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11.1.2 They wish to be respected: Achtung von Sprache und Bräuchen

Abgesehen von der Kleidung achten die Mitarbeitenden der NGO während der Gemeindebesuche erkennbar auf ihr Verhalten und dessen Außenwahrnehmung. Der folgende Protokollauszug veranschaulicht dies anhand einer Situation vor einem Besuch bei einer der Gemeindegruppen:

Grace fragte mich auch, ob ich village food essen könne. Ich meinte, dass das kein Problem sein werde, ich aber Bedenken wegen dem Wasser habe. Ich habe gefragt, ob ich bei den Besuchen bestimmte Dinge beachten bzw. vermeiden müsse bezüglich Kleidung usw. Grace meinte, dass wäre für mich nicht so streng wie für sie beiden, als sambische Frauen (Thandi stimmt zu; beide mit leichtem Lächeln). Das Essen nicht zu teilen oder abgefülltes Wasser mitzutragen wäre [für sie] unmöglich. Für mich wäre das aber nicht so streng, da die Dorfmitglieder wüssten, dass ich Ausländer bin. Aber Händeschütteln und andere Respektsbekundungen wären selbstverständlich auch für mich bindend (P1 / 7).

Der Protokollauszug zeigt bestimmte Verhaltensweisen, welche die Mitarbeitenden der NGO nach eigener Aussage in den Gemeinden beachten oder vermeiden sollten. Demnach wird die Berücksichtigung der Begrüßungsformeln der Gemeindemitglieder von den Mitarbeitenden der NGO wie auch von anderen Gästen in den Gemeinden erwartet. Darüber hinaus ist es den Mitarbeitenden kaum möglich, die angebotene Gastfreundschaft grundlos abzulehnen. So fühlen sich die Mitarbeitenden der NGO dazu verpflichtet, in den Gemeinden Speisen, die im obigen Textauszug als "village food" bezeichnet werden, ebenso wie Getränke anzunehmen. Es wäre den Mitarbeitenden außerdem nicht möglich, angebotene Speisen abzulehnen oder etwa Wasser oder Essen nur für sich mitzubringen, selbst wenn die städtischen Mitarbeitenden aus Furcht vor Keimen gefiltertes Wasser bevorzugen. Zur Vermeidung möglicher Irritationen der Gemeindemitglieder haben manche der Mitarbeitenden der NGO häufig Wasserflaschen im Auto deponiert, um vor und nach Treffen etwas trinken zu können. Es scheint jedoch situationsbezogene Unterschiede zu geben, da mit verschiedenen Maßstäben gemessen wird. Einem ›westlichen‹ Gast wird somit wahrscheinlich eher nachgesehen, wenn er das örtliche Wasser nicht trinkt.[1] Demgegenüber wird dies für die Mitarbeiterinnen der NGO "als sambische Frauen" als nicht möglich beschrieben.

Die Mitarbeitenden der NGO sollen sich bei Feldaufenthalten möglichst in ihrem Verhalten nicht von den Gemeindemitgliedern abheben, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnen und sich ihnen gegenüber sensibel verhalten. Der folgende Interviewauszug aus einem Gespräch mit Francis, einem NGO-Mitarbeiter, verdeutlicht die wahrgenommene Bedeutung und Funktion hinter dieser Annahme:

I: What are other aspects the facilitator needs to consider?

Francis: […] as you are facilitating, you need to be very sensitive to those things that the community partners will take serious. So, the facilitator requires to be sensitive to the language, the language you are using, to the way you are ‒ even the mannerism, the mannerism that you are using within the workshop, it matters a lot to the community members. They wish to be respected in their own way. For example, ah, we have several dialects in here in Zambia. Say for example you went to M., there you can use Nyanja[2], but if you talk to them in English, they will understand but sometimes they may start pre-tending they don't know what you are talking about. They want you to come to their level, appreciate them, and then thereafter you'll see that'll enjoin in the, ah. So as a facilitator, you need to be sensitive to their culture, you need to be sensitive to way they ‒ to their values, for example. If you want that information you want to ask on them across to be taken. Ah

I: Cause otherwise they won't cooperate, or

Francis: No, no, otherwise they'll sit and look at you, and you'll say yes, I've delivered, immediately you go, they back to square one to where you found them. As a result you would have like wasted your own resources and you would have really wasted their time. But when you engage them, and you respect their ideas, you respect their contribution, for example, you know they ‒ our people are very good at hospitality. When you arrive they'll receive you, they'll give you whatever they are going to give you, but if you say: ah, unfortunately I'm in a hurry, then already to them they won't feel OK that way. They won't feel OK, they would wish you to sit, they greet you, they introduce themselves, now it's when they'll say: may we help you? After they've given you water, for example. You know. But if you just: no, I'm in a hurry, I want to go and you are a visitor they'll just say: go. So this is just an example. Even a facilitator needs to be sensitive to all these

– to the cultural practices which are there, not agreeing you are not compromising, no, but you are just like appreciating or are given an ear to what they are doing, and then make your contribution to correct them in a manner does not demean. That way, they will even sit for many hours listening to you. Yes (I / FG / 13 f.).

Der Aussage des NGO-Mitarbeiters zufolge muss ein "facilitator" gegenüber den "community partners", den Mitgliedern der Gemeindegruppen, besonders sensibel auf bestimmte Dinge achten, die den Gemeindemitgliedern wichtig sind. Insbesondere drückt sich dies in der verwendeten Sprache und dem Verhalten der NGO-Mitarbeitenden bei gemeinsamen Treffen und Workshops aus. Dabei wird eine weitere Abgrenzung zwischen office und field offensichtlich: Während die NGO-Mitarbeitenden in der Konversation mit den Gemeindemitgliedern zumeist die dort gebräuchliche lokale Sprache anwenden, wird insbesondere in den Hauptstadtbüros vermehrt die internationale Amtssprache der jeweiligen Länder gesprochen, es sei denn es handelt sich um Mitarbeitende der NGO, welche die gleiche lokale Sprache sprechen. Dies hängt mit der Zusammensetzung und Herkunft der Mitarbeitenden zusammen, die in den Hauptstädten aus verschiedenen Regionen des Landes oder gar aus anderen Ländern kommen können, also verschiedene Muttersprachen sprechen. Dem gegenüber kommen die Mitarbeitenden der Gemeindeebene häufig aus der Region oder werden so rekrutiert, dass sie fähig sind, die lokale Sprache zu sprechen. Zwischen dem Büro und den Gemeinden wird jedoch nicht nur die Sprache als solche gewech-selt, sondern auch der Umgangston, die Wortwahl und Ausdrucksweise an den Gebrauch in den Gemeinden angepasst.

Als Erklärung für die große Bedeutung der Achtung von Sprache und der Art des Umgangs im Feld wird von den NGO-Mitarbeitenden der zugrunde liegende Wunsch der Gemeindemitglieder angeführt, auf ihre Art respektiert zu werden: "They wish to be respected in their own way". Exemplarisch sei ein Beispiel angeführt, in dem die Gemeindemitglieder sehr wohl Englisch können, sich aber absichtlich so verhalten, als würden sie nichts von dem Gesagten verstehen. Als Grund hierfür wird wiederum der Wunsch der Gemeindemitglieder angegeben, dass ihnen auf Augenhöhe begegnet wird. "They want you to come to their level". Francis berichtet weiter, dass erst nach Erfüllung dieses Wunsches, also nachdem die Mitarbeitenden im Feld den Gemeindemitglieder wertschätzend ("appreciate them") gegenüber getreten sind, sich die Gemeindemitglieder an dem Treffen beteiligen. Ein facilitator muss demnach sensibel gegenüber der Kultur, der Lebensweise und den Werten der Gemeindemitglieder sein, um sie nicht durch heikle Fragen, die als Beleidigung aufgefasst werden könnten, zu verärgern.

Wenn diese Sensibilität nicht gegeben ist, wird seitens der Gemeindemitglieder möglicherweise keine kooperative Verständigung und Zusammenarbeit möglich sein und die Bemühungen der NGO-Mitarbeitenden wären erfolglos. Dies würde einer Verschwendung sowohl von NGO-Ressourcen als auch der Zeit der freiwilligen Helfer gleichkommen, da ein Treffen mit der NGO die Gemeindemitglieder von ihrer Haupttätigkeit abhält. So würde es gleichfalls als unhöflich angesehen, wenn Treffen schnell abgeschlossen werden sollen, anstelle sich Zeit für ein Gespräch zu nehmen, selbst wenn die Gespräche dabei durchaus vom Hauptinhalt abkommen können. Francis illustriert dies anhand eines Beispiels der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen.[3] Dem Beispiel zufolge ist es den Mitarbeitenden nicht möglich, schnell und eilig Informationen zu übermitteln, da dies von den Gemeindemitgliedern nicht akzeptiert würde.

Die Mitarbeitenden sollten sich vielmehr als Gäste Zeit nehmen und die Gastfreundschaft und Bewirtung seitens der Gemeindemitglieder annehmen. Francis schließt, dass das nicht bedeuten würde, alles in den Gemeinden akzeptieren und oder allem zustimmen zu müssen. Sehr wohl bedürfe es jedoch einer Sensibilität für die Kultur und Bräuche in den Gemeinden. Ebenso müssten die Mitarbeitenden zugänglich sein für die Belange und Lebensweisen der Gemeindemitglieder. Erst dann wären die Mitarbeitenden der NGO an der Reihe auf eine respektvolle Weise die Annahmen der Gemeindemitglieder zu korrigieren. Nur durch ein solches Vorgehen würden die Gemeindemitglieder ihnen ihre Zeit und Aufmerksamkeit widmen.

Die professionellen Arbeitsaufgaben der facilitators bestehen folglich in der prozesshaften und auf Wechselseitigkeit beruhenden Interaktion mit den Gemeindemitgliedern. Die Gemeindemitglieder selbst werden in der Interviewsequenz geradezu romantisierend als gastfreundlich und hilfsbereit beschrieben, gleichzeitig aber auch in gewisser Weise ›einfach‹ dargestellt, da sie durch die simple Berücksichtigung bestimmter Bedingungen zur Mitarbeit motiviert werden könnten. Zur Professionalität der Mitarbeitenden der NGO gehört, dass sie den kulturellen Kontext der Gemeinden kennen und ihnen mit größtmöglicher Sensibilität entgegen treten. Für eine erfolgreiche Arbeit, so die Aussage des Mitarbeiters, müssten sie sich den Gemeindemitgliedern in der Rolle als Gäste schrittweise annähern, indem sie sich auf deren "Level" begeben, sie achten, ihnen zuhören und ihre Sprache sprechen. Mit Hilfe dieses Verhaltens soll die Aufmerksamkeit der Gemeindemitglieder erlangt werden, um ihnen, bildlich gesprochen, die Ohren für die zu überbringenden Informationen zu öffnen oder sie gar in ihrem Verhalten und ihren Einstellungen beeinflussen zu können. Oder anders formuliert, wie Francis im obigen Beispiel bemerkt: "That way, they will even sit for many hours listening to you". Es wird zudem eine wohlwollende Haltung gezeigt, wenn gleichermaßen angemerkt wird, dass dieses Vorgehen nicht ausschließlich zur Effektivitätssteigerung der Arbeit der NGO angewendet werden soll, sondern auch, um nicht unnötig die Ressourcen der Gemeindemitglieder zu vergeuden.

  • [1] Von Mitarbeitenden der NGO wird darüber hinaus geraten, in Situationen, in denen eine Ablehnung unangenehm sein oder als unhöflich empfunden werden könnte, nach einem Tee zu fragen, für dessen Zubereitung Wasser abgekocht wird. Da Tee in vielen afrikanischen Ländern als britische Vorliebe verstanden wird, erscheint dieser Wunsch den Gemeindemitgliedern plausibel
  • [2] Die in dieser Region gesprochene lokale Sprache
  • [3] Das "our people" in der zitierten Interviewsequenz verweist dabei auf ein Zugehörigkeitsgefühl der interviewten Person (Francis) zu den Gemeindemitgliedern gegenüber mir, dem dieser Lebenswelt fremden Interviewer
 
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