber ebenso dazu beitragen, rückblickend Situationen zu erinnern und einzuordnen, selbst wenn sich daraus Schwierigkeiten hinsichtlich der trennscharfen analytischen Unterscheidung ergeben können.

Es sei hierbei angemerkt, dass sich durch die unterschiedlichen, von den Adressatinnen und Adressaten interpretierten Rollen des Forschers im Feld die Geschichten und ihre Deutungen modifiziert werden können. So wurde von den Ansprechpersonen gelegentlich der Versuch unternommen, auf Basis der Erfahrung mit bis dahin gemachten Erzählweisen der angenommenen Erwartungshaltung des Gegenübers gerecht zu werden. Wird etwa eine Situation als Prüfung empfunden, so werden wahrscheinlicher Erfolgsgeschichten erzählt, als dass Kritik am vermeintlichen Prüfer geübt wird, der womöglich den Zugang zu Ressourcen kontrolliert. Zugleich scheint eine offene und Narration generierende Herangehensweise dem Ansatz der Ethnografie am ehesten gerecht zu werden. Exemplarisch ist hier anzuführen, dass komplexere Fragen oder ein hoher Abstraktionsgrad in Anbetracht der interkulturellen Kommunikation in einer Fremdsprache leicht zu Missverständnissen führen können und die Methode des Erzählens von Erfahrungen besonders in den Gemeindegruppen auf größere Resonanz stoßen. Erzählungen bieten zudem den praktischen Vorteil, unmittelbar Anknüpfungspunkte für Verstehens- und Folgefragen zu eröffnen.

9.3.2.1 (Expertinnen- und Experten-)Interviews

Im Rahmen der Befragung wurden leitfaden- und leitthemengestützte Interviews geführt, welche bestimmte Aspekte der Zusammenarbeit zwischen der NGO, den jeweiligen staatlichen Behörden und den Gemeindegruppen thematisierten. Darunter gefasst werden zum einen die Interviews mit Mitarbeitenden der NGO, Gemeindegruppenmitgliedern und staatlichen Angestellten in Bezug auf ihre Arbeit und die Arbeit mit den jeweils anderen Projektpartnern. Dabei wurden vor allem Fragen zu Arbeitsabläufen, ihren Erfahrungen während der Arbeit und zu praktischem ›Insiderwissen‹ gestellt.

Hinzu kamen die Interviews, die gezielt mit Mitarbeitenden der Organisation hinsichtlich ihres speziellen Wissens aufgrund ihrer Beteiligung an der Entwicklung des Gemeindeprojektmodells der NGO oder aufgrund ihrer besonderen Position innerhalb der Organisation geführt wurden. Einen bedeutenden Teil der Erhebung stellen die Expertinnen- und Experteninterviews mit den Mitarbeitenden der NGO dar. Die Definitionen des Expertenstatus sind in der Methodenliteratur durchaus vielfältig (vgl. z. B. Rosenthal 2008, S. 134). In Anlehnung an Meuser / Nagel (2005a) halte ich die Mitarbeitenden der NGO für Expertinnen und Experten, da sie über Spezialwissen über die Arbeit der NGO und die damit verbundenen praktischen Implikationen sowie Entwicklungsprozesse der Methoden und Arbeitspraktiken kennen. Darüber hinaus verfügen sie durch ihre Felderfahrung über Wissen um die praktische Arbeit mit Gemeindegruppen (vgl. S. 73 ff; dies. 2005b, S. 258 ff). Da die Mitarbeitenden der NGO sowohl über "Betriebswissen" wie auch über "Kontextwissen" (dies. 2005a, S. 75) verfügen, können ihnen also nicht lediglich Fragen zu Abläufen innerhalb der Organisation und Arbeitspraktiken mit den Gemeindegruppen gestellt werden. Sie sind außerdem in der Lage zusätzliche "komplementäre" (ebd.) Informationen betreffend der in den Gemeinden lebenden Menschen zu geben (vgl. ebd., S. 75 ff.; dies. 2005b, S. 264 ff.).

Zur Durchführung der Interviews wurde ein auf theoretischem Vorwissen basierender offener Leitfaden entwickelt. Diesen habe ich im Verlauf der Feldforschung durch das Aufkommen neuer Aspekte, die aus Gesprächen mit Mitarbeitenden und Gemeindegruppenmitgliedern oder durch Beobachtungen hervortraten, kontinuierlich modifiziert und erweitert (zu diesem Vorgehen vgl. dies. 2005b, S. 268 f.). Entsprechend des offenen Leitfadens wurden Mitarbeitende der NGO aufgrund ihrer Arbeitsschwerpunkte für Interviews ausgewählt. Neben generellen Fragen zu den Projekten habe ich ihnen spezifische Fragen "fokussiert [...] auf das Sonderwissen" (Pfadenhauer 2005, S. 114) gestellt, das sie durch ihren speziellen Aufgabenbereich innerhalb der Organisation aufgrund ihrer Ausbildung und durch die Arbeit mit Gemeindegruppen erworben haben (vgl. ebd., S. 114 ff.). Die Interviews wurden nach Möglichkeit in separaten Räumen durchgeführt, in denen nur die jeweils interviewte Person sowie ich als Interviewer anwesend waren.[1] Nach dem Hinweis der Anonymisierung wurde mit dem Gespräch sowie dessen Aufzeichnung begonnen. Die Orientierung am Leitfaden war je nach Gesprächsverlauf verschiedentlich stark; Meist genügte ein einleitender Frageimpuls, um auch längere Antworten zu generieren, wodurch häufig mehrere Leitfragen thematisiert oder direkt beantwortet wurden.

9.3.2.2 Gruppendiskussionen und -interviews

Während der Erhebungen wurden zudem Gruppendiskussionen und -interviews durchgeführt (vgl. Bohnsack 2013; Liebig / Nentwig-Gesemann 2009). Liebig / Nentwig-Gesemann (2009) charakterisieren den Unterschied zwischen Gruppendiskussionen und -interviews folgendermaßen:

So geht es im Unterschied zu Gruppeninterviews bzw. Fokusgruppen weder darum, mehr oder minder standardisiert einen schnellen Einblick in Organisationen zu erhalten oder möglichst zahlreiche Informationen zu vordefinierten Fragestellungen zu sammeln. Vielmehr handelt es sich um eine Methode, die in erster Linie dem Erfassen des "impliziten" Wissens der Organisationsmitglieder bzw. dem Generieren von Theorien über Wissen und Handeln in Organisationen dient. Und während Gruppeninterviews oftmals eine individualisierende theoretische Perspektive zugrunde liegt – auch wenn sie zum Teil auf die aus Gruppensituationen entstehenden Synergieeffekte zielen –, so stehen bei der Gruppendiskussion von vornherein kollektive Phänomene – Erfahrungszusammenhänge, Prozesse und Orientierungen – im Vordergrund. Auch wird das Gespräch im Rahmen dieser Methode weder von den Forschenden gesteuert oder "fokussiert" […] (S. 104).

Es wird bei der Gruppendiskussion also insbesondere auf die Erfassung der impliziten kollektiven Erfahrungen fokussiert, wohingegen das Gruppeninterview auf die quasi-standardisierte Erhebung von Wissensbeständen abzielt.

Bei Treffen mit Gemeindegruppen und Gruppen von Mitarbeitenden der NGO wurde ich als Interviewer und das Vorhaben von den einführenden Mitar-

beitenden der NGO kurz vorgestellt. Daraufhin hatte ich die Möglichkeit, selbst noch einmal das Vorhaben vorzustellen und mein Forschungsinteresse zu konkretisieren, bevor die eigentliche Diskussion beginnen konnte. In allen Gruppengesprächen des ersten Feldaufenthaltes habe ich, abgesehen von einigen Leitthemen, auf den Einsatz eines Leitfadens verzichtet und den Gesprächspartnerinnen und -partnern zu Beginn eine übergeordnete Impulsfrage nach ihren ErfahErfahrungen mit der Zusammenarbeit mit der NGO gestellt sowie zu ihrer Arbeitsweise und der Situation in den Gemeinden als einen "erzählgenerierenden Ausgangsstimulus" (ebd., S. 106). Aufbauend auf die Antworten ergaben sich unmittelbare "immanente" (ebd.) Folgefragen, die im Verlauf durch die "exmanenten Nachfragen" (ebd.) ergänzt wurden. Im Rahmen der Gutachtertätigkeit war es dagegen erforderlich, einen ausführlichen und den Begutachtungsfragen entsprechenden Leitfaden zu entwerfen, um ihn in Fokusgruppeninterviews einzusetzen, auch wenn eine Vielzahl der Fragen bereits mit der Antwort auf die Einstiegsfrage nach der Kooperationsgeschichte und der Vorstellung der Gemeindegruppe geklärt wurden.

Die Vorteile der Methode bestanden vor allem darin, dass sich oftmals infolge des Frageimpulses innerhalb der Gruppen eine Gesprächsdynamik entwickelte, in der sich die Teilnehmenden gegenseitig zustimmten und so aufgrund einzelner Beiträge Erzählanreize entstehen konnten. Eine Einschränkung dieser Gesprächsdynamik war, dass das Gesagte überwiegend mich als Interviewer und Gesprächsleiter gerichtet wurde (vgl. hierzu auch Schlehe 2003, S. 82), so dass die Gespräche im späteren Verlauf meist den Charakter von Gruppeninterviews angenommen haben. Besonders durch Frageimpulse zur Geschichte der Gemeindegruppen zu Beginn der Diskussionen konnten zumindest anfänglich längere Redebeiträge gefördert und ein Rahmen zur Diskussion gebildet werden. Nachfragen zu einzelnen Aspekten, die im Verlauf der Forschung relevant erschienen oder im jeweiligen Gespräch von den Befragten relevant gemacht wurden, habe ich daher erst im späteren Verlauf der Gespräche versucht einzubringen.

Viel gewichtiger scheint hierbei allerdings, dass manche der Gespräche überwiegend von wenigen Wortführern bestritten wurden und keine breite Teilnahme der anderen Anwesenden zustande kam ‒ ein Phänomen, das zum Teil auf die Ausdruckfähigkeit der Befragten in der Interviewsprache zurückführbar scheint, jedoch bei dieser Erhebungsmethode durchaus ebenfalls von der Sprache unabhängig auftreten kann. Hierbei waren es vor allem wenige Männer und vereinzelt auch Frauen, die die Gespräche dominierten, während bei ausschließlich aus Frauen bestehenden Gruppen ebenfalls die Herausbildung einzelner Sprecherinnen zu beobachten war. Eine Option um dem gegenzusteuern war es, die schweigsamen Anwesenden gezielt anzusprechen oder deren Zustimmung zu gemachten Aussagen zu erfragen. Von mir als Forscher und den Mitarbeitenden der NGO wurde so versucht, zurückhaltende Teilnehmende zu Wortbeiträgen zu animieren (vgl. hierzu Schlehe 2003, S. 82). Ziel war es letztlich nicht primär die Diskussions- und Hierarchiestruktur der Gruppen zu analysieren oder gar zu glätten, sondern deren kollektive Erfahrungen und Deutungen der Zusammenarbeit mit der NGO zu untersuchen. Wie Liebig / Nentwig-Gesemann (2009) kommentieren:

Bei Mitgliedern von Realgruppen, die sich auch jenseits der Erhebungssituation in einem sozialen Zusammenhang befinden und miteinander interagieren, kann man zum einen per se von einer konkreten, kollektiv geteilten Erfahrungsbasis ausgehen, an die die Fragestellungen unmittelbar anschließen können (S.105).

So wurde auch nicht auf die Deutung der gruppeninternen Aushandlungsprozesse innerhalb der Gespräche abgezielt, sondern vielmehr deren geteilter Erfahrungshorizont mit der Projektarbeit ins Zentrum der Untersuchung gerückt.

9.3.2.3 Ethnografische Interviews

Unter ethnografischen Interviews (vgl. Spradley 1979; Schlehe 2003) sind nichtaufgezeichnete Gespräche mit Akteuren im Feld zu verstehen, die als spontane Gespräche zum Beispiel während der vielen Autofahrten oder Wartezeiten zustande kamen. Ethnografische Interviews können nach Spradley (1979) wie folgt charakterisiert werden: "It is best to think of ethnographic interviews as a series of friendly conversations into which the researcher slowly introduces new elements to assist the informants to respond as informants" (S. 58). So werden in der vorliegenden Untersuchung unter dem Sammelbegriff der ethnografischen Interviews insbesondere Gespräche über allgemeine wie auch bestimmte Themen zu Arbeitsabläufen und Verfahren verstanden sowie die gemeinsame Reflektion von Gemeindeaufenthalten mit Mitarbeitenden der NGO. Das damit verfolgte Ziel fasst Schlehe (2003) folgendermaßen zusammen:

Ziel ethnographischer Interviews ist es deshalb, alltägliche Erfahrungen und lokales Wissen bzw. kulturelle Gewissheiten aufzunehmen und sich zugleich dem Verständnis von Subjekten, kulturellen Deutungsmustern und Handlungspraxen anzunähern. Das Interview soll den Zugang zur emischen Perspektive eröffnen, zur Konstruktion von Realität aus der Sicht der Akteure, und zur subjektiven Sinngebung. Zugleich möchte es auch Einsichten in die jeweilige Gestaltung von Einteilungen und in die spezifischen Arten der Strukturierung von größeren Zusammenhängen liefern (S. 73).

Mit diesen Gesprächen wurde demnach ein besseres Verständnis der Arbeit der NGO sowie der subjektiven Deutung der einzelnen Mitarbeitenden angestrebt.

9.3.2.4 Zur Rolle der Sprache

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die mündliche Befragung hatte die Tatsache, dass die Interviews und Gespräche auf Englisch geführt wurden, also einer Sprache, die abgesehen von Mosambik zwar die Amtssprache der jeweiligen Länder ist, in den besuchten ländlichen Regionen aber keineswegs als alltägliche Verkehrssprache genutzt wird. Dies hatte zur Konsequenz, dass keine der beteiligten Personen, die Mitarbeitenden der NGO und mich als Forscher eingeschlossen, Englisch als Muttersprache sprechen. Aus diesem Grund wurden die Gesprächsimpulse und Fragen wie auch die Antworten und Beiträge für eine möglichst breite Partizipationsmöglichkeit – sofern erforderlich – in die lokale Sprache übersetzt. Diejenigen unter den Teilnehmenden, die die englische Sprache beherrschten, hatten folglich einen Informationsvorsprung gegenüber den Beteiligten, die auf die Übersetzung angewiesen waren und entsprechend warten mussten. Dies könnte sich auf die Beteiligung an Wortmeldungen und die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme ausgewirkt haben.

Eine Aufzeichnung der geführten Gruppengespräche, die nach Bedarf von Mitarbeitenden der NGO, einem Übersetzer (in einer Region Mosambiks) oder durch Praktikantinnen bei der NGO (in einer Region in Sambias) übersetzt wurden, waren nach einer Frage zum Einverständnis der Beteiligten problemlos möglich. Die Übersetzungen der Übersetzenden wurden nicht durch Dritte geprüft. Die Übersetzenden habe ich jedoch ausdrücklich dazu angehalten, die Äußerungen der Befragten nicht zu verkürzen oder zusammenzufassen, sondern möglichst wortgleich wiederzugeben. Als Validierung der Übersetzungen habe ich schließlich auf die anwesenden Personen vertraut, die beider Sprachen mächtig waren. Den Übersetzenden wurde zudem die Möglichkeit eingeräumt, selbst Rückfragen zu stellen, was durchaus als Gewinn für die Datenerhebung empfunden wurde und in längeren Gesprächssituationen kleinere Pausen zur Reflexion des bis dahin Gesagten ermöglichten.

Darüber hinaus kam es zu einer doppelten Übersetzungen in dem Sinne, dass sowohl für die Mitarbeitenden der NGO und die Mitglieder der Gemeindegruppen wie auch für mich als Forscher, Englisch lediglich Verkehrssprache war. Folglich musste kognitiv vom Deutschen ins Englische und dann weiter in die jeweilige lokale Sprache übersetzt werden und umgekehrt. Aufgrund der zwischengeschalteten Interpretationsinstanz, wie es die Übersetzenden sind, halte ich die geführten Gespräche für möglicherweise verzerrt (vgl. hierzu auch Schlehe 2003, S. 83 f.). Dagegen ist aber (Fremd-)Verstehen von subjektivem Sinn, wie Kruse et al. (2012) anmerken, selbst in der eigenen Sprache immer ein Prozess des Übersetzens, was den verzerrenden Effekt letztlich wieder abschwächt.

Die Sprache (und damit zusammenhängend die Kultur) zu erlernen, heißt im Sinne einer ethnografischen "Sekundärsozialisation" (ebd., S. 15) oder

"partiellen Enkulturation" (Lüders 2013, S. 392) nicht nur die Muttersprache und den kulturellen Bezugsrahmen der Akteure im Feld kennenzulernen, sondern gleichfalls die Sprache des Feldes an sich. Im vorliegenden Fall sind darunter vor allem die vielen technischen Abkürzungen, Fachbegriffe und Praktiken der Entwicklungswelt zu verstehen, die in den Befragungs- und Beobachtungssituationen und deren Auswertung von besonderer Relevanz waren.

  • [1] Ausnahmen hiervon stellen ein spontanes Interview mit einer Mitarbeiterin der NGO und ein Interview mit einem Vorsitzenden einer Gemeindegruppe dar, welches ursprünglich als Gruppendiskussion geplant war, jedoch nur der Vorsitzende zum vereinbarten Treffen erschien
 
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