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11.3.2 They are helping god: Glaube als altruistische Motivation

Die Mitglieder der Gemeindegruppen beziehungsweise CSAs sind zum überwiegenden Teil, wenn nicht sogar alle, Mitglieder einer christlichen Glaubensgemeinschaft. Sie können dabei unterschiedlichen christlichen Konfessionen und Bewegungen angehören. Gemeinsam ist ihnen jedoch zumeist die Motivation, aufgrund ihres Glaubens zu helfen und sich deshalb in die Gruppen einzubringen. In den Gruppendiskussionen mit den Mitgliedern werden zumeist die allgemeine Situation der Gemeinden und der christliche Glaube als Hauptmotivation für das Engagement angegeben (vgl. z. B. R / S / 19 f.). Neben der passion als Charakteristikum der volunteers werden ihre Spiritualität und der Glaube an Reziprozität als Antrieb für ihr Engagement in den Projekten genannt (vgl. z. B. R / U / 21). Deneulin / Bano zufolge stellt dies keine Überraschung dar:

there is no separation between religion and development. Development is what adherents to a religion do because of who they are and what they believe in. The engagement of religious communities in development activities derives from their core beliefs and teachings (2009, S. 4 f.).

Brehane, ein Mitarbeiter der NGO, ergänzt hierzu in einem Gespräch, dass die lokalen Partner zwar aus moralischen Beweggründen und aufgrund der schlechten Lebenssituation der Kinder motiviert sind zu helfen, dass aber gleichfalls Machtstrukturen sowie kulturelle und religiöse Verpflichtungen (obligations) und Verantwortlichkeiten (responsibilities) sie dazu veranlassen (vgl. R / Ä / 6). Die Gemeindemitglieder sind also einerseits durch ihren Glauben motiviert zu helfen, können sich aber andererseits auch aufgrund bestehender Strukturen und Rollenmuster dazu verpflichtet fühlen. Hier stellt sich nunmehr die Frage nach dem Grad der Freiwilligkeit und in wie weit die volunteers einem äußeren Druck nachgeben, dessen Ziele jedoch auch mit ihrem individuellen religiösen Wertempfinden deckungsgleich sein können. Es ist denkbar, dass moralische Appelle dabei die Funktion eines ›sanften Drucks‹ in Richtung freiwilligen Engagements einnehmen können. Der Verweis auf religiöse Werte kann beispielsweise auf ›offene Ohren‹ stoßen und die Gemeindemitglieder lediglich in ihrem Wunsch nach Engagement bestärken.

Es ist anzumerken, dass es insbesondere zu Beginn, also während der externen Mobilisierung von Gemeindegruppen zu Austritten von Freiwilligen zu kommen scheint, was zumindest zum Teil auf das Fehlen der oben genannten motivierenden Eigenschaften und auf materielle Erwartungen seitens der Freiwilligen zurückzuführen ist, wie der folgende Auszug aus einer Mitschrift einer Gruppendiskussion exemplarisch veranschaulicht:

They [Community Support Alliance] have experienced volunteer drop outs (about 10%) due to old age, employment in the fishing industry, some may have moved, etc. Also some have the passion to care and support while others might have other interests. In general, volunteers are motivated by reciprocity, Christianity through the church serving the community (R / S / 20).

Aufbauend auf diese Aussage lassen sich zwei Aspekte festhalten: Zum einen sind die Obligationsmechanismen letztendlich nicht zwingend, beziehungsweise könnte deren Verpflichtungscharakter zwischen den Gemeinden differieren, da ja offensichtlich auch Rücktritte vom freiwilligen Engagement möglich sind. Zum anderen kann neben der religiösen Motivation zu helfen sowie der gemeinschaftlichen Obligation dazu als weiterer Beweggrund eine unbestimmte und teilweise enttäuschte Erwartungshaltung genannt werden. Freiwillige können also etwa materielle oder finanzielle Vergütung oder anderweitige Belohnung aufgrund der Kooperation erwarten, wobei diese Personen häufig bereits zu Beginn wieder auszutreten scheinen, wenn sie realisieren, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden.

Die Aussagen der Gemeindemitglieder lassen sich durch den folgenden Auszug aus einem Interview mit einem der Mitarbeiter der NGO hinsichtlich der religiösen Motivation der freiwilligen Helfer aus den Gemeinden ergänzen, die vulnerable, also von Armut und Krankheit gefährdete Haushalte besuchen und die darin lebenden Menschen unterstützen:

Francis: Majority of our caregivers, for example home-visitors, are Christians and they are moved by their being Christians, their compassion, their feeling that they are not just helping a vulnerable household or a vulnerable person, but because of the belief and value they attach to the word of god, they feel that when they assist such type of people, they are helping god, and they have this spiritual, ahm, goal of saying: when you do good things now, when you reach to heaven, you'll be accepted because of the good works you have done (I / FG / 4).

Auch hier wird die Motivation der Gemeindegruppenmitglieder ganz klar im christlichen Glauben verortet. Zudem werden die caregiver als "our caregiver" bezeichnet, womit ein gewisser Gemeinschaftssinn von NGO und Gemeinde ausgesprochen wird. Diese Interviewpassage erweckt den Eindruck einer Art idealtypischer Charakterisierung der Gemeindemitglieder aus der Sicht der NGO zu entsprechen. Inwieweit eine solche idealtypische Beschreibung in Interaktionen mit den Gemeindefreiwilligen dazu genutzt wird, um sie zur Mitarbeit zu ermutigen oder sie in ihrem Handeln zu bekräftigen bleibt jedoch ungeklärt.

Es bleibt also offen, in wieweit die moralisch-religiöse Verpflichtung als geteiltes Mittel zwischen NGO und Gemeinde fungiert und wie dieser gemeinsame Kommunikationsbezug aktiviert wird, um beispielweise Erwartungen an eine Zusammenarbeit zu klären. Religion scheint zumindest eine Möglichkeit der Anknüpfung an die auf der Gemeindeebene bestehenden kulturellen und religiösen Obligations- und Hilfestrukturen zu bieten, die auch die Gemeindemitglieder im Hinblick auf die religiöse Ausrichtung der NGO aktiv in die gemeinsamen Treffen und Diskussionen einbringen.

 
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