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9.3.3 Dokument- und Artefaktanalyse

Im Rahmen der ethnografischen Untersuchung habe ich auch Dokumente und Artefakte des Feldes einbezogen. Nach Froschauer (2009) sind Artefakte, insbesondere in der Organisationsforschung, äußerst aufschlussreiche Informationsträger:

Begreift man Artefakte als Materialisierungen von Kommunikation, so sind sie einerseits Ausdruck der sozialen Organisierung ihrer Herstellung und sagen andererseits etwas über den Kontext kommunikativer Handlungen aus, in denen sie auftauchen und verwendet werden. Weil somit die Bedeutung und der Stellenwert von Artefakten nicht von ihrem sozialen bzw. kommunikativen Kontext isolierbar sind, lassen sie sich zu dessen Rekonstruktion verwenden (S. 326).

Als Artefakte des Feldes wurden die Unterlagen, Handbücher und Berichte der NGO berücksichtigt, jedoch nicht systematisch als Untersuchungsgegenstände analysiert (vgl. Froschauer 2009). Aufgrund der begrenzten Projektlaufzeit ging es hierbei weniger um den Inhalt der Artefakte als "eigenständige Datenebene" (Wolff 2013b, S. 511), auch wenn diese durchaus aufschlussreiche Materialien darstellen, sondern vielmehr um deren Gebrauch im Feld.[1] So wurden die Unterlagen zur Sensibilisierung für das Feld und den Forschungsgegenstand herangezogen.[2] Darüber hinaus konnten aus den Artefakten Fragen für die Gespräche generiert werden, wie etwa zu deren Gebrauch und ihrer Funktion oder aber zum Umgang mit den darin enthaltenen Informationen. Ebenso habe ich Situationen gesucht, in denen die Artefakte den Anlass und das Mittel für Interaktionen waren wie im Rahmen von Schulungen zum Umgang mit Monitoringbögen.

9.3.4 Dokumentation

Bei den Einzelinterviews und Gruppengesprächen war überwiegend eine Aufzeichnung möglich. Einzige Ausnahmen waren Gruppendiskussionen, bei denen ich das Aufnahmegerät als störend empfunden habe, was überwiegend bei den Gesprächen im Zuge der Beratungstätigkeit der Fall war sowie in Situationen, in denen ein Gespräch sehr kurzfristig zustande kam und kein Aufnahmegerät verfügbar war. Während und nach Beobachtungen, Gesprächen und Interviews habe ich grundsätzlich Feldnotizen angefertigt und diese später zu Beobachtungsprotokollen ausformuliert (vgl. Emerson et al. 1995; Schlehe 2003, S. 86 f.; Hauser-Schäublin 2003, S. 48 ff.).

Bei Beobachtungen in einer passiveren Rolle und im Verlauf von Gesprächen war es problemlos möglich, Feldnotizen anzufertigen. Hinsichtlich der Gruppendiskussionen und Interviews im Allgemeinen ist darauf hinzuweisen, dass die Anfertigung von Notizen zu dem Gesagten in gewisser Weise als natürliche und erwartbare Handlung anzusehen ist, wird doch dadurch die Absicht und das Interesse etwas zu erfahren durch die Niederschrift von Notizen symbolisch unterstrichen. In anderen Situationen, etwa bei Autofahrten über unasphaltierte Straßen, bei denen oft über Projekte und Gemeindebesuche gesprochen wurde, war es meist nur schwer möglich Notizen anzufertigen. In Fällen, bei denen Gespräche zustande kamen, in denen persönliche oder vertrauliche Informationen besprochen wurden, sowie in alltäglichen Situationen habe ich auf die Anfertigung von Notizen verzichtet. Im Anschluss an solche Gesprächssituationen habe ich schnellstmöglich Schlüsselbegriffe und Aussagen zumindest in Form von "jottings" (Emerson et al. 1995, S. 19) notiert. Diese Kurznotizen habe ich unter Berücksichtigung der weiteren verfügbaren Informationen zu ausführlichen Protokollen in einem Forschungstagebuch verschriftlicht. Die spätere und zum Teil mühsame Rekonstruktion der Gespräche geben dabei Raum zur Reflexion (vgl. Schlehe 2003, S. 77 ff.). Ziel war es, aus einer Perspektive "dicht über dem Boden" (Spies et al. 2011, S. 16) die jeweilige Situation und die Handlung der Akteure soweit zu dokumentieren, dass die Notizen zur sozialwissenschaftlichen Analyse genutzt werden konnten.

Die gesammelten Feldnotizen, Gedächtnisprotokolle und Beobachtungen des jeweiligen Tages wurden in ausformulierter Form digitalisiert in das Feldtagebuch aufgenommen und in den weiteren Kontext des Tagesverlaufs integriert. Zudem wurden die Beobachtungen durch Kommentare und Anmerkungen ergänzt. Das Feldtagebuch war dadurch ein Mittel der Dokumentation der Ereignisse und Beobachtungen, bot aber darüber hinaus Platz für Überlegungen und offene Fragen. Somit war es zugleich ein Instrument zur Dokumentation sowie zur Reflexion und zum Festhalten von Zwischenergebnissen, als auch zur Planung des weiteren Vorgehens. Die Führung und der Gebrauch des Forschungstagebuchs entsprach somit dem Verständnis von Fischer (2003), für welchen Forschungstagebücher

eines der wichtigsten Hilfsmittel in der Feldforschung [sind, die dazu dienen,] Tagesablauf und Tagesereignisse, Ärger mit anderen, die Wetterlage, Ideen zu theoretischen Aspekten, durchgeführte Arbeiten, Fragestellungen, die man verfolgen könnte, persönliche Befindlichkeit, Sorge um die Gesundheit, etc. [festzuhalten] (Fischer 2003, S. 279).

Durch die allabendliche Digitalisierung der handschriftlichen Feldnotizen stellen diese neben den Transkripten der Interviews die weitere eigenständige textbasierte Datenquelle für die Auswertung dar (zum Transkriptionssystem vgl. Anhang 1).

  • [1] Hier sei nur kurz auf den Umfang eingegangen: Allein das Handbuch zum organisational capacity building umfasst in etwa 800 Seiten, das Handbuch für Gemeindeprojekte rund 400 Seiten und das Handbuch für neue Pilotprojekte knapp 200 Seiten
  • [2] Zudem wurden die Internetseite der NGO wie auch anderer NGOs besucht und Beiträge von Spendern und Spenderinnen in Diskussionsforen gelesen, um ein besseres Verständnis für das Feld zu erlangen, jedoch aufgrund der Fragestellung und des Zeitrahmens nicht weitergehend analysiert
 
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