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10. Reflexion des Erhebungsdesigns und der Umsetzung

Abschließend soll das Forschungsdesign kritisch besprochen werden. Ich habe grundsätzlich Wert darauf gelegt, mein Erkenntnisinteresse offen zu legen. Dennoch mag es aufgrund von Unklarheiten der beteiligten Gesprächspartner über Sinn und mögliche Folgen der Erhebung zu anfänglicher Skepsis dem Forscher und der Untersuchung gegenüber gekommen sein. So wurde der Forscher als Repräsentant der Geberorganisation gesehen und damit verbunden möglicherweise als Prüfer, der versuchen könnte etwaige Missstände aufzudecken und zu berichten. Dem wurde mit einer Aufklärung über die Ziele der Untersuchung, also von den Beteiligten über ihre Arbeit zu lernen, sowie anhand einer Zusicherung von Anonymität zu begegnen versucht.

Vor und während der Erhebung hatte ich ethische Bedenken dahingehend, ob die Beteiligten überhaupt eine Wahl hinsichtlich der Teilnahme an der Untersuchung hatten oder ob sie negative Sanktionen seitens der NGO befürchteten. Zudem habe ich die Teilnahme von Kindern und Hilfeempfangenden sehr kritisch gesehen, wohingegen mich die NGO mit dem Ziel der Schaffung eines weitreichenderen Verständnisses der Projekte ermutigte, Kinder und Betroffene zu befragen. Dass der Kontext und das Interesse der Studie den Teilnehmenden bewusst waren, ist zumindest teilweise zu bezweifeln. Es kann hier wohl nicht wirklich von einem ›informed consent‹, also einer aufgeklärten Einwilligung, gesprochen werden, selbst wenn alle Beteiligten formal einer Teilnahme eingewilligt haben. Diesen ethischen Bedenken wurde über die Zusicherung und Einhaltung der Anonymität begegnet. Im Zuge der Gutachtererhebung wurde die NGO gebeten, eine Rückmeldung an die Befragten hinsichtlich der weiteren Nutzung der aus den Gesprächen gewonnenen Informationen vorzunehmen, um Transparenz in Bezug auf die Erhebung zu schaffen. Der Umgang mit Kindern und Begünstigten im Rahmen von Interviews musste darüber hinaus aber als Teil des Feldes und der dort angewandten Praxis verstanden und akzeptiert werden. Schließlich ist noch anzumerken, dass viele der Befragten die Möglichkeit begrüßten, dass ihnen zugehört wurde, und zwar von einer Person, die ihnen als Sprachrohr zu den Gebern zumindest indirekt Gehör verschaffen könnte, auch wenn ich stets versucht habe, insbesondere bei Fragen zu den Bedürfnissen und Problemen der Gemeindegruppen keine falschen Hoffnungen zu wecken.

Durch die Anwesenheit der Mitarbeitenden der NGO in den jeweiligen Gesprächssituationen mit Gemeindegruppenmitgliedern kann von verzerrenden Effekten und einer möglichen Beeinflussung der Aussagen ausgegangen werden, da die Gemeindemitglieder wahrscheinlich Anmerkungen vermieden haben, die potentiell negative Auswirkungen auf das Arbeitsverhältnis mit der NGO gehabt hätten. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass die Abwesenheit der Mitarbeitenden der NGO die Aussagen ebenfalls beeinflusst hätten. Die Gemeindegruppenmitglieder hätten bei dieser Gelegenheit möglicherweise versuchen können, mich als Forscher respektive Gutachter durch bestimmte Aussagen als Hilfe zur Durchsetzung eigener Interessen zu nutzen, ohne dass Mitarbeitende der NGO korrigierend hätten eingreifen können und ohne negative Sanktionen befürchten zu müssen. Diesem Verdacht muss gleichfalls entgegengestellt werden, dass die Gespräche meist nicht ausschließlich dem ›Projektcode‹ folgend geführt wurden und die eigentliche Projektlogik mehrmals gebrochen wurde, da zum Beispiel Gemeindegruppenmitglieder konkret nach einer Entlohnung oder Sachmitteln gefragt haben. Da die ›Verzerrung‹ in Anbetracht der Anwesenheit eines Forschers in gewisser Weise selbst eine ›natürliche‹ Reaktion darstellt, kann letztlich ohnehin nicht von einer ›Natürlichkeit des Feldes‹ ausgegangen werden.

Die relativ kurze Aufenthaltsdauer war insbesondere durch die Fokussierung auf bestimmte Situationen und die thematischen Schwerpunkte sowie die sehr intensive Nutzung dieser Zeit ausreichend, um genügend Informationen zu Bearbeitung der Fragestellung zu erheben. Die äußerst intensiven Feldphasen haben dazu geführt, dass es mitunter sehr anstrengend war, die Fülle an Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Eine längere Feldphase hätte die Aufnahme von Informationen entspannt. Ein einzelner, ausgedehnter Feldaufenthalt in einer Gemeinde oder Partnerschaft inklusive des Erlernens der Sprache hätte außerdem einen vertieften Zugang zu den Deutungsstrukturen der Gemeindemitglieder ermöglichen können. Jedoch wäre dadurch die Vielzahl an kontrastiven Fällen nicht zustande gekommen, die als wesentliches Element zur Erfassung des Kerns der lokal unabhängigen Arbeitspraktik in das Studiendesign aufgenommen wurden. So liegt der Studie ein perspektivischer Bias bezüglich der Fokussierung auf die NGO zugrunde. Das Vorgehen stellt den Versuch einer Verbindung von soziologischer und ethnologischer sowie von grundlagenorientierter und pragmatischer Forschungspraxis dar (vgl. Kruse et al. 2012) – mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen.

Es wäre zudem für die Untersuchung von Vorteil gewesen, noch mehr ›natürliche‹ Situationen in den Blick zu bekommen, also solche, die nicht allein wegen dem Forschungsvorhaben zustande gekommen sind, sondern den Arbeitsalltag repräsentierten. Allerdings hätte meine Anwesenheit als Forscher an sich schon eine besondere Situation geschaffen. Relativierend kann angemerkt werden, dass der Empfang von Besuchenden nichts Ungewöhnliches für die Gemeindegruppen darzustellen schien und als Bestandteil der Alltagsrealität der Entwicklungswelt angesehen werden kann.

Bezogen auf die Doppelbelastung als Forscher und Gutachter im Feld ergeben sich die folgenden kritischen Aspekte: Während meiner zweiten Feldphase in der Rolle des Gutachters führte die intensive Konfrontation mit dem Feld, das sehr anspruchsvolle Programm und die damit zusammenhängenden Aufgaben dazu, dass Raum und Zeit zum Rückzug und zur Reflexion sehr eingeschränkt waren und der hohe Grad an Einbindung in das Feld und die sehr aktive Teilnehmerrolle ein gewisses ›going native‹ geradezu erforderlich machten. Der Herausforderung des going native konnte in der Auswertung begegnet werden, indem das analytische Hauptaugenmerk der Untersuchung auf Materialien aus der ersten Erhebung gelegt und die Daten des zweiten Feldaufenthaltes kritisch, aber gewinnbringend bezüglich der Rolle und den Einfluss des Forschers im Feld reflektiert wurden (vgl. Abschnitt 9.3.1). Der zweite Feldaufenthalt ist dennoch von besonderem Wert für die Untersuchung, da er den ersten Feldaufenthalt um Einsichten in das beforschte Feld ergänzt, die sonst verwehrt geblieben wären.

 
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