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11.1.4 Resümee: Strategien vergemeinschaftender Informalisierung

Wie die Analyse des empirischen Materials verdeutlichte, verhalten sich die Mitarbeitenden der NGO in einer ganz bestimmten Weise, wenn sie in die Gemeinden fahren. Diese Feststellung lässt Rückschlüsse auf das generelle Verhältnis zwischen der NGO und den Gemeinden zu. So wird die NGO und ihre Mitarbeitenden symbolisch mit der libertären, individualisierten, westlich orientierten und modernen Stadt assoziiert und dabei metaphorisch als abgehoben, oberhalb und außerhalb der Gemeinden stehend verortet. Die Gemeinden werden dem gegenüber als ländlich, traditionell geprägt und kulturell verwurzelt dargestellt.

Aus dieser Gegenüberstellung von modern und konservativ leiten die Mitarbeitenden der NGO Strategien für das professionelle Vorgehen in den Gemeinden ab, die nicht unbedingt formalen Arbeitskriterien entsprechen. Die Mitarbeitenden begeben sich durch ihre Arbeit in die Gemeinden und versuchen dabei, sich an die Gemeinden anzupassen. Die Mitarbeitenden der NGO versu-chen sich nicht zu sehr von den Gemeindemitgliedern abzuheben und sich zu einem bestimmten Grad in die dortigen Strukturen einzufügen. Durch einen Prozess der ›Anverwandlung‹ bemühen sich die Mitarbeitenden, sich nicht von den Gemeindemitgliedern und ihrem Verhalten zu distanzieren, sondern sich in die entsprechenden Strukturen einzufügen und sich mit den Gemeindemitgliedern zu identifizieren. Hierbei ist eine Achtung der Bräuche und Verhaltensformen in den Gemeinden von besonderer Bedeutung. Verhalten, Kleidung und die lokale Sprache werden zu Identifikationssymbolen, selbst wenn Grenzen der Identifikation evident und als Grundlage des Verhältnisses zwischen Entwicklungshelfern und Hilfeempfangenden aufrechterhalten werden. Durch den Übergang von office zu field wird folglich ein Vergemeinschaftungsprozess im doppelten Wortsinn offensichtlich. Zum einen vergemeinschaften sich die Repräsentanten der NGO über eine Anverwandlung und Einpassung in die Gemeinden, zum anderen wird über die Aufnahme und Pflege persönlicher Beziehungen mit den Gemeindemitgliedern auch Gemeinschaft hergestellt. Dabei stoßen beide Formen an die Grenzen der professionellen Organisation.

Ziel dieses Verhaltens ist es letztlich, dass die NGO und ihre Mitarbeitenden in den Gemeinden akzeptiert werden und das Vertrauen der Gemeindemitglieder erlangen, um ein arbeitsfähiges Verhältnis zu ermöglichen. Durch Respektsbekundungen und die Anpassung an die Gemeinden wird seitens der Repräsentanten der NGO Anschlussfähigkeit signalisiert, die eine Verständigungsebene über Werte und Strukturen der Gemeinden herstellt. Die grundlegende Überzeugung der NGO dabei ist, dass eine Veränderung auf der Ebene der Gemeinden nur aus den Gemeinden selbst heraus bewirkt werden kann und die NGO hierfür einen Zugang benötigt. Die NGO darf und soll eben nicht als externe, verwestlichende oder umwälzende Kraft wahrgenommen werden. Es ist darüber hinaus zu bemerken, dass durch dieses Verhalten der Mitarbeitenden der NGO das Wertegefüge und die Strukturen der Gemeinden, zumindest nach außen, weitgehend akzeptiert werden. Etwas weiter gefasst kann auch behauptet werden, dass die Mitarbeitenden diese Werte der Gemeinden, indem sie diese durch ihr bewusstes Praktizieren adressieren, reproduzieren oder gar herstellen.

 
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