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11.2 Die Bedeutung von Tradition und Kultur für Projekte

›Tradition‹ und ›Kultur‹ sind sehr bedeutende und komplexe Analysekategorien. Dies gilt insbesondere für den Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, in dem Menschen aus vielfältigen kulturellen Kontexten interagieren, und welcher durch die gestiegene Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Kultur eine Vielzahl kulturspezifischer Begrifflichkeiten und Konzepte hervorgebracht hat (vgl. Schönhuth 2005).

"Unter Tradition wird häufig die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden" (Mückler 2012, S. 9). Besonders hervorzuheben ist hierbei, dass die Tradition und ihre Ausübung für die Gruppenmitglieder identitätsstiftend wirken (vgl. Mückler 2012; Chevron 2012). Lachenmann (2011) kommentiert die Bedeutung der Kultur und Tradition für die Entwicklungszusammenarbeit folgendermaßen:

In der konzeptionellen Entwicklungspolitik war man von den ökonomischen direkt zu

"kulturellen" Faktoren übergegangen […], wobei (zum großen Teil bis heute) ein statisches Konzept von Tradition und Kultur vorherrscht, das eine exotisierende Herangehensweise repräsentiert. […] Inzwischen denke ich, kann von einem "Mythos Tradition" als wesentliches Problem der Entwicklungszusammenarbeit ausgegangen werden. Beispiele sind die Förderung und Neuinstitutionalisierung oder -erfindung traditionaler Herrschaftsinstitutionen […], das Einholen von Wissen beziehungsweise die Absprachen mit "stakeholders" wie religiösen Würdenträgern oder auch die Einführung von Gemeindefortstwirtschaften […]. Dies geschieht ungeachtet der gesellschaftlichen Implikationen, die eine Festschreibung und Institutionalisierung dieser "Traditionen" ohne Bezug zu ihrer kolonialen Entstehung und derzeitigen Bedeutung mit sich bringt, mit allen Widersprüchen zum Beispiel zu Demokratisierung oder Geschlechtergerechtigkeit (S. 220).

Angesichts der Komplexität des Feldes kann in der vorliegenden Arbeit nicht umfassend auf die verschiedenen Funktionen von Kultur und Tradition in der Entwicklungszusammenarbeit eingegangen werden. Vielmehr soll der Blick auf die Bedeutung von Kultur und Tradition in den Interaktionen zwischen den Mitarbeitenden der NGO und ihren lokalen Partnern gerichtet werden. Es wird dargestellt werden, in welchen konkreten Situationen Kultur und Tradition Relevanz zugeschrieben wird. Dabei wird das soeben beschriebene ethnografi- sche Verständnis von Tradition, das sich zumeist mit Formen von Ritualen und des Brauchtums und damit mit Formen der Identitäts- und Kollektivbildung befasst, in diesem Zusammenhang um die soziologische Dichotomie von Tradition und Moderne ergänzt (vgl. Chevron 2012; Gürses 2012). Im Material zeigt sich, dass Tradition und Kultur im beforschten Feld grundsätzlich in vier Kontexten eingesetzt werden: So finden die Begriffe in Bezug auf Hilfs- und Versorgungsinstitutionen Verwendung, an die sich die Arbeit der NGO anzuschließen versucht. Weiter werden damit bestehende Herrschaftsstrukturen lokaler Autoritäten bezeichnet, die sowohl als gatekeeper fungieren wie auch als einflussreiche und wirkmächtige Partner bei der Umsetzung der Projekte. Zudem können bei der Thematisierung von Kultur und Tradition Geschlechterrollen aufgegriffen werden. Nicht zuletzt sind Praktiken gemeint, die aus Sicht der NGO entweder gefährlich oder schädlich sind und die in ihrer bestehenden Form abgeschafft oder zumindest soweit modifiziert werden sollen, dass sie keine schädliche Wirkung mehr entfalten. In den folgenden Abschnitten werden die eben genannten Aspekte und der Gebrauch von Tradition und Kultur in den Projekten ausführlicher erläutert.

 
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