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11.2.5 Resümee: Kultur und Tradition als einzubeziehende Faktoren

Im Hinblick auf die Bedeutung von kultureller und traditioneller Faktoren für die Projekte ist zusammenfassend festzuhalten, dass über die Achtung traditioneller lokaler Strukturen seitens der NGO Anschlussfähigkeit hergestellt werden soll, um Zugang zu den Gemeinden und bestimmten Zielgruppen zu erlangen. Die vorzufindenden Strukturen und lokalen Institutionen werden dabei als Mittler zwischen der NGO und den Gemeindemitgliedern genutzt und tragen mit ihrem Einfluss und Vermittlung zur Umsetzung der Projekte bei. Damit unternimmt die NGO den Versuch, Hilfeprojekte an bestehende Strukturen anzulehnen und diese gleichzeitig in die Projektarbeit einzubeziehen, um einen möglichst holistischen Projektansatz zu verfolgen. Dieses Vorgehen kann zudem als eine praktische Deutung von Indigenisierung der Arbeit der NGO verstanden werden (vgl. Rehklau / Lutz 2007).

Traditionelle und kulturelle Einflüsse sind im Rahmen der Projektarbeit aber gleichermaßen ambivalent konnotiert. Bestimmte, als ›traditionell‹ und ›kulturell‹ bezeichnete Praktiken können, wie beschrieben, Risikofaktoren darstellen. Es ist dabei nicht das Ziel der Projektarbeit, kulturell begründete Praktiken, die aus Sicht der NGO negative Auswirkungen auf die Lebenssituation der Kinder haben können, zwingend zu überwinden oder abzuschaffen. Vielmehr sollen von Seiten der NGO über die Risiken und Gefahren aufgeklärt und Handlungsalternativen aufgezeigt werden. Es handelt sich hierbei um Grenzarbeitsprozesse um ›richtiges‹ Wissen und aktive und dennoch kultursensible Partizipation. Die hierbei zugrunde liegende Annahme bei diesen Prozessen ist, dass eine nachhaltige Veränderung kultureller Praxis letztlich nur aus dem Inneren der praktizierenden Gemeinschaften kommen kann (vgl. Chevron 2012). Gleichzeitig wird durch Sensibilisierungsmaßnahmen und eine selektive Akzentuierung durch die NGO versucht, vorhandene Strukturen so zu aktivieren und umzudeuten, dass diese an die Projektkonzeption anschlussfähig werden und ihr möglicherweise vorhandenes Risikopotential verlieren.

Nach Mückler (2012) bieten Traditionen insbesondere in ›Krisenzeiten‹ Orientierungshilfe. Die HIV- und AIDS-Epidemie und ihre gesellschaftlichen Folgen können als anomische Umbruchsszenarien gesehen werden, in denen eine Orientierung an bestehenden Praktiken wesentliche identitätsstiftende und legitimierende Bezugspunkte bei der Frage nach möglichen Handlungsmodellen darstellen. Bei dieser Vorgehensweise handelt es sich jedoch weniger um Traditionalismus, sondern vielmehr um eine ideologische Instrumentalisierung von Traditionen. Durch eine selektive Anlehnung und Einbeziehung werden diese ›traditionellen Strukturen‹ und ›kulturellen Praktiken‹ von Seiten der NGO reproduziert, legitimiert und damit gestärkt. Hierdurch wird ebenfalls die Gruppenidentität der lokalen Projektpartner gefestigt (vgl. Mückler 2012, S. 18 ff.). Die Arbeit der NGO kann also in gewisser Weise ›traditionalisierend‹ wirken. Durch die Anknüpfung an ›traditionelle Strukturen‹ sollen die Projekte aber auch eine "historische Tiefe" (Chevron 2012, S. 218) erhalten, die ihnen durch ihre ›kulturelle Verwurzelung‹ eine positive Konnotation und grundsätzliche Legitimation verleiht. Hierzu benötigt die NGO insbesondere Mitarbeitende in Positionen des Grenzmanagements (vgl. Aldrich / Herker 1977), die den Umgang mit den Symbolen der Gemeinden beherrschen (vgl. Rose 2000, S. 85).

 
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